Von Dorte Huneke
Istanbul - Zu Hause darf Alper Sey nicht rauchen. Seine Frau will das nicht. "Deshalb komme ich hierher. Jeden Tag. Seit über 30 Jahren", sagt der 56-jährige Fabrikarbeiter. Das Kaffeehaus im Istanbuler Stadtteil Kasimpasa ist für ihn ein zweites Wohnzimmer - und Marktplatz für Neuigkeiten. "Hier spielt sich das Leben ab. Hier diskutieren und streiten wir, hier erfährt man, was es Neues gibt. So ist das in der Türkei." So war es jedenfalls seit vielen Generationen für Millionen Männer in der Türkei.
Am Sonntag, wenn das strenge Rauchverbot eingeführt wird, könnte sich das Leben dieser Männer radikal ändern. Alper Sey will nicht mehr herkommen, wenn er hier nicht mehr rauchen darf.
"Das ist so als würde man den Rauch im Hamam verbieten oder die Hintergrundmusik im Film", schimpft Mehmet Çolak, Besitzer des Kaffeehauses. "Das Rauchen gehört einfach dazu. Es ist beruhigend. Wie der Tee." Und es ist Teil des Geschäfts.
Wenn das, wovon er jahrelang seinen Lebensunterhalt bestritten hat, plötzlich illegal ist, muss er den Laden wohl dichtmachen. In dieser Lage sehen sich zur Zeit Hunderttausende Besitzer von Wasserpfeifen-Cafés, Teestuben und Kaffeehäusern in der Türkei. "Absurd ist das", schimpft Ismail Özçelik. Er betreibt ein Café in einem der ältesten Wasserpfeifen-Gärten am Bosporus, das Çorlulu Ali Paa Medresi Kahvesi im Stadtviertel Sultanahmet. "Wer in ein Wasserpfeifen-Cafe kommt, will rauchen. Das ist doch ein freier Entschluss."
"So ein entspannter Ort"
Das Lokal befindet sich in den historischen Gemäuern einer ehemaligen Medresse, einer Koranschule. Unter den vielen Stammgästen verbringen neben Anzugträgern und blonden Frauen in Trägershirts auch Frauen mit Kopftuch und Männer mit Gebetsketten ihren Feierabend. "Es ist eben ein entspannter Ort", sagt Ismail. "Es ist doch schön, wenn so unterschiedliche Menschen zusammenkommen!"
Beschlossen wurde das umfangreiche Rauchverbot von der türkischen Regierung bereits vor anderthalb Jahren. Strafrechtlich verfolgt werden die Verstöße aber erst ab dem 19. Juli. Verboten ist fortan das Rauchen in und vor Restaurants, Cafés, Teegärten, auf überdachten Terrassen, Spielplätzen - und im Fernsehen. Einige Kanäle haben bereits damit angefangen, Zigaretten mit einem schwarzen Balken zu versehen. Rauchenden Colt-Trägern wird demnach der Glimmstengel im Mund, nicht aber der im Halfter wegretuschiert.
Das neue Lebensgefühl wird auf meterhohen Transparenten über breiten Straßen verbreitet. Die neue Türkei ist rauchfrei und sauber. Wer raucht, ist Spielverderber, unmodern und antieuropäisch.
Fast ein Drittel der Türken raucht
Tatsächlich begrüßt die Mehrzahl der Türken die neue Freiheit von Belästigungen durch den blauen Dunst. Selbst rauchende Passanten loben das neue Gesetz und erklären, sie hätten ohnehin längst vorgehabt, das Rauchen aufzugeben. Protest hört man auf den Straßen nicht. Und das in einem Land, in dem laut offizieller Statistik mehr als 30 Prozent der über 15-Jährigen rauchen.
Bei den direkt Betroffenen ist die Wut dafür umso größer. "Die türkischen Medien schreiben nur darüber, wie gut das Verbot für die Gesundheit ist", schimpft Ismail. "Keiner redet davon, dass eine uralte Kultur zugrunde geht. Dass uns ein Stück Freiheit genommen wird. Dass Millionen Menschen möglicherweise ihre Existenz verlieren."
Neidvoll blicken die türkischen Gastronomen auf ihre Kollegen in Spanien und Portugal, wo Lokale, die kleiner als 100 Quadratmeter sind, selbst darüber entscheiden dürfen, ob sie ein Raucher- oder Nichtraucherort sein wollen. "Ich würde sofort einen Raum für Raucher einrichten", sagt Ismail. "Hier draußen dürfte dann niemand rauchen. Das wäre okay. Aber so? Ich habe einen Ort, der mir gehört, und ich darf nicht darüber entscheiden, ob man dort rauchen darf. Ist das Freiheit?"
Raucher, die das Gesetz missachten, müssen künftig Strafen in Höhe von umgerechnet rund 26 Euro zahlen, eine Gaststätte kann ein Verstoß bis zu 26.000 Euro kosten.
Tradition aus den Palästen
Viele ohnehin EU-müde Türken halten auch diese Annäherung ihres Landes an die Europäische Union für eine schlechte Idee. Wie der 25-jährige Finanzmanager Furkan, der jeden Abend ins Çorlulu Ali Paa Medresi kommt, um zwei bis drei Wasserpfeifen zu rauchen, Freunde zu treffen und Tee zu trinken. "Ich will überhaupt nicht nach Europa, das passt nicht zusammen", sagt Furkan. "Die Nargile ist ein uralter Teil unserer Kultur aus der osmanischen Zeit. Ganz früher durften nur die Menschen in den Palästen Wasserpfeifen rauchen. Dann wurde es auch dem Volk gestattet. Wieso sollten wir uns das wieder nehmen lassen?"
Aufgewachsen ist er in Mardin, im Südosten der Türkei. "Als ich herkam, bin ich durch etliche Cafés in unterschiedlichen Vierteln gezogen und habe mit den Menschen gesprochen. So habe ich die Stadt kennengelernt. So ist das bei uns: In den Teestuben und Kaffeehäusern spielt sich das Leben ab."
Inzwischen auch für Frauen. "Ich komme jeden Tag hierher", sagt Ümit, die mit ihrer Freundin Nurcan gekommen ist. "Wenn ich hier nicht mehr rauchen kann, bleibe ich zu Hause", sagt sie entschlossen. "Das ist ja wie in der Osmanischen Zeit unter Murad IV. hier! Einer da oben sagt uns, was wir zu tun und zu lassen haben. Das kann doch nicht sein."
Sonderregelung für Altenheime und Psychiatrien
In Zukunft wird es nur noch wenige Räume außerhalb der eigenen vier Wände geben, wo Rauchen gestattet ist: Hotels dürfen eine Etage zur Raucheretage erklären, außerdem darf geraucht werden in Gefängnissen, Altenheimen und Anstalten für Geisteskranke.
Ismail denkt schon darüber nach, Betten aufzustellen und sein Café zum Hotel zu erklären. Einige Lokalbesitzer werden sicher zum Berliner Modell greifen und ihre Läden als private Clubräume deklarieren. "Abwarten", sagt Ümit. "In den Taxis ist das Rauchen schon lange verboten. Und wer hält sich daran? Ich glaube, das ist alles halb so wild, es wird sich in vier Monaten alles wieder normalisiert haben. Wir sind doch in der Türkei!"
Die wenigsten können sich vorstellen, dass der Rauch vom einen auf den anderen Tag aus den Cafés verschwinden wird - und wenn dafür einige Bestechungszahlungen nötig sind. Es wäre allerdings nicht die erste Kulturrevolution von oben: nach Gründung der türkischen Republik wies Staatschef Mustafa Kemal Atatürk die Männer seines Landes an, keinen Fes, sondern moderne Hüte zu tragen, die Frauen sollten ihre Kopftücher abziehen, das arabische Alphabet wurde durch das Lateinische ersetzt. Sein Wille geschah. In kürzester Zeit.
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... warum forderst du nicht all deine Punkte auch in Hinblick auf Alkohol? Aber saufen ist ja ok, gell? Unfalltote, häussliche Agressionen, etc. sind ja schließlich hinnehmbar, ja? mehr...
Zitat von Rainer Girbig "Reglemtierungen ohne Ende, die immer mehr in die Gestaltungsfähigkeit und die Persönlichkeit der Menschen eingreifen. Soll Europa ein Gefängnis werden?" Warum Gefängnis, oder denken die [...] mehr...
Dann werde ich das also mal nachlesen und mich überraschen lassen. Hier in der Schweiz gibt mir der Staat übrigens auch in privaten Räumen bald keine freie Hand mehr, so unglaublich das klingt. Es ist geplant, das Rauchen auch [...] mehr...
Der WIKI-Artikel war mir bekannt. Ich empfehle Ihnen ein Streitgespräch aus der"Welt" vom Ende des Jahres 2008. Googeln Sie mal "Raucherkneipen+Lüftungsanlagen" und gehen Sie dann auf den Artikel "Das [...] mehr...
Mir war natürlich klar, dass Sie das antworten würden. Aber wenn Hitler länger an der Macht gewesen wäre, hätte er die Gesetze bestimmt eingeführt. Und über weitere Verbote können Sie hier etwas lesen: [...] mehr...
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