Ein jeder ist unterwegs. Wir suchen das Unbekannte und landen oft im schmerzlich Vertrauten: Blechlawinen auf Autobahnen und Ringstraßen; Parkplätze, dichter besetzt als je ein Friedhof; Flughäfen, auf denen im Minutentakt Flugzeuge landen; kilometerlange Warteschlangen vor Seilbahnen und Museen.
Kaum ein Fleck der Erde ist vor unserer Mobilität sicher. Wo die Sonne hinscheint, steht schon eine Liege bereit. Wie die Heuschrecken schwärmen wir über jedem Schlaraffenort aus. Und wenn es uns abenteuert, tauchen wir zu Schiffswracks hinab, schweben in Heißluftballons über die Savanne oder brechen uns einen Weg durch das nicht mehr ganz so ewige Eis.
Wahrlich, wir sind viel unterwegs, aber reisen wir überhaupt noch? Wir fahren durch die Welt, aber wie viel erfahren wir von ihr? Sollte Reisen nicht über die Veränderung der Lokalität hinausgehen? Sollte Reisen nicht ein metaphysischer Akt des Erkennens sein? Wie sehr gilt für uns noch das maurische Sprichwort, nur der Reisende kenne den wahren Wert des Menschen?
In dem hinduistischen Lehrbuch "Aitareya-Brahmana" etwa steht geschrieben: "Es gibt kein Glück für den Menschen, der nicht reist. In Gesellschaft von Menschen wird auch der Beste zum Sünder … also brich auf. Des Wanderers Füße sind wie eine Blume: seine Seele wächst, erntet Früchte; seine Mühen verbrennen seine Sünden. Also brich auf! Wenn du rastest, rasten auch deine Segnungen; sie stehen auf, wenn du aufstehst, sie schlafen, wenn du schläfst, sie regen sich, wenn du dich regst. Gott ist der Freund der Reisenden. Also brich auf."
Indien: Seßhaftigkeit birgt alle Sünden
Ähnlich den christlichen Wandermönchen von einst ziehen noch heute indische Asketen, sadhus genannt, durch das Land. Die orthodoxeren unter ihnen verbringen keine zwei Nächte am selben Lagerplatz. Denn die Seßhaftigkeit berge alle Sünden in sich, ob Gier, Egoismus oder Gewalt. Wer aber in die Seßhaftigkeit hineingeboren ist, wer von ihr geprägt und geschult worden ist, kann das Reisen nur als einen seltenen Ausstieg erleben, als Auszeit von seinem All- und Eintag.
Reisen solcher Art sind keineswegs ein Luxus. Traditionell haben Pilger sie unternommen, ob auf Hadsch nach Mekka, zu Gipfeln des Himalaja oder auf dem Jakobsweg. Sie waren oft Suchende ohne finanzielle Mittel, die sich manchmal ein Leben lang auf die eine große Reise vorbereiteten.
Eine andere althergebrachte Form des Reisens verdankt sich dem Handel. Zu großen regionalen Märkten, wie etwa dem Montagsmarkt in Djenné im Herzen Malis, strömen Händler aus mehreren hundert Kilometern Entfernung, manche auf Kamelen, andere zu Fuß, die meisten aber in klapprigen Peugeots, die so überladen sind, dass ihre Ankunft wie ein Wunder erscheint. In Afrika oder Asien existieren noch vielerorts solche Kreuzungspunkte; die Händler müssen große Widerstände und Entfernungen überwinden.
Komfort statt Herausforderung
Das höchste Ideal des Reisens ist wohl die profunde Veränderung des Reisenden. Reisen, die solchen Ansprüchen genügen, sind aufwändig und anstrengend, sie erfordern Zeit und Mühsal, sie fordern den Einzelnen heraus – wenig haben sie gemein mit dem modernen, komfortablen Tourismus.
Was die touristische Branche als pauschale oder individuelle Reise verkauft, ist oft die Vermeidung von wahrem Reisen. Der Sinn des Reisens ist auf den Kopf gestellt: anstatt sich der Fremde auszusetzen, zahlt man Geld, um ihr aus dem Wege zu gehen.
Die Vermeidungstouren beginnen auf Prospekten und Landkarten, wo die ganze Welt verführerisch übersichtlich dargestellt ist, in kleinstem Maßstab, auf jedem Quadratzentimeter Informationen über Informationen, so verdichtet, dass man gar nicht durch das gespannte Netz fallen kann. Bevor man aufbricht, weiß man schon, wie die Fremde heißt und welche Ausfahrt zu ihr führt.
Wir trauen uns in jede Fremde, weil uns dort nichts passieren kann. Eine gewaltige Industrie garantiert, dass man von all jenen Irritationen, Verwirrungen und Überraschungen verschont wird, weswegen allein es sich lohnt, sein Zuhause – das Vertraute – zu verlassen. So bleibt das Gefühl der Befremdung auf der Strecke, das Gefühl, sich zu verlieren, das Gefühl, nicht zu verstehen, das Gefühl, nackt zu sein. Es entschwindet die existentielle Überraschung.
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