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04.12.2009
 

Risiko Tauchlehrer

Tod in 35 Meter Tiefe

Von Linus Geschke

Majestätische Fischschwärme, geheimnisvolle Wracks, bunte Riffe: Immer mehr Deutsche machen eine Tauchausbildung. Sie vertrauen dabei auf die hohen Sicherheitsstandards der Verbände und auf die Erfahrung ihrer Tauchlehrer. Manchmal zu Unrecht, wie zwei tödliche Unfälle zeigen.


Im Leben des 23-jährigen Benjamin R. aus dem Kreis Lüneburg gab es drei große Lieben: seine Verlobte Sandra, seinen Hund Luna und den Fußballverein Werder Bremen. Nach einem Karibikurlaub kam im Sommer 2009 noch eine weitere hinzu: der Tauchsport. Es sollte eine tödliche Liebe werden.

Geschätzt 55.000 Deutsche absolvieren pro Jahr weltweit eine Tauchausbildung. Meist angezogen durch beeindruckende Aufnahmen farbenprächtiger Korallenriffe, stürzen sie sich begeistert in das neue Abenteuer und hoffen auf Begegnungen mit den unterschiedlichsten Meereslebewesen. Ob im Indischen Ozean, der Karibik oder im Roten Meer: Die durch die großen Ausbildungsorganisationen gesetzten Sicherheitsstandards haben dafür gesorgt, dass Tauchen zu einer Sportart geworden ist, die das Wort Risiko fast ausschließt. Fast.

Dies gilt insbesondere für heimische Ausbildungen, die weltweit als besonders gründlich gelten. Deutsch eben. Und so wollte auch Benjamin R., der bis dato lediglich zehn Tauchgänge in tropisch-warmen Gewässern absolvierte, seine weitere Taucherlaufbahn in Deutschland fortsetzen. In der Dominikanischen Republik hatte er die ersten beiden Kurse OWD und AOWD in einem Rutsch erledigt, jetzt sollte direkt im Anschluss das "Deep Dive Specialty" erfolgen - bei seinem ersten Ausflug in kalte Gewässer, im norddeutschen Hemmoor.

Schon Tage vorher drehten sich die Gedanken von "redfox23", wie sich Benjamin im Chat eines großen Internetportals für Taucher nannte, nur noch um das anstehende Ausbildungswochenende. Seine Begeisterung wirkte grenzenlos, mahnende Worte anderer Chatteilnehmer schlug er in den Wind - er vertraute blind auf den Tauchlehrer seines Clubs, der ja schon wisse, was er da tue.

Tödliche Panikattacke in 35 Meter Tiefe

Was dann am 1. August 2009 in Hemmoor genau passierte, wird jetzt wahrscheinlich ein Gericht klären müssen. Sicher ist nur, dass Benjamin mit einem ebenfalls nicht sonderlich erfahrenen Tauchpartner vom Tauchlehrer alleine zum geplanten Tieftauchgang geschickt wurde - ohne dass dieser, wie in den Ausbildungsrichtlinien zwingend vorgesehen, die beiden begleitete.

In dem kalten Gewässer bekam der Tauchanfänger laut der Aussage seines Tauchpartners in über 35 Meter Tiefe eine Panikattacke. Alle Versuche, Benjamin zu beruhigen, schlugen fehl. Beide Taucher sackten weitere zehn Meter ab. Um sein eigenes Leben nicht zu gefährden, stieg sein Tauchpartner zur Oberfläche auf und leitete die Rettungskette ein - eine richtige Entscheidung: Anders als ein qualifizierter Tauchlehrer war er für eine solch schwierige Situation weder ausgebildet noch vorbereitet. Doch die von ihm angeforderten Rettungstaucher kamen für Benjamin zu spät, nur noch seine Leiche konnte geborgen werden.

Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erklärt Polizeisprecherin Anke Rieken von der Polizeiinspektion Cuxhaven/Wesermarsch, dass laut ersten Untersuchungen wohl ein defektes Auslassventil an dem Tauchjacket zur Panik führte. Sowohl die Polizei Cuxhaven wie auch die Staatsanwaltschaft Stade haben Ermittlungen gegen den Tauchlehrer eingeleitet. Hierbei wird vor allem die Frage zu klären sein, welche Schuld der Tauchlehrer durch Fehler in der Tauchgangsplanung und -ausführung an dem tödlichen Unglück trägt. Die Tauchschule selber wollte keine Stellungnahme zu dem Vorfall abgeben.

Statistisch gesehen ist Tauchen ein sicherer Sport: Laut Erhebungen der RSTC (Recreational Scuba Training Council) kommen lediglich drei Unfälle auf 100.000 Taucher. Dennoch sieht der erfahrene Tauchlehrer Gunther Maassen, der das Unfallforum auf www.taucher.net betreut, Mankos bei der Ausbildung: "Auch wenn es nur selten so tragisch endet wie im Fall von Benjamin R.: In den letzten Jahren haben Fälle, bei denen in der Ausbildung geschlampt wurde, deutlich zugenommen."

Maassen führt dies in erster Linie auf den Druck mancher Tauchbasis zurück, dem Kunden "Ausbildung um jeden Preis" aufdrücken zu wollen - und auf die immer geringer werdenden Praxiserfahrungen vieler neuer Tauchlehrer.

Ausbildung ohne Praxis

Fahrlehrer ohne Fahrpraxis, Fluglehrer ohne eine hohe Anzahl an eigenen Flugstunden - undenkbar. Nicht so in der Tauchbranche: Die Richtlinien des weltweit größten Ausbildungsverbands PADI (Professional Association of Diving Instructors) lassen es zu, dass ein Anfänger Kursus an Kursus reiht, bis er mit lediglich 100 Tauchgängen selbst zum Tauchlehrer wird. Direkt im Anschluss darf er dann vom Anfänger bis zum "Divemaster" alles ausbilden, was an Kursen vor der Tauchlehrerprüfung vorgeschrieben wird.

Und so produzieren immer unerfahrenere Tauchlehrer neue Taucher wie am Fließband. Erfahrung, Wissen und individuelle Betreuung bleiben dabei häufig auf der Strecke. Hauptsache, die Zahlen stimmen.

Eine Praxis, von der andere große Verbände wie SSI (Scuba Schools International), Barakuda oder der VDST (Verband Deutscher Sporttaucher) Abstand halten. "Wir setzen zwischen der Ein-Stern- und Zwei-Stern-Ausbildung 25 Tauchgänge an, bis zum Drei-Stern müssen sogar 65 Tauchgänge absolviert werden", erklärt VDST-Präsident Franz Brümmer. "Es bringt nichts, den Taucher Ausbildung nach Ausbildung machen zu lassen, ohne dass er das dabei erlernte Wissen in der Praxis festigen kann."

Der Ausbildungsexperte und Fachbuchautor Thomas Kromp sieht noch eine weitere Gefahr: "Tauchen an sich ist ein sehr sicherer Sport, sofern man sich an die Regeln hält und mit Augenmaß vorgeht. Doch das Überangebot an Tauchlehrern, wo hinter jeder angebotenen Stelle gleich mehrere Bewerber warten, hat gerade in den beliebtesten Tauchreisezielen dazu geführt, dass der einzelne Tauchlehrer gegenüber dem Basenbesitzer oftmals kaum noch ein Mitspracherecht besitzt. Stimmen seine Ausbildungszahlen nicht oder weigert er sich gar, manche Tauchgänge mitzumachen, ist er seinen Job häufig auch schnell wieder los."

"Geht ins Wasser oder in den Flieger"

Wie es hinter den Kulissen mancher "Diving is fun"-Tauchbasis zugeht, zeigt ein Fall, der im September 2009 vor dem Weseler Amtsgericht verhandelt wurde. Ein wegen fahrlässiger Tötung angeklagter 50-jähriger Tauchlehrer absolvierte in Ägypten mit einem aus Kiel stammenden Pärchen trotz miserabler Witterungsbedingungen einen Tauchgang, den er eigentlich gar nicht durchführen wollte: "Unter den Angestellten der Tauchbasis gab es heftige Diskussionen, ob man überhaupt ins Wasser gehen könnte", erklärte der Tauchlehrer vor Gericht. "Es gab einige Lehrer, die wollten nicht rein. Doch der Leiter der Tauchbasis hat uns gedroht: Geht ins Wasser oder in den Flieger!"

Eine Drohung, die zog: Trotz starker Bedenken ging der 50-Jährige mit dem Pärchen, welches zu diesem Zeitpunkt erst rund 40 Tauchgänge absolviert hatte, ins Rote Meer. Beim Auftauchen wurden die Kieler von der Brandung auf das Riffdach geschleudert, die Frau verletzte sich dabei tödlich. Warum ist der Tauchlehrer nicht gemeinsam mit ihnen aufgetaucht und blieb stattdessen unter der Wasseroberfläche? "Ich hatte Angst um mein Leben."

Angst um sein Leben braucht der Mann jetzt nicht mehr zu haben, seinen Job als Tauchlehrer hat er mittlerweile freiwillig aufgegeben. Auch, wenn sich der Grad seiner Schuld vor Gericht nicht zweifelsfrei klären ließ, die Worte des Staatsanwaltes wird er wohl nie mehr vergessen: "Sie müssen den Rest ihres Lebens damit klarkommen, dass Sie nicht das erforderliche Rückgrat hatten. Es ist besser, keinen Job zu haben, als das Leben anderer zu riskieren."

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Die neuesten Beiträge:
28.10.2010 von mytilus54: Augen auf

Man braucht keine Zahlen, sondern nur seine Augen an viel betauchten Stellen. Da sieht es in einer Seegraswiese rund um eine Besonderheit kahl aus wie im Torraum eines Dorfkickerclubs, da sind im Riff binnen weniger Jahre auf [...] mehr...

25.10.2010 von Dave87: titel

Scheiss Einstellung.. Es wäre besser man macht sich eine Religion daraus und verhindert das 'selten'. Wieso ist es denn 'okay'? Ich versteh das echt nicht ganz?? Ist ja schon schlimm genug dass es Containerschiffe im Roten Meer [...] mehr...

25.10.2010 von Dave87: titel

Scheiss Einstellung.. Es wäre besser man macht sich eine Religion daraus und verhindert das 'selten'. Wieso ist es denn 'okay'? Ich versteh das echt nicht ganz?? Ist ja schon schlimm genug dass es Containerschiffe im Roten Meer [...] mehr...

27.04.2010 von mytilus54: Wie heißt dein Brevet?

@ wippsen Deine Brevet ist mindestens eine Karte, auf der OWD steht. Du hast bestimmt auch gelernt, was das bedeutet, nämlich gemeinsam mit einem Buddy selbständig tauchen zu gehen. Nirgendwo in der Bedeutung der Brevetstufe [...] mehr...

26.04.2010 von wippsen: funfunfun

Hallo, ich bin einer dieser unliebsamen "Fundiver". Wollte mich entschuldigen, dass ich den alten Hasen ihre Leidenschaft kaputtmache, indem ich den Kommerz fröhne. Zudem achte ich aber immer darauf, dass ich der [...] mehr...

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