SPIEGEL ONLINE: Wie fühlt es sich an, wenn ein Blitz das Flugzeug trifft?
Gerhard-Madjidi: Es gibt einen kurzen Schlag, einen Knall, wie wenn Sie mit der Hand auf die Tischplatte schlagen - und das war's.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie das schon erlebt?
Gerhard-Madjidi: Das kommt häufig vor. Ich hatte schon acht oder neun Blitzschläge.
Flugzeug in dunklen Wolken: Wetterradar zeigt Gewitter in Rot an
SPIEGEL ONLINE: Gibt es Schäden am Flugzeug?
Gerhard-Madjidi: Die Maschine muss nach jedem Blitzschlag überprüft werden. An den Ein- und Austrittsstellen findet man kleine Brandlöcher mit dem Durchmesser einer Bleistiftspitze, aber nichts, was das Flugzeug strukturell gefährden würde. Die Schäden werden dann repariert.
Gerhard-Madjidi: Nein. Wenn es klar abgegrenzte Gewitterwolken sind, dann ist es weder tags noch nachts ein Problem. Nachts kann man sie sehr gut an den Blitzen erkennen, durch die sie sich vom schwarzen Himmel abheben. Tagsüber ist die Gewitterwolke sehr gut durch ihre Ambossform zu identifizieren. Schwieriger wird es, um Gewitterwolken herumzunavigieren, wenn diese in andere Wolken eingebettet sind und man keine freie Sicht auf sie hat. Da hilft nur noch das Wetterradar.
SPIEGEL ONLINE: Kann das Radar durch einen Blitzschlag ausgeschaltet werden?
Gerhard-Madjidi: Mir ist kein Fall bekannt, dass das jemals passiert ist.
SPIEGEL ONLINE: Wer fliegt im Gewitter - der Autopilot oder Sie?
Gerhard-Madjidi: Normalerweise macht das der Autopilot, weil der Pilot dann mehr Kapazitäten frei hat, um das Flugzeug zu überwachen. Wenn man in starke Turbulenzen kommt, kann es sein, dass der Autopilot sich aus Sicherheitsgründen abschaltet. Dann muss man selbst fliegen.
SPIEGEL ONLINE: Wie erfahren Piloten überhaupt, dass es auf ihrer Flugstrecke ein Gewitter gibt?
Gerhard-Madjidi: Vor dem Flug erhält der Kapitän Wetterkarten, die aber nur ein grobes Bild über die Lage auf der Strecke geben können. An Bord haben wir ein sogenanntes Wetterradar. Das schalten wir immer an, wenn wir in Gewitterzonen fliegen. Gewitterzellen sehen wir dann als Radarecho auf dem Bildschirm und können sie entsprechend weiträumig umfliegen.
SPIEGEL ONLINE: Wie sehen diese Bilder aus?
Gerhard-Madjidi: Das Radar gibt die Niederschläge wieder: wenig in Grün, etwas mehr in Gelb und viel in Rot. Das typische Gewitter ist in konzentrischen Kreisen aufgebaut: an den Randgebieten grün, mit einem inneren gelben Kreis und einem roten Kern in der Mitte.
SPIEGEL ONLINE: Durch den grünen Bereich darf man noch fliegen?
Gerhard-Madjidi: Jedes Wetterradarbild muss man interpretieren: Ist es ein sehr großes Gewitter mit einem sehr großen roten Kern und schmalen gelben und grünen Linien, dann hält man möglichst großen Abstand und fliegt auch nicht in den grünen Bereich. Ist es ein kleineres Gewitter, mit einem sehr kleinen roten Kern und viel Grün außen herum, dann kann man auch unbeschadet durch das Grüne fliegen.
SPIEGEL ONLINE: Wie oft müssen Piloten Gewitter umfliegen?
Gerhard-Madjidi: Im Sommerhalbjahr, in dem sich viele Gewitter bilden, haben Sie das regelmäßig.
SPIEGEL ONLINE: Können Sie Gewitter auch überfliegen?
Gerhard-Madjidi: Das kommt drauf an: Wenn ein Gewitter in Europa eine niedrigere Obergrenze hat, können Sie es überfliegen, wenn Ihre Maschine bis auf 33.000 Fuß steigen kann. Aber in der Gegend nördlich von Brasilien reichen die Wolkenobergrenzen bis auf 50.000 Fuß, da kommen Sie mit einem Flieger nicht mehr drüber.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es Gründe, aus denen man zwangsweise durch ein Gewitter fliegen muss?
Gerhard-Madjidi: Nein, die gibt es nicht. Wir würden nie durch ein Gewitter fliegen. Wir halten immer einen respektvollen Abstand, um Turbulenzen und Hagelschläge zu vermeiden.
SPIEGEL ONLINE: Wie ist es, wenn das Umfliegen zu lange dauern und der Sprit ausgehen könnte?
Gerhard-Madjidi: Die Spritentscheidung trifft man schon vor dem Flug. Wenn die Wetterkarte vermuten lässt, dass ich ausweichen muss, dann nehme ich entsprechend zusätzlichen Sprit mit. Sonst ist das aber auch kein Problem. Im Zweifelsfall fliege ich eben eine kürzere Strecke und tanke auf.
SPIEGEL ONLINE: Es gibt aber auch Turbulenzen, die nicht vorhersagbar sind?
Gerhard-Madjidi: Ja, die sogenannte Clear Air Turbulence, die in großen Höhen am Rand von Jetstreams, der Starkwinde, entsteht. Die Jetstreams muss man sich wie einen Wasserfall vorstellen, an dessen Rand Verwirbelungen entstehen. Diese durchaus heftigen Turbulenzen sieht man nicht, weil dort keine Wolken sind und sie deshalb auch nicht auf dem Wetterradar angezeigt werden.
SPIEGEL ONLINE: Wo kommen sie vor?
Gerhard-Madjidi: Sie treten häufig im Nordatlantik auf, über Grönland und Island, wo auch meist die Jetstreams sind. Sie kommen aber auch über Gebirgen wie Alpen, Anden und Himalaja vor: Wenn starke Winde über die Berge wehen, verursacht das auch Verwirbelungen.
SPIEGEL ONLINE: Wann warnen Sie die Passagiere?
Gerhard-Madjidi: Möglichst bevor Turbulenzen auftreten. Wenn etwa in einem Gebiet mehrere Gewitter beisammenstehen und man zwischen zwei Gewitter durch muss, dann machen wir frühzeitig die Anschnallzeichen an und geben eine entsprechende Ansage an die Passagiere durch, damit sie auf den Plätzen bleiben.
SPIEGEL ONLINE: Und die Crew?
Gerhard-Madjidi: Sobald die Anschnallzeichen angeschaltet werden, muss die Kabinen-Crew - zumindest bei Lufthansa - im Cockpit nachfragen, ob sie den Service weitermachen kann oder ob sich selbst anschnallen soll.
SPIEGEL ONLINE: Ist die Strecke von Südamerika nach Europa besonders durch Turbulenzen gefährdet?
Gerhard-Madjidi: Grundsätzlich muss man immer mit Gewittern und Turbulenzen rechnen, wenn man durch die Innertropische Konvergenzzone fliegt. Diese Zone führt in Äquatorialnähe einmal um die Erde herum. Sie fliegen da auch durch, wenn Sie nach Südafrika reisen. Wenn Sturmsaison vor Amerika ist, können sich dort auch Wirbelstürme und Hurrikane bilden.
Das Interview führte Antje Blinda
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