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12.07.2010
 

Klimaschock im Zug

Glut, Schweiß und Tränen

Von Antje Blinda

Hitzewelle bei der Bahn: Kollaps auf Klassenfahrt
Fotos
DPA

In drei ICE-Zügen fielen am Wochenende die Kühlungen aus, das meldet die Bahn - doch Erlebnisse von Reisenden zeigen: Das Hitzechaos war und ist weit größer. SPIEGEL-ONLINE-Leser berichten vom Klimakollaps auf der Schiene, von Übelkeit, Überfüllung und überforderten Zugbegleitern.

Berlin/Hamburg - Nun hat das Sommerthema Bahn-Hitze auch die Politik erfasst: Das Bundesverkehrsministerium drängt auf Konsequenzen aus den Hitzeproblemen bei ICE. Mängel müssten bei künftigen Zuggenerationen beseitigt sein, forderte eine Ministeriumssprecherin. Dazu führe man Gespräche mit der Bahn, der Industrie und dem Eisenbahn-Bundesamt. Der Aufsichtsrat des Konzerns soll sich damit beschäftigen, das hat Bahnchef Rüdiger Grube versichert.

Eine Lösung für die Zukunft? Schön und gut, aber Bahnkunden müssen sich auch in den kommenden Tagen auf unangenehm heiße Fahrten gefasst machen - nicht nur in ICE, sondern auch in IC, EC und Regionalzügen in allen Teilen der Republik.

Zur Erinnerung: Einen dramatischen Höhepunkt hatten die Zustände in einem ICE am Samstag zwischen Hannover und Bielefeld erreicht. Eine schwangere Frau versuchte, eine Scheibe einzuschlagen. Mehrere Jugendliche und ältere Passagiere brachen zusammen, am Ende mussten 27 Schüler ärztlich versorgt werden. Die neun Jugendlichen, die einen Hitzeschock erlitten, konnten die Krankenhäuser am Samstagabend und am Sonntag wieder verlassen.

Die Bahn entschuldigte sich, bot Entschädigungen an - und zog eine erste Bilanz. Am Samstag seien drei ICE wegen Überhitzung aus dem Verkehr genommen wurden, am Sonntag dagegen keiner mehr. Die wirkliche Dimension des Problems dürfte nach Berichten von SPIEGEL-ONLINE-Lesern aber erheblich größer sein.

"Ich stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch"

Angelika Kleinau saß am Samstag im ICE 36 von Kopenhagen nach Berlin, die Klimaanlage war defekt: "Unzumutbar", berichtet sie, "Innentemperatur 48 Grad". Der Zug sei extrem überfüllt gewesen und völlig verdreckt, weil sich Kinder in die Gänge übergeben hätten.

Eine Schulklasse aus Aachen erlebte am Freitag einen Ausfall der Klimaanlage in einem Intercity ab Hannover: "Ich habe alle Schüler mit Kopfschmerzen und Übelkeit in die gut klimatisierte Erste Klasse geschickt", berichtet der Lehrer Marcel Debrus. Schon auf dem Hinweg mussten die Jugendlichen in einem überhitzten, nicht klimatisierten Waggon ausharren.

Am Samstag war Hans-Jürgen Krieg im ICE 844 von Berlin nach Bielefeld unterwegs. In einem Wagen war die Kühlanlage bereits defekt, "es seien über 50 Grad im Abteil", habe die Zugführerin beim Einsteigen gesagt. "Eine Stunde später fiel auch im Speisewagen die Klimaanlage aus."

Leserin Ursula Rosendahl saß mit ihren beiden kleinen Kindern im Eurocity aus der Schweiz nach Hamburg - alle drei seien nach dem Ausfall der Kühlung total überhitzt und lethargisch gewesen: "Ich hatte große Sorge, dass sie es nicht aushalten, und stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch." Bei gefühlten 40 bis 45 Grad musste sie mit Verspätung sieben Stunden in dem Zug aushalten. In einer Regionalbahn Richtung Heidelberg lief bei 37 Grad Außentemperatur die Heizung: "Im Winter friert man sich den Hintern ab, weil keine Heizung an ist und im Hochsommer gibt es Heizung statt Klimaanlage", beschwerten sich die Bahnfahrer.

Lungenentzündung nach Bahnfahrt

Was die Passagiere vor allem ärgert: Immer wieder ist das Bahnpersonal hoffnungslos überfordert, in den Zügen wie auch an dem Bahnhöfen. "Der eigentliche Skandal besteht darin, dass während der gesamten Fahrt sich kein einziger Zugbegleiter hat blicken lassen", berichtet Matthias Buschmeier, der am Samstag mit einem IC von Köln nach Berlin unterwegs war - ohne Klimatisierung in der Zweiten Klasse.

Nicht immer wurden - wie von der Bahn angekündigt - kostenlose Getränke ausgegeben, in manchen IC steht auch kein Bordbistro zur Getränkeversorgung zur Verfügung: "Die Getränke waren in kurzer Zeit aus", beschreibt Bernd Drösel die Lage in einem IC von Hamburg nach Essen, "die Klimaanlage war während der gesamten Fahrt ausgefallen. Gefühlte Temperatur: mindestens 50 Grad."

Da Passagiere aus überhitzten Waggons in andere Züge umsteigen sollten, kam es auch in diesen zu Überfüllung, Raufereien um Sitzplätze - und auch dort fielen Klimaanlagen aus. "Menschen standen, saßen und lagen auf dem Gang", beschreibt Margarete Utler so eine Fahrt im IC von Düsseldorf nach Hamburg in der Ersten Klasse. "Die Lüftung funktionierte nicht richtig, es war heiß und stickig." Von der Bahn sei niemand mit Getränken vorbeigekommen. Sie sei mehrfach ins Bistro gegangen, um für sich und ihren Mann Wasser zu holen, so die 69-Jährige. Noch am selben Abend wurde Heinz Utler mit Schüttelfrost und Fieber vom Notarzt in ein Krankenhaus gebracht. Diagnose: Lungenentzündung.

Schule fordert Schadenersatz von der Bahn

Gegen die Bahn hat die Bundespolizei inzwischen Ermittlungen im Fall des ICE gen Bielefeld eingeleitet. Es besteht der Verdacht der fahrlässigen Körperverletzung und der unterlassenen Hilfeleistung. Die Untersuchungen stünden allerdings noch ganz am Anfang, sagte ein Sprecher der Bahnpolizei Münster am Montag. Untersucht werde unter anderem, ob es nicht möglich gewesen wäre, angesichts der Temperaturen von bis zu 50 Grad im Zuginneren schon eher Abhilfe zu schaffen.

Sollten die Ermittlungen der Bundespolizei den Verdacht der fahrlässigen Körperverletzung bestätigen, rät die betroffene Sophie-Scholl-Gesamtschule in Remscheid den Eltern der kollabierten Schüler zu einer Sammelklage. Außerdem verlangt die Schule Schadenersatz von der Deutschen Bahn. Sie habe den Vertrag auf Beförderung der Schüler nicht erfüllt, sagte Schulleiterin Brigitte Borgstedt am Montag. "Die Beförderung endete im Desaster, und das nicht nur einmal."

Die Bahn bedauert in einer Mitteilung, dass einzelne Fahrgäste gesundheitliche Beeinträchtigungen erlitten und sogar im Krankenhaus behandelt werden mussten. "Wir wollen diese Kunden dafür entschädigen", sagte Ulrich Homburg, Vorstand Personenverkehr. "All jene, die wir nicht direkt erreichen können, bitten wir, sich bei uns zu melden" - bisher bezieht sich die Bahn mit ihrem Angebot allerdings nur auf die insgesamt rund 40 Passagiere, die am Samstag in Bielefeld ärztlich behandelt werden mussten. Für eine Stellungnahme war am Montag kein Bahnsprecher erreichbar.

Mit Material von dpa und apn

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Die neuesten Beiträge:
14.07.2010 von Falkenhorst: Information ist wichtig stimmt, aber

informieren Sie die Öffentlichkeit auch über Probleme in Ihrer Verwandtschaft oder Familie durch die vielleicht der Allgemeinheit Schaden zugefügt wird? Ich glaube Sie werden wegschauen, da es Ihnen schaden kann. Das Hemd ist [...] mehr...

13.07.2010 von Mocs: Irrtum

Das gehört wohl ins Lexikon der populären Irrtümer (oder ins Handbuch der geschickten Werbevolksverdummung). Autoklimaanlagen sind wartungsfrei : http://www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/3517136?documentId=4430440 mehr...

13.07.2010 von keats: Bedauerlicher Einzelfall wenn die Bahn funktioniert

Immer mit der Ruhe, es sind doch alles nur bedauerliche Einzelfälle, sagt die Bahn, frag mich allerdings was sie meint, das ein Pünktliches, problem- und pannenloses Reisen mit der Bahn eben ein Einzelfall ist, der kommt nicht [...] mehr...

13.07.2010 von lesemal: ICE Desaster,Fortzetzung folgt

Welche inkompetente Fachfirma mit deutschen Klima -Fachingenieuren haben denn die Anlagen des ICE geplant?Hier scheint ja wohl eine Fehlplanung 1.Grades vorzuliegen,wenn Verdampfer und/oder Kondensator bei 35 grd C TA die Anlagen [...] mehr...

13.07.2010 von DieAnna: iPhone

iPhone-App nicht zu vergessen, und sogar ein stinknormaler Nintendo DSlite misst die Umgebungstemperatur (etwa bei Dr. Kawashima ins Spel eingebaut und über Tunings im GBA-Slot regulär zu nutzen). Kann mal jemand eine App [...] mehr...

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