Von Ann Kathrin Sost
Mit einer Machete weist Machini Mbolweni den Weg durch den Busch. Es riecht nach Erde, unbekannten Pflanzen und dem nahe liegenden Indischen Ozean. Faustgroße Spinnen räumt der traditionelle Heiler in der südafrikanischen Provinz Eastern Cape aus dem Weg, damit die Touristengruppe ihren Weg fortsetzen kann. Dann hat er etwas entdeckt: "Hier, diese Pflanze", sagt Mbolweni fröhlich und weist mit der armlangen Machete auf ein unscheinbares Gewächs, "hilft gegen Magenschmerzen. Und die Rinde dieses Strauches hier", fährt er fort, "in deren Sud kann man baden. Dann wird man vor Gericht freigesprochen, egal, was man verbrochen hat. Funktioniert wie eure Anwälte."
Eine Tour mit dem Dorfheiler durch die südafrikanischen Wälder - nur selten bekommen Reisende eine Chance auf solche Einblicke. In der "Bulungula Lodge" im abgelegenen Dorf Nqileni ist das anders. Die Dorfbewohner organisieren Touren mit dem Heiler, zur örtlichen Kneipe, Reit- und Kanuausflüge, Angeln und sogar Massagen. Die Lodge, genau genommen eine Ansammlung afrikanischer Lehmhütten, gehört zu 40 Prozent dem Dorf.
Den Rest hat der weiße Südafrikaner Dave Martin übernommen, der bei einer Weltreise auf die Idee für das Projekt kam. Rund 80.000 Euro hat er investiert. Profite gibt Martin, der selbst im Dorf wohnt und offiziell mit seiner Lebensgefährtin in die Gemeinde aufgenommen wurde, weiter. "Ich kann hier ja nicht der reiche Dorfkönig sein", erklärt er schlicht.
Strom gibt es nicht in Nqileni, nicht einmal eine Straße, die den Namen verdient. Wer keinen Geländewagen hat, muss sich von einem abholen lassen und rumpelt dann vorbei an winkenden Kindern, Frauen mit schweren Lasten auf dem Kopf, Ziegen und Hunden bis an sein Ziel.
Die fünf Jahre alte "Bulungula"-Lodge war die erste Unterkunft, die offiziell das südafrikanische Siegel für Fairen Handel im Tourismus erhielt, bei dem mittlerweile rund 30 Unternehmen zertifiziert sind. Die Organisation will für Nachhaltigkeit in der wachsenden Branche sorgen. Jährlich wächst die Zahl der Besucher am Kap um rund zehn Prozent, nach der Fußball-WM 2010 dürften es noch mehr werden. Statt auf zahllose neue und gesichtslose Hotels setzt der faire Tourismus auf Umweltschutz, angemessene Arbeitsbedingungen, die Einbindung der oft verarmten und schlecht ausgebildeten Bevölkerung - und die wachsende Zahl an Reisenden, die das zu schätzen wissen.
Sicherheitsschlösser gibt es nicht
Das Vorzeigeprojekt "Bulungula" wirkt tatsächlich wie ein Paradies: Auf sanften grünen Hügeln sind Rundhütten verstreut, die Strände endlos und unberührt, Lagunen und Wälder wechseln sich ab. Die Lodge selbst fügt sich ökologisch korrekt ins Bild: Direkt am Meer an einem denkbar idyllischen Platz gelegen, die Gästehütten für rund 23 Euro pro Nacht einfach mit einem Doppelbett und einer Ablage für das Gepäck eingerichtet. Es gibt Kompostklos sowie solar- und paraffinbetriebene Duschen.
Die Küche haben die Frauen des Dorfes übernommen, die neben traditioneller Kost vom Volk der Xhosa auch Gerichte wie Käsemakkaroni "im Alpen-Stil" beherrschen. Abends treffen sich alle am Feuer, mitunter wird getrommelt. Auch den Aufenthaltsraum mit seinen handgezimmerten Möbeln, den funzeligen Solarlampen und dem ausufernden Bücherregal teilen sich Touristen mit den Anwohnern.
Was ein wenig klingt wie eine Hippie-Kommune, zieht die unterschiedlichsten Gäste an: rüstige alte Damen mit Wanderstöcken, Burenfamilien, deren blonde Buben sofort bei den Dorfkindern Anschluss finden, schwarz-weiße Paare, Studenten. Schlösser oder Zäune gibt es in der Lodge nicht. Denn wer stiehlt, würde das einzige Projekt gefährden, das hier Arbeit schafft. In einem Land, in dem die Kriminalitätsrate besonders hoch ist, ist es erstaunlich, wie gut das funktioniert.
Doch wie arm Nqileni ist, ist nicht zu übersehen. Die Wasserstellen teilen sich Menschen mit Vieh und Hunden. Toiletten hat hier niemand. Kliniken gibt es kaum in der Region - und über die schlaglochübersäte Lehmpiste sind sie nicht schnell genug zu erreichen. Die Grundschule besaß weder Fenster noch ein Dach, bis Dave Martin mithilfe eines Entwicklungsprojekts für das Dorf neue Gebäude errichten ließ. Für weiterführende Schulen ist das Dorf viel zu abgelegen und die Bewohner zu arm, um Fahrt- und Unterkunftskosten zu bezahlen, berichtet er: "Erst fünf Dorfbewohner haben es je geschafft, einen höheren Schulabschluss zu machen."
Luxuscamp mit Unterstützung der Entwicklungsbank
Umso wichtiger sind die Chancen, die Tourismusprojekte wie "Bulungula" eröffnen. Auch anderswo in Südafrika wird das erkannt. In der Provinz North West an der Grenze zum Nachbarland Botswana etwa hat der Häuptling des Dorfes Molatedi gleich nach den Sternen gegriffen: fünf Sternen, um genau zu sein. Die Bewohner betreiben die Luxus-Safariunterkunft "Thakadu River Camp" im angrenzenden staatlichen Madikwe-Nationalpark. Unterstützt werden sie von der afrikanischen Entwicklungsbank und der Ford-Stiftung, fortgebildet von einem privaten südafrikanischen Hotelbetreiber.
Ranger aus dem Dorf zeigen zahlungskräftigen Gästen die "Big 5" - Löwen, Elefanten, Büffel, Nashörner und Leoparden. Nach einem Drei-Gänge-Menü und teurem südafrikanischen Wein übernachten Touristen in geräumigen Safari-Zelten samt Klimaanlage, Veranda und großem Badezimmer. Selbst in der Nebensaison ist das knapp drei Jahre alte Camp ausgebucht. Models aus Kapstadt und Neureiche aus den USA finden es offenbar schick, Gutes zu tun.
Dabei ist der Service noch alles andere als perfekt angesichts der Tatsache, dass eine Nacht hier mit rund 230 Euro zu Buche schlägt: Viele junge Mitarbeiter sind nervös und rattern das Angebot herunter, Nachfragen überfordern, abgeräumt wird nur nach vielfacher Aufforderung.
Benjamin Nbonis Lächeln macht das allerdings wieder wett. "Wundervoll, wir sind so glücklich, vielen Dank allen Gästen" sind die am häufigsten benutzten Worte des Camp-Managers. "Es gibt hier sonst keine Arbeit, keine Industrie, keine Minen, gar nichts", erklärt er. Dank des Camps kann er jetzt Erfolgsgeschichten listen: Die erste schwarze Rangerin arbeitet im Camp. Ein Putzmann wurde zum Fünf-Sterne-Koch ausgebildet. Das Dorf hat eine neue Kinderkrippe. 50 Leute wurden hier mittlerweile angestellt.
Der Molatedi-Häuptling hat bereits weitere Pläne, denn der Druck seiner Untergebenen auf mehr Arbeit wird größer: Sobald die Pacht für die Unterkünfte abbezahlt ist, soll ein Konferenzzentrum gebaut werden. "Wenn ihr zum Camp fahrt, seht ihr ärmliche Hütten. Wenn ihr das nächste Mal kommt, frisch gestrichene Häuser", strahlt Nboni zuversichtlich.
Kein Wort für Tourismus
Das "Fair Trade"-Siegel konnte Nboni trotz seines Charmes bisher nicht für das Camp erringen. Denn noch profitieren die Menschen aus der Umgebung zu wenig von der Lodge - die Einkäufe werden sämtlich im vier Autostunden entfernten Johannesburg besorgt. Den Campbetreibern ist es noch zu aufwendig und zu teuer, für ein Fünf-Sterne-Unternehmen hier ein paar Eier, da ein wenig Gemüse aus dem Dorf zu kaufen.
Dave Martin hält daher nicht allzu viel von teuren Luxusprojekten in verarmten Regionen. "In der Sprache der Leute aus Nqileni gibt es nicht einmal ein Wort für Tourismus", sagt er. "Wie sollen sie dann verstehen, was jemand von ihnen erwartet, der pro Nacht mehrere hundert Euro hinblättert?"
Rucksacktourismus habe mehr Potenzial, findet er: "Das sind unabhängige Reisende, die nach authentischen Erfahrungen suchen. Da muss auch nicht immer alles perfekt sein." Und wenn, wie in Bulungula, Gäste wie Bewohner in Lehmhütten wohnten, sei auch die "empfundene Ungleichheit" nicht so groß.
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