Von Stephan Orth
"Mit dem Thema Sommerfrische ist leider nichts Großartiges zu erreichen", sagt Harry Gmeiner, Tourismuschef von Bayrischzell, auf dem Bergsteigerfestival "International Mountain Summit" in Brixen am vergangenen Freitag. Der Marketing-Mann trägt Designerbrille und Trachtenjoppe und referiert darüber, dass heute nun einmal Adrenalin-Kicks gefragt seien, um speziell jüngere Gäste anzulocken. Noch ist sein "Flying Fox" nicht beschlossen, und die Idee hat erbitterte Proteste von Umweltschützern und Traditionalisten ausgelöst.
Um den ZDF-Moderator Markus Lanz sitzen im Forum Brixen auf Strohquadern die Vertreter verschiedener Urlaubsweltanschauungen. Sie sollen die Frage erörtern, wie viel Natur und wie viel Spektakel es braucht, um mehr Besucher in die Alpen zu locken.
Strandvergnügen im Skigebiet
Für Andreas Steibl, Tourismuschef von Ischgl in Tirol, ist die Antwort einfach: Mit Partys, Popstars und Entertainment schnürt er im selbsternannten "Ibiza der Alpen" dem Besucher ein hochprozentiges Rundum-Bespaßungspaket. "Relax. If you can...", droht der Werbespruch des einst beschaulichen Bergbauerndorfes, das für sich beansprucht, den Après-Ski erfunden zu haben.
Wenn man in Ischgl im Winter ein Beachvolleyball-Turnier veranstalten will, wird das mit beheiztem Sand umgesetzt. Zur Saisoneröffnung traten hier Elton John, Rihanna oder die Pussycat Dolls auf, dieses Jahr ist die Rockgöre Katy Perry dran.
Steibl trägt eine weiße Krawatte, teure Fliegeruhr, die langen blondierten Haare sind zum Pferdeschwanz zusammengebunden. Wenn er über die Trinkfreudigkeit der Ischgl-Besucher redet, sagt der bekennende Porschefahrer Sätze wie "Man kann auch in gehobenem Stil einen in der Latte haben" oder "Unser Gast versucht, in kürzester Zeit das Maximum zu erleben".
Sein erlebnisorientierter Relax-if-you-can-Tourist hat in den Bergen wahrscheinlich wenig Interesse an einer gemütlichen Kräuterwanderung auf der Alm oder einer Wurstverkostung auf einem Biobauernhof. Solcherlei bietet der Naturführer Markus Breitenberger auf mehrtägigen Wanderungen in Südtirol an. Er hat dem Moderator ein Glas selbstgemachte Marmelade mitgebracht.
Breitenberger überrascht Lanz, als er bekennt, er finde Ischgl super. "Das ist eine schöne Kanalisierung dieser Gäste, so bleiben die anderen Regionen frei von den Kunden, die sich in Ischgl wohlfühlen", freut sich der Naturbursche.
"Das ist besetzt und funktioniert"
Ein Modellbeispiel wie aus dem Marketing-Lehrbuch ist Ischgl, da ist sich die Runde einig - schließlich vermarktet man dort ein eindeutiges Produkt, konzentriert sich auf eine Zielgruppe, grenzt sich von der Konkurrenz ab. Ähnliches soll die Flying-Fox-Drahtseilrutsche erreichen.
Doch Gmeiner will die Gelegenheit auch nutzen, um die natürlichen Vorzüge der Region um Bayrischzell anzupreisen. "Wir schärfen unser Produkt auch im Bereich der Ruhe", sagt er, und: "Wir besetzen das Thema Wandern sehr stark, das ist besetzt und funktioniert." Auf Deutsch: In Bayrischzell werden Spazierwege gepflegt und ausgebaut. "Sagen Sie jetzt bitte noch 'Portfolio'", fordert Lanz, doch seine Sarkasmus-Attacke prallt so wirkungslos an Marketing-Sprech-Meister Gmeiner ab wie ein Schneeball an einer Talstationsbetonmauer.
Es ist höchste Zeit, den 68-jährigen Doug Scott ins Gespräch zu holen. Der weißhaarige Brite zählt zu den bedeutendsten Bergsteigern aller Zeiten. 40 Erstbegehungen im Himalaja und Karakorum in den siebziger und achtziger Jahren machten ihn weltweit bekannt. Die meisten Gipfelsiege gelangen ihm mit einem Minimum an Ausrüstung, seit Jahrzehnten setzt er sich für faire Arbeitsbedingungen der Sherpas ein.
Scott redet davon, dass doch die Menschen in die Berge kommen, um wieder eine Verbindung zur Natur zu spüren, was in der hochtechnisierten Welt von heute wichtiger sei denn je. Mammut-Tourismusprojekten à la Ischgl und Bayrischzell bedeuten für ihn "kurzfristige Gewinne, langfristig wird das jedoch in einer Katastrophe enden". Den Bergen werde das Abenteuer genommen. "Das ist so, als würde man seine Frau in ein Restaurant ausführen und sich dann für McDonald's entscheiden", sagt Scott. Bayrischzell-Mann Gmeiner zupft verlegen an einem Stück Stroh, das er aus seinem Sitz gepflückt hat.
Scott erhält Verstärkung aus dem Saal. In Wanderschuhen stapft Bergsteigerlegende und Öko-Aktivist Reinhold Messner auf die Bühne. Er kommt gerade von einer Wandertour durch seine Heimat im Villnößtal zurück, wo er mehr als 80 Hobby-Alpinisten abseits der Pfade im knietiefen Schnee bewies, dass er hier wirklich jeden Baum kennt.
Kein Fuchs für Südtirol
Messner spricht minutenlang über die Wichtigkeit des Tourismus für die 16 Millionen Einwohner in den Alpen. Über die Bergbauern, die nur mit den Einnahmen durch die Besuchern überleben können. Über das Massen-Skigebiet Kronplatz, das das halbe Pustertal ernähre, gleichzeitig aber den Grenzgängern und Ruhesuchern in den Bergen nichts wegnehme. "Der Alpinismus beginnt doch dort, wo der Tourismus aufhört. Wo der Mensch früher nicht hinging, sollten wir auch heute keinerlei Infrastruktur machen." Von einem völligen Verzicht auf touristische Entwicklung hält er wenig, denn ein solcher Fundamentalismus habe dem Naturschutz nur geschadet und nicht genutzt.
"Darf Gmeiner in Bayrischzell also den Flying Fox bauen?", will Lanz wissen. "Er darf tun, was er will", sagt Messner. "Soll er ihn denn bauen?" "Ist mir völlig wurscht, ob er den baut, er macht nicht meine Berge kaputt." "Dürfte er ihn denn in Südtirol bauen?" "In Südtirol würde ich sagen, er darf nicht, in Bayern soll er's machen." Was für ein Erfolg für Gmeiner, der mit leicht geröteten Wangen den Schlagabtausch verfolgt: Er kann jetzt den erzürnten Traditionalisten im Gemeindesaal Bayrischzell verkünden, dass sich Reinhold Messner für den "Flying Fox" in Bayern ausgesprochen hat.
Auch Andreas Steibl beschert die Diskussion noch einen unverhofften Moment der Übereinstimmung. Es ist der Moment, in dem der Anhänger von Party, Porsche und Pflümli und der Anhänger verwegener Outdoor-Abenteurer ihren kleinsten gemeinsamen Nenner finden.
Lanz will von Doug Scott wissen, was denn sein größtes Naturerlebnis war. "Das war nicht in den Bergen", sagt der 68-Jährige. "In einem Restaurant?", fragt Lanz. "Nach dem Restaurant", sagt Scott mit einem anzüglichen Grinsen.
Der Ischgl-Mann strahlt.
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