Schalansky: Absolut. Allerdings war das Zufall. Ich habe einfach auf dem riesigen Globus der Staatsbibliothek in Berlin geschaut, welche Inseln weit weg und wirklich abgelegen sind.
SPIEGEL ONLINE: Wieso?
Schalansky: Ihre Abgelegenheit macht sie zur Projektionsfläche für unsere Sehnsüchte. Das finde ich so interessant an ihnen.
SPIEGEL ONLINE: Aber müssen die ausgewählten Inseln gleich so unwirtlich sein?
Schalansky: Angefangen habe ich aus einer Art Kinderglauben heraus: Es muss doch irgendwo noch einen wirklich schönen Ort geben! Es kam etwas anders. Die meisten meiner Inseln sind tatsächlich karg, oft werden sie als grausig beschrieben - ohne Baum, ohne Trinkwasser. Georg Foster, der Schreiber von James Cook, bezeichnet eine Insel wie Thule als das Ende der Welt. Düster, abweisend, eisig. Doch auch in dieser Ödnis liegt eine Schönheit.
SPIEGEL ONLINE: Neben die Karten jeder Insel stellen Sie eine meist skurrile Anekdote, über verschollene Schiffsbrüchige, kannibalistische Inselwächter oder scheiternde Forscher. Wieso erzählen Sie gruselige statt idyllische Geschichten?
Schalansky: Ich glaube, dass die Inseln als abgeschlossene Räume tatsächlich nichts Gutes mit den Menschen machen. Bei der Recherche habe ich gelernt: Frauen werden vergewaltigt, überleben aber meist, und Männer werden wahnsinnig, erheben sich oder ertränken sich im Meer, weil sie es nicht mehr aushalten. Auch ergibt das Schreckliche die besseren Geschichten. Wenn jemand auf einer Insel das Paradies findet, dann ist das wunderbar - aber man kann darüber nicht viel schreiben.
SPIEGEL ONLINE: Dabei lieben wir doch das Klischee des idyllischen Insellebens.
Schalansky: Wenn jemand alleine auf einer Insel lebt wie jener Mann, der das Vorbild für die Romanfigur Robinson Crusoe war, kann nichts Schauriges passieren. Aber wenn mehrere auf einer Insel sind, kommt es zu komischen Konstellationen. Die Ausnahmesituation Insel ist wie ein Gefängnis. Zivilisation hat mit vielen Menschen und mit Festland zu tun, auch im Sinne von festen Regeln.
SPIEGEL ONLINE: Die abgelegene Insel als Flucht in ein besseres Leben außerhalb der Zivilisation...
Schalansky: ...funktioniert nicht. Aber das Tolle ist, dass dieses Klischee nicht kaputtzukriegen ist. Viele Menschen sind auf Inseln gelandet, um eine Utopie zu leben. Was dabei herauskommt, wenn niemand sie kontrolliert, ist eher beängstigend.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie bewusst nur düstere Anekdoten ausgewählt?
Schalansky: Nein! Ich habe so sehr nach anderen gesucht. Ich hätte gern von abgelegenen Inseln erzählt, die paradiesisch sind, auf denen alle Menschen in Frieden und Eintracht leben oder jemand ein ruhiges Eremitendasein führt. Ich habe keine gefunden. Immerhin, es gibt auch Inseln wie Pukapuka, auf der sich ein Amerikaner über das aus seiner Sicht so freizügige, wunderbare Verhältnis der Einwohner zur Sexualität wundert. Die Inseln der sexuellen Freizügigkeit, wie ich sie nenne, heißen bezeichnenderweise im Englischen "Danger Islands" - Inseln der Gefahr.
SPIEGEL ONLINE: Sind Sie durch Ihre Recherchen ernüchtert?
Schalansky: Ich weiß jetzt, dass es besser ist, zu Hause zu bleiben. Ich könnte von einer abgelegenen Insel nur enttäuscht werden. Sehr beruhigend. Vielleicht ist es besser, die Sehnsucht zu füttern und zu pflegen - und ja nicht auf die Idee zu kommen, irgendwo ein besseres Leben anfangen zu wollen.
SPIEGEL ONLINE: Im Untertitel Ihres Buches heißt es "Inseln, auf denen ich nie war und nie sein werde". Reizt Sie jetzt nicht doch eine zu einem Besuch?
Schalansky: Die Campbell-Insel gefällt mir zum Beispiel sehr gut. Dort wollten französische Forscher im 19. Jahrhundert den Venus-Transit beobachten. Dann hat sich eine Wolke vor die Sonne geschoben, die Expedition ist gescheitert. Auf Fotos sieht die Insel mit ihren Fjorden, Bergen und gelbem Gras sehr schön aus. Aber sie liegt hinter Neuseeland, und ich leide ja schon bei einem Flug von Los Angeles nach Berlin. Ich glaube, dass ich keine der Inseln sehen werde.
SPIEGEL ONLINE: Ihr Insel-Atlas ist eher ein Anti-Reise-Buch?
Schalansky: Ja, und es ist lustig, dass es immer in den Reiseabteilungen der Buchhandlungen liegt. Ich behaupte ja, dass Atlanten literarische Bücher sind - und mein Buch war ein literarisches Kartografieprojekt.
SPIEGEL ONLINE: Was war die literarische Herausforderung?
Schalansky: Was ist das Eigentliche an einer Insel - der Punkt oder das Motiv, auf das es ankommt? Um nach dem poetischen Moment zu suchen, habe ich mich fast ein Jahr lang durch Literatur bis hin zu obskuren wissenschaftlichen Berichten gewühlt, auch dicke Bände voller merkwürdiger Abhandlungen über winzige Inseln. Diese Recherchereise hat großen Spaß gemacht.
SPIEGEL ONLINE: Und was war die kartografische Idee?
Schalansky: Das Kartenmaterial, das ich finden konnte, habe ich in meine eigene Ästhetik übersetzt. Alle Inseln sind sehr reduziert und immer gleich dargestellt - obwohl sie sehr verschieden sind. Genau das macht Kartographie sonst auch: Komplett unterschiedliche Orte werden vereinheitlicht, Differenzen gleichgemacht, die Wirklichkeit wird gezähmt.
SPIEGEL ONLINE: Hat dieses Projekt den Inselmythos in Ihrem eigenen Kopf zerstört?
Schalansky: Im Gegenteil. Obwohl ich jetzt viel mehr Bitteres weiß, ist der Zauber größer geworden. Diese Inseln sind trotz ihrer Kargheit und Ödnis reiche Orte - reich an Geschichten, mit denen sich die Leute in die Natur schreiben. Sie werden wenig betreten, aber sobald jemand dort war, schreibt er über seinen Aufenthalt. In der Literatur werden sie dadurch fast so zentrale Orte wie Weltmetropolen.
Das Interview führte Antje Blinda
In Auszügen aus ihrem Buch erzählt Judith Schalansky Geschichten über Süd-Thule im Atlantik, die Sankt-Paul-Insel im Indischen Ozean und die Antipoden-Insel im Pazifik:
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Der im wahrsten Sinne des Wortes gute Mann hieß Georg FoRster. Wer darf nun den Fehler behalten: die unbedarfte Autorin, der Interviewer oder oder oder? mehr...
Dass Inseln nichts Gutes aus Menschen machen, ist mir nicht aufgefallen, in den 18 Jahren, in denen ich auf verschiedenen Pazifischen Inseln gelebt habe. Sehr wohl aber, dass Menschen nichts Gutes aus Inseln machen. Speziell wenn [...] mehr...
Die Idee an sich ist reizvoll. Und in den Archiven zu stöbern, um dabei die seltsamen und eigenartigen Berichte von Entdeckern aus allen Herren Ländern aufzutun, lobenswert. Dennoch erscheint das Projekt sehr bemüht...Sprache [...] mehr...
---Zitat--- Ich weiß jetzt, dass es besser ist, zu Hause zu bleiben. Ich könnte von einer abgelegenen Insel nur enttäuscht werden. Sehr beruhigend. Vielleicht ist es besser, die Sehnsucht zu füttern und zu pflegen - und ja nicht [...] mehr...
Traumziele sind zum Träumen da, ich bleibe zuhause und träume weiter und wenn das Träumen zu anstrengend wird erkläre ich die fernen Ziele eben als nicht erstrebenswert. Mit etwa solcher Ansichten kommt die Autorin in diesem [...] mehr...
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