Fünfter und letzter Tag - das Ende
Und dann ist plötzlich alles so, als wäre nie etwas gewesen.
Die Kabinencrew erklärt die Sicherheitsmaßnahmen. Der Captain begrüßt die Passagiere im schnarrenden Pilotenslang. Malev Flug 542 nach Hamburg ist bereit zum Start.
Aschewolke über Hamburg? War da was?
Haha, ja, klar. Und gleich wache ich auf, höre das regelmäßige Rattern der Stahlräder über den Schwellen der Gleise - und sitze immer noch im Zug. Aber es ist kein Traum. Die Eisenbahn-Odyssee von Istanbul nach Hause - für mich hat sie in knapp 90 Minuten ein Ende. Nach fünf Tagen.
Die gute Nachricht erreichte mich am Mittwochvormittag im Zug nach Budapest. Ein Anruf bei der Reisestelle unseres Verlags ergab das Unglaubliche: "Herr Borcholte, wir haben in Budapest am Abend einen Flug für Sie reserviert." Der Luftraum über Deutschland sei wieder uneingeschränkt geöffnet.
Das Gefühl zwischen Unglaube, Erleichterung, Freude und Besorgnis, ob im letzten Augenblick doch noch mal die böse Asche zuschlagen würde, ist schwer zu beschreiben. Die Aussicht, nicht wie schon befürchtet eine weitere Reise von Budapest nach Berlin, München oder Hamburg - je nach erreichbarem Zug - im Schlafwagen verbringen zu müssen, war überwältigend. (Ein herzlicher Dank an dieser Stelle noch einmal an die freundlichen Kolleginnen aus der Reisestelle, die nicht nur mir in den vergangenen Tagen mit Rat und Tat zur Seite standen, sondern auch gleich für zwei meiner Schicksalsgenossen Flüge mitreservierten.) Wir erreichten Budapest mit erneuter Verspätung schließlich um 15.30 Uhr, stiegen in ein Taxi am wunderschönen alten Sackbahnhof der ungarischen Hauptstadt, überzeugten den Fahrer davon, uns für 30 Euro zum Flughafen zu bringen - und schon hatten wir drei Tage Transport und Zusammenleben auf engstem Raum so gut wie hinter uns gelassen.
Für Björn, unseren Abteilgenossen, der in Freiburg Medizin studiert, geht die Bahnfahrt noch mal über Nacht weiter, ebenso für viele andere der Istanbul-Gestrandeten, die uns zu ständigen Begleitern geworden waren. Für den distinguierten, weißhaarigen Geschäftsmann aus London. Die französische Konditoren-Gruppe. Oder René und Steffen aus Berlin. Gute Reise noch, bon voyage und a safe passage home!
Am Flughafen in Budapest ist nicht viel Betrieb, als wir ankommen, keine Menschenschlangen, wie wir sie erwartet hatten, kein Chaos, wie wir es inzwischen gewohnt waren. Stattdessen Business as usual: Fenster- oder Gangplatz, Sir? Irrealer geht es nicht nach einer Woche Flugverwirrung.
Im Taxi hatte Wilfried noch gescherzt, dass er dem ersten von uns, der ein Flugzeug in der Luft sieht, einen Kaffee spendiert. Wir glaubten einfach noch nicht, dass wirklich Flüge starten durften. Die Erfahrungen der vergangenen Tage hatten uns gelehrt, uns auf nichts mehr zu verlassen außer auf unsere kleine Gemeinschaft. Am wenigsten aber auf Flug- oder Fahrpläne.
Nach Check-in und Boarding ist das Abenteuer mit dem Balkan-Express vorbei. Die moderne Welt der Luftfahrt mit ihrem Komfort, ihrer bestechenden Geschwindigkeit und technokratischen Eleganz hat uns wieder unter ihre breiten Schwingen genommen. Am Donnerstag sitze ich wieder an meinem Schreibtisch in der Redaktion und werde mich fragen, ob das alles wirklich passiert ist.
Gab es diese ominöse Aschewolke wirklich? Hat irgendjemand sie gesehen, außer ein paar kalten Satellitenaugen?
Die Begegnungen und Ereignisse, kuriose, anstrengende, herzliche, absurde, werde ich so schnell nicht vergessen. Nach Istanbul, Bulgarien, Rumänien und Ungarn, Orte Europas, an denen ich nie zuvor gewesen bin, werde ich gerne noch mal reisen, um sie besser kennenzulernen. Aber eher nicht mit der Bahn.
Entschleunigung hin oder her, das wäre dann doch ein bisschen viel verlangt.
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