• Drucken
  • Senden
  • Feedback
11.11.2008
 

Zahnradbahn am Jungfraujoch

Nächster Halt Eismeer

Vorbei an Eigernordwand und Eispalast: Jedes Jahr bringt die Jungfraubahn Hunderttausende Schweiz-Besucher zur höchsten Bahnstation Europas. Bei deren Bau hatte es noch seltsame Vorbehalte gegeben.

Kleine Scheidegg - Es gibt Augenblicke, da gehen einem die komischsten Fragen durch den Kopf. Zum Beispiel: Was heißt "Guten Tag" eigentlich auf Japanisch? Wenn die Tür der Jungfraubahn sich schließt und die Passagiere sich einen Platz suchen, wäre es gar nicht schlecht, das zu wissen. Die Zahnradbahn, die auf der Kleinen Scheidegg mitten in den Schweizer Alpen startet, hat sich zu einer Touristenattraktion ersten Ranges gemausert, nicht zuletzt bei Gästen aus Japan. Alle Passagiere wollen ganz nach oben, hoch auf das Jungfraujoch, zur höchsten Bahnstation Europas.

Die Gäste aus Fernost haben zum großen Erfolg der kleinen Bahn beigetragen: Sie bringt inzwischen jedes Jahr weit mehr als eine halbe Millionen Gäste vom Fuß des Eigergletschers auf gut 2060 Metern Höhe zum "Top of Europe", der Aussichtsplattform mit Blick auf die Jungfrau, den mit 4158 Metern höchsten Berg der Region.

Irgendwer muss in Japan erzählt haben, dass die Jungfrau der tollste Berg der Alpen sei. Inzwischen ist Japan weltweit das Herkunftsland Nummer eins, viele Besucher kommen aber auch aus Südkorea, Indien, Taiwan oder China. Und wenn es unter den Chinesen erst die Runde macht, wie schön es auf dem Jungfraujoch ist, dann reichen die Waggons bald nicht mehr.

Jährlich neue Passagierrekorde

Schon jetzt kommen 60 Prozent der Gäste aus Asien. Weil die Zahl der Passagiere steigt, hat die Jungfraubahn ehrgeizige Pläne. 2007 war schon wieder ein Rekordjahr: Insgesamt 702.000 Fahrgäste stiegen in die schmalen Waggons. Schon gibt es Überlegungen, ob die Grenze von einer Million in naher Zukunft zu erreichen ist. Die Zahl der Loks, Triebwagen und Waggons ist ständig gewachsen. Im Sommer gibt es Tage, da fahren schon jetzt mehr als 6000 Passagiere hoch und runter.

Dabei ist die Strecke gerade einmal 9,3 Kilometer lang. Immerhin 16 Jahre lang wurde an den Gleis- und Tunnelanlagen von 1896 bis 1912 gebaut, auch das ein Rekord für sich. Der Mann, der die Idee dazu hatte, hieß Adolf Guyer-Zeller. Heute wird er als Visionär verehrt.

Doch vielen Zeitgenossen galt er als Spinner oder gefährlicher Phantast. Denn als er die Konzession für den Bau der Jungfraubahn erhielt, hatte so mancher noch Angst, die Fahrt in solche Höhen würden die Passagiere körperlich oder psychisch gar nicht durchstehen.

Vor allem konnte sich niemand eine Bahn- und Tunnelstrecke vorstellen, auf der Züge in solch schwindelnde Höhe fahren. Der Bau der Bahn war dann auch eine Strapaze. Finanzprobleme und tödliche Unfälle verzögerten das Projekt immer wieder. Adolf Guyer-Zeller starb, lange bevor die Strecke fertig wurde.

Per Zahnradbahn auf das Dach Europas

So recht macht sich das heute niemand mehr klar. Die Gäste bekommen eine "Nostalgiefahrkarte" aus Pappe, die so aussieht wie die vor 50 Jahren. Unten an der Kleinen Scheidegg hat es eben noch kräftig geschneit. Die Bahntrasse führt nun noch eine Zeitlang durchs Freie, dann taucht der Zug in einen langen Tunnel ein. Ein erster Stopp ist die Haltestelle "Eigergletscher" in 2320 Metern Höhe. Dann geht es wieder weiter im Inneren des Bergs bis zur nächsten Station "Eigerwand" in immerhin schon 2850 Metern Höhe.

Einen "Viewing Point" gibt es, aber die Glasscheiben, durch die man nach draußen schaut, sind sogar von innen vereist. Und die Besucher brauchen zumindest im Winter schon etwas Phantasie, um zu verstehen, was da wohl zu sehen sein soll. Ein paar japanische und koreanische Gäste gucken nur ganz kurz und stellen sich dann direkt neben dem Stationsschild auf, dann noch einmal in gleicher Position vor der Zugtür und lassen sich fotografieren - damit zu Hause in Japan und Korea auch tatsächlich alle sehen können, dass sie mit der berühmten Jungfraubahn hoch auf den schönsten Berg der Alpen gefahren sind.

Die Pause ist kurz, der nächste Stopp nicht weit: "Eismeer" heißt die Station diesmal. Wieder gibt es einen "Viewing Point", und wieder gibt es viele Fotos für die Verwandten in Ostasien. Der Höhepunkt der Bahnfahrt kommt bald danach und liegt auf 3454 Metern: "Top of Europe" heißt der Gebäudekomplex. Eine Bahnhofshalle gehört dazu, einige Restaurants mit mehreren hundert Plätzen, eine Messstation für "Luftfremdstoffe", ein Eispalast, eine Aussichtsplattform und die höchstgelegene Poststation - Rekord! - der Schweiz.

Im Eispalast sind Eisskulpturen zu sehen, man läuft durch einen Tunnel durchs Eis, vorbei an eisigen Wänden und über spiegelglatten Boden. In dem Komplex kann man sich leicht verlieren. Die Leiterin der koreanischen Reisegruppe hat deshalb eine Schweizer Flagge, mit der sie ihre Schäfchen um sich schart und notfalls Zeichen gibt. Für das letzte Stück, die Fahrt hoch auf die Aussichtsplattform, gibt es einen Fahrstuhl, auch dieser ein Rekordhalter: Der Lift jagt mit 6,3 Metern pro Sekunde die 108 Meter zur "Sphinx-Aussichtsterrasse" zum höchsten begehbaren Punkt am "Top of Europe".

Die Fahrgäste können hier durchs Glas auf die Berge gucken oder rausgehen, wenn sie keine Angst vor der Kälte haben. Denn auf fast 3500 Metern ist der Wind schon etwas frischer. Die Schneeflocken fallen ganz leise. Man blinzelt unwillkürlich. Hier oben zu stehen und staunend auf die benachbarten Viertausender zu schauen, ist schon irgendwie irre. Was heißt das wohl auf Japanisch?

Von Andreas Heimann, dpa

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
alles aus der Rubrik Aktuell

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP