Von Andreas Lorenz
Wenn man zurückblickt, war es wieder eine dieser Wahnsinnsideen, auf die nur Politiker mit übermächtigem Ego und zu großem Abstand zur realen Welt kommen. So einer war der Herrscher Taiwans, der Generalissimus Chiang Kai-shek, der die Insel zweieinhalb Jahrzehnte mit eiserner Faust regierte.
Mitte der sechziger Jahre heckte er mit seinen Generälen den kühnen Plan aus, von der kleinen Insel das riesige Festland mit seinen damals knapp 700 Millionen Einwohnern zurückzuerobern. Von dort hatten Maos Kommunisten ihn und seine Anhänger im Jahr 1949 vertrieben.
Der Zeitpunkt schien günstig: 30 Millionen Chinesen waren während Maos fehlgeschlagener Industrialisierungskampagne "Großer Sprung nach vorn" verhungert, die KP arg geschwächt.
Mit Kriegsschiffen an die Küste
Im Jahr 1965 schickte Taiwan zwei Kriegsschiffe an die chinesische Festlandküste, die Sonderkommandos absetzen sollten. Doch die Chinesen bekamen von dem Plan Wind und versenkten die Angreifer. Hunderte taiwanische Elitesoldaten und Seeleute starben. Die peinliche Geheimmission wurde bald abgeblasen und nie öffentlich gemacht. Von "Nationaler Glorie", so ihr Codename, keine Spur.
Nun ist genug Zeit verstrichen, das Verhältnis zwischen Peking und Taipeh hat sich verbessert. Chiangs Nachkommen öffnen die Akten - und am idyllischen Cihu-See, rund eine Autostunde südlich der Hauptstadt, die ehemalige Kommandozentrale für "Nationale Glorie" dem Publikum.
Zu besichtigen sind seit diesem Frühjahr fünf Bungalows, die im tropischen Grün der Hügel versteckt liegen. Hier beugten sich einst Offiziere über Schlachtpläne. Dahinter in den Hang gegraben liegt ein 150 Meter langer Bunker, in dem Diktator Chiang und seine Leute bei einem Bombenangriff Schutz suchen konnten. Den Schacht dürfen die Besucher allerdings nicht betreten, weil dort schützenswerte Fledermäuse leben, heißt es. Auf Monitoren kann man die Viecher von der Decke hängen sehen.
Bis auf die Gebäude und den Bunker ist nicht viel übrig geblieben aus jenen Tagen. Chiangs Nachkommen bauten die Anlage zu einem Museum für ihn, seinen Sohn und Nachfolger Chiang Ching-kuo und seine Frau Mei Ling um. Zu besichtigen sind viele Fotos und nachgemachte Möbelstücke - die echten stehen in anderen Gedenkstätten.
Schautafeln beschreiben den gescheiterten Plan, Mao aus Peking zu vertreiben. Die amerikanischen Verbündeten hatte Chiang übrigens nicht informiert. Washington hätte ihn vermutlich gezwungen, sich den Unsinn aus dem Kopf zu schlagen.
Spionageflugzeuge von der CIA
Und noch ein Stückchen Geschichte kommt am Cihu-See zum Vorschein: Der amerikanische Geheimdienst CIA stellte der taiwanischen Luftwaffe 1962 mehrere U2-Spionageflugzeuge zur Verfügung. Damit konnte das "Geschwader Schwarze Katze" aus 20.000 Meter Höhe militärische Stützpunkte auf dem Festland auskundschaften, darunter Abschussrampen für Atomraketen.
Doch auch diese Mission musste teuer bezahlt werden. Wie die Sowjets, die 1960 den US-Piloten Gary Powers über dem Ural abschossen, hatte auch die Volksbefreiungsarmee Raketen entwickelt, die insgesamt 14 taiwanische Spionageflieger vom Himmel holten. "Bedauernswerte Helden, unsterbliche Märtyrer", nennt das Museum die Opfer.
Den Ausflug in die unbekannte Geschichte Taiwans hat die neue Regierung unter Ma Ying-jeou ermöglicht, der wie der 1975 gestorbene Chiang der Nationalpartei Kuomintang angehört. Mas Vorgänger Chen Shui-bian, der sich derzeit wegen Korruption vor Gericht verantworten muss, hatte den Generalissimus noch demontieren lassen - im wahrsten Sinne des Wortes.
Schulen, Universitäten und Rathäuser verschrotteten allenthalben auf der Insel Denkmäler und Statuen des ungeliebten Herrschers. In der Nähe des neuen Museums haben viele in einem hübsch angelegten Park eine neue Heimat gefunden: 142-mal ist der Diktator in dieser skurrilen Schau zu bewundern - als Feldherr zu Pferde, als Denker im Sessel, als gütiger Herr mit Gehstock.
Mehr Touristen vom Festland
Unter Präsident Ma ist Chiang keine Unperson mehr. Ein paar Schritte vom Skulpturenpark entfernt liegt das Chiang-Mausoleum, ein bescheidener Flachbau mit Innenhof. Vor dem Gebäude steht jetzt wieder eine zackige Ehrenwache mit blitzblankem Stahlhelm.
Die Parkverwalter müssen nicht über mangelnden Nachschub klagen. Die Hafenstadt Kaohsiung etwa ließ ihren Chiang jüngst in acht Teile zersägen. Notdürftig zusammengesetzt steht das Bronzestück jetzt am Cihu-See. Touristen vom Festland, die seit kurzem die Insel besuchen dürfen, fotografieren sich davor.
Ärger zu Hause müssen sie nicht befürchten: Längst hat auch die KP den ehemaligen Todfeind wieder ein bisschen lieb. Der Nationalist, der Tausende von Kommunisten auf dem Gewissen hat, gilt ihr als aufrichtiger Patriot, weil er stets die Wiedervereinigung mit dem Festland wollte - wenn auch, wie die Operation "Nationale Glorie" beweist, zuweilen mit Gewalt.
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