Hamburg - Es riecht nach Bohnerwachs und Hagebuttentee. Frühstück gibt es um Punkt 7 Uhr, und danach stehen Spüldienst und Tischtennis auf dem Programm. Mit Klischees wie diesen haben die Jugendherbergen oft zu kämpfen. Denn mancher stellt sie sich immer noch wie Schullandheime aus der Zeit von Filmen wie "Pepe, der Paukerschreck" aus den späten sechziger Jahren vor. In diesem Jahr feiern die Jugendherbergen nun mit bundesweiten Aktionen die Geschichte ihrer Entstehung vor 100 Jahren - und dabei wollen sie auch mit solchen althergebrachten Vorstellungen aufräumen und etwas gegen ihr angestaubtes Image tun.
"Es gibt da eine Menge veralteter Vorstellungen, die sich hartnäckig halten", sagt Knut Dinter vom Deutschen Jugendherbergswerk (DJH) in Detmold. So hätten viele immer noch die strengen Sitten vor Augen, die früher in den Herbergen herrschten. Das gelte etwa für die Sperrstunde: Zwar wird nach der DJH-Hausordnung in der Regel um 22 Uhr geschlossen. "Natürlich ist das in Großstädten aber lockerer, da ist oft bis 1 Uhr nachts geöffnet." Und einen Spüldienst gebe es auch nicht mehr: "Das lässt sich gar nicht mit den heutigen Hygiene-Vorschriften vereinbaren."
Trotz ihrer Imageprobleme sind Jugendherbergen heute beliebter denn je: Seit 2002 ist die Mitgliederzahl um mehr als zehn Prozent auf fast zwei Millionen gewachsen - das sind so viele wie noch nie. Auch bei den Übernachtungszahlen geht es aufwärts: Für 2008 rechnet das DJH mit einem Jahresanstieg von gut 100.000 auf mehr als zehn Millionen Übernachtungen in seinen 556 Häusern.
Stärker an Bedürfnisse von Familien angepasst
Für Tourismusforscher Torsten Kirstges von der Fachhochschule in Wilhelmshaven liegt das zum einen daran, dass viele Herbergen heute mehr Komfort böten. Seien sie früher oft karg und eher ungemütlich gewesen, habe sich die Qualität von Unterkunft und Verpflegung wesentlich verbessert. "Da ist das Niveau heute teilweise schon mit dem in Hotels der unteren Preisklasse vergleichbar."
Zudem sind Herbergen laut Kirstges mittlerweile stärker an die Bedürfnisse von Familien angepasst, seit es öfter auch Dreier- oder Viererzimmer mit eigenem Bad gibt. Auch gebe es mehr getrennte Bereiche für Eltern, in denen sie nicht vom Lärm der Schulklassen gestört werden, sagt Dinter. "Und sie bekommen auch einen eigenen Schlüssel." Ein Vorteil für Eltern sei in solchen Unterkünften auch, dass sich rasch der Kontakt zu anderen Familien ergibt und die Kinder schnell Spielgefährten finden, sagt Kirstges. "Das hat ja manchmal fast schon Club-Charakter."
Entsprechend erhalten die Jugendherbergen inzwischen mehr Zulauf von Familien: Während ihr Anteil in den vergangenen zwei Jahren um gut einen Prozentpunkt auf fast ein Sechstel (16 Prozent) wuchs, sank der Anteil der jüngeren Gäste bis 26 Jahren um denselben Wert.
Auch der Anteil der Schüler ist in der Vergangenheit gesunken und macht derzeit nur noch knapp 42 Prozent aus. "Das hat mehrere Gründe: Durch den Geburtenrückgang werden die Klassen kleiner. Und wegen der Verkürzung des Gymnasiums auf zwölf Stufen gibt es weniger Klassenfahrten", sagt Dinter.
Auch machen Hostels den Herbergen bei der Jugend Konkurrenz: "Wir richten uns gezielt an Rucksackreisende zwischen 20 und 26 Jahren, die zum Beispiel auf einem Städtetrip günstig übernachten und das Nachtleben genießen wollen", sagt Thomas Deppe vom Verein "Backpacker Network Germany" mit Sitz in Hamburg. "Schließzeiten gibt es daher bei uns nicht." Auch benötigten Gäste keine Mitgliedsausweise.
Pädagogischer Anspruch bleibt
Eine billige Bettenburg für Backpacker und Partyurlauber wollen die Herbergen dagegen gerade nicht sein. "Es geht bei uns eher darum, Gemeinschaft zu erleben", sagt Dinter. Das muss aber längst nicht nur beim Tischtennis passieren: Neben Yogakursen und Wellnessangeboten haben die Herbergen mittlerweile auch moderne Funsport-Anlagen etwa für Skateboarder oder zum Freeclimbing.
Für solche Gruppenerlebnisse gebe es auch heute ein Bedürfnis, sagt Tourismusforscher Kirstges. "So etwas war eine zeitlang verpönt, weil das als altbacken galt und vielleicht auch ideologisch als fragwürdig angesehen wurde. Heute lässt sich das wertneutraler wiederentdecken, ohne dass man gleich an die FDJ denken muss."
Auch hätten Gesellschaftsspiele im Familienkreis oder ein Kickermatch an Reiz gewonnen, weil sie einen Gegenpol zur Nintendo-Spielkonsole oder dem Fernseher darstellen. "Das ist eine Art Gegentrend zur Unterhaltungselektronik, die eher zum Alleinspielen verführt", sagt Kirstges. So dürften Gäste eine Playstation in den meisten Jugendherbergen auch künftig vergeblich suchen. "Das passt einfach nicht so in unser Konzept", ergänzt Dinter. "Wir achten schon immer noch auf das Prädikat 'pädagogisch wertvoll'."
Häufig komme es bei traditionellen Angeboten der Jugendherbergen aber nur darauf an, sie richtig zu verpacken: "Das wird heute oft nur etwas neumodischer genannt, damit es cool klingt", sagt Dinter. "Zu einer Nachtwanderung im Wald sagt man dann eben 'Survival light', dann finden das auch die Jüngeren wieder gut."
Von Tobias Schormann, dpa
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