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17.09.2008
 

Die neue Furcht vorm Fliegen

Anschnallen, abheben, Angst

Sie gerieten in Panik, wollten nur noch raus: Flugpassagiere einer TUIfly-Maschine haben in Heraklion das Weite gesucht, als der Pilot einen Defekt am Triebwerk meldete. Die tatsächliche Gefahr war gering - doch der Kapitän erwähnte das Wort Madrid.

Hamburg - Nichts zu machen, die Passagiere wollten einfach nicht mehr mitfliegen: 14 Fluggäste eines TUIfly-Flugs von Heraklion nach Köln haben das Flugzeug vor dem Start verlassen, nachdem der Pilot einen Defekt an der Schubumkehr eines der Triebwerke vermeldet hatte. Auch die Mitarbeiter am Schalter konnten die Fluggäste nicht mehr zum Betreten der Jets bewegen und boten ihnen schließlich Ersatzverbindungen an.

Ein Sprecher des Flugunternehmens bestätigte SPIEGEL ONLINE den Vorfall, der sich am 5. September ereignet hatte. Die Passagiere seien vom Flug zurückgetreten, die Maschine startete und landete ohne weitere Probleme mit den restlichen 174 Passagieren auf dem Flughafen Köln-Bonn.

Auslöser für die Aufregung unter den Passagieren war offenbar eine missverstandene Bemerkung des Piloten: "Madrid ist zwar nicht weit, aber das hier ist eine Standardprozedur", berichtete die "Frankfurter Rundschau" unter Berufung auf einen Passagier.

"Faktor Mensch spielt eine Rolle"

"Wir haben den Piloten noch nicht sprechen können", sagt TUIfly-Sprecher Herbert Euler im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Dieser Satz - wenn er denn so gefallen ist - ist etwas unglücklich formuliert." Vielleicht habe jedoch auch der Passagier den Begriff Madrid überbewertet und in einem anderen Zusammenhang eingeordnet. "Der Pilot und die gesamte Crew gelten als umsichtig und professionell", sagte Euler. Der Kapitän habe zudem die Meldung nicht einfach aus dem Cockpit herausgegeben, sondern sich persönlich vor die Passagiere gestellt und die Situation ausführlich erklärt.

Dass er in diesem Zusammenhang auf die Flugzeugkatastrophe in Madrid Bezug genommen haben könnte, wollte Euler nicht ausschließen. Grundsätzlich seien Flugkapitäne gehalten, offen mit Unregelmäßigkeiten umzugehen. "Das kann der eine Pilot besser, der andere schlechter. Der Faktor Mensch spielt dabei eine wichtige Rolle", sagt Euler. Bei speziellen Ansagentrainings würden Piloten auf den Umgang mit den Passagieren geschult. Disziplinarische Folgen hat der Pilot nach Worten des Sprechers jedenfalls nicht zu erwarten.

Ihre Erfahrungen?

Der Humor von Piloten und Stewardessen ist manchmal recht schräg - und nicht gerade nervenberuhigend. Was haben Sie auf Flugreisen erlebt? Bei welchen Ansagen aus dem Cockpit verschlug es Ihnen den Atem oder mussten Sie schmunzeln?
Schildern Sie uns Ihre Erfahrungen - und mailen Sie sie an spon_reise@spiegel.de, Betreff: Cockpitsprüche.

Eine Auswahl der Einsendungen wird bei SPIEGEL ONLINE veröffentlicht. Mit der Einsendung von Bildern erklärt der Absender, dass er die Rechte an dem Material besitzt und mit der Veröffentlichung einverstanden ist.
Die Tatsache, dass die Schubumkehr nach dem Aufleuchten einer Kontrollleuchte abgeschaltet wurde, sei "in der Tat ein vollkommen legales und vorgeschriebenes Mittel", sagt Euler. Die Schubumkehr sei ein Instrument, mit dem ein landendes Flugzeug zusätzlich gebremst werde. Das gesamte Landeprozedere werde aber immer ohne Schubumkehr berechnet. "Vor allem die weniger flugerfahrenen Passagiere haben momentan eine höhere Sensibilitätsschwelle", erklärt der Unternehmenssprecher. Spanische Zeitungen hatten mit Hinweis auf Ermittler berichtet, eine eingeschaltete Schubumkehr sei Ursache für das Unglück der Spanair-Maschine im August gewesen.

Dass der Flugzeugabsturz von Madrid mit 154 Toten bei vielen Menschen Besorgnis ausgelöst hat, kann Tim Würfel, Präsident der Pilotenvereinigung Cockpit, bestätigen. "Ich selbst habe es zufällig erlebt - ein paar Tage nach dem Unglück hatte ich eine Gruppe Spanier an Bord. Die Leute haben geklatscht nach der Landung - obwohl das ein ganz normaler Flug war." Beim Absturz in Madrid im August hatte der Pilot einen ersten Startversuch wegen technischer Probleme abgebrochen. Einen Passagier, der vor dem zweiten Startversuch aussteigen wollte, hatte die Crew daran gehindert.

Piloten seien sich nicht immer darüber bewusst, dass sie das Vertrauen der Passagiere gewinnen müssen, sagte Würfel. "Es ist eine allgemeine Erfahrung, dass wir aufpassen müssen, ob wir auf die Bedürfnisse der Passagiere eingehen. Für uns ist der Umgang mit technischen Problemen das tägliche Geschäft - der Passagier hingegen weiß ja nicht, was gerade abläuft und fühlt sich dann ausgeliefert."

Seminare helfen gegen Flugangst

Nach Ansicht von Lufthansa-Sprecherin Renate Hocke haben das Unglück der Spanair-Maschine und die Spekulationen über die mögliche Ursache viel Unsicherheit erzeugt. Der Begriff Schubumkehr habe sich in den Köpfen festgesetzt - obwohl der Defekt gar nicht als Ursache für den Absturz in Madrid feststeht.

"Lasst den Behörden die Zeit, das Unglück zu untersuchen - es wird aufgeklärt und eine gründliche Analyse hilft der gesamten Branche", sagte sie. Seminare für Menschen mit Flugangst bietet die Lufthansa seit vielen Jahren an.

Der offene Umgang mit technischen Problemen ist bei den Fluggesellschaften üblich. Doch wie sie den Passagieren übermittelt werden, dafür gibt es keine festen Regeln. "Man sollte nicht zu viele technische Details erklären - das verunsichert nur noch mehr", sagt Pilot Würfel. "Wichtig ist, den Passagieren klar zu machen, dass man keine Kompromisse eingeht, wenn es um die Flugsicherheit geht. Schließlich ist man ja selbst mit an Bord. Das leuchtet dann ein."

reh

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