Herr Stowe, wie fühlt sich Festland an, nach 1152 Tagen auf See?
1. "Wackelig. Und trotzdem sicher. Als ich hier in Manhattan anlegte, sah ich sofort so viele Menschen, die ich vermisst hatte, Menschen, die mir wichtig sind, und sie fingen mich mit dem ersten Schritt auf."
Warum macht man so etwas? Warum segelt einer über drei Jahre lang von Meer zu Meer, ohne all die bezaubernden Inseln zu betreten, an denen er vorbeikommt?
2. "Es geht um Gefühle, um Sinnlichkeit, um Erfahrungen. Ich kann mich noch ganz gut erinnern, wie die Idee entstand: Es war 1987, ich segelte durch die Einsamkeit der Antarktis, als ich mich fragte, was wohl die längste Zeit war, die jemals ein Seemann und sein Schiff unterwegs gewesen waren: Es war der Norweger Fridtjof Nansen, der mit seiner "Fram" im 19. Jahrhundert 1067 Tage lang in der Arktis kreuzte.
Der Gedanke, diesen Rekord zu übertreffen, faszinierte mich. Doch noch mehr als alle Rekorde faszinierte mich diese Idee einer solchen Reise, die Erfahrung, eine Einheit mit der See zu werden, die seit Millionen von Jahren existiert. Ich bin Segler, seit ich denken kann.
Ich habe dieses Boot gebaut, mit Hilfe meines Vaters und meines Bruders. Ich lebe seit langem auf meinem Schiff, ich weiß nicht, was ich in einer Wohnung auf dem Festland tun sollte."
Reid Stowe, New Yorker Künstler, ist 58 Jahre alt, ein hagerer Mann, braungebrannt, heiser. Die "Anne" ist ein alter Schoner, 70 Fuß lang; ihr Vorbild waren jene Schoner aus Gloucester, die zwei Jahrhunderte lang als beste Fischerschiffe galten, ein Pott wie dieser ist nichts für die Hochsee-Rennen der Trimaran-Ära, aber er ist robust und wetterfest.
Die "Anne" hat zwei Masten, und jetzt, nach der Reise, ist die Farbe verblichen. Stowe hat die "Anne" selbst gebaut, 1978, aus Eisen, Fiberglas, Stahl und Holz. Mit vier Segeln - und elf Ersatzsegeln -, mit vier Wassertanks, 30 Flaschen Propangas, Kohle und Holz, Laptop, Satellitentelefon, Navigationsinstrumenten und zehn Sonnenkollektoren war Reid Stowe unterwegs; er hatte Berge von Reis, Nudeln, Saucen, Bohnen, Käse, Tee und Kaffee dabei. Salat baute er auf Deck an, es gibt keinen Kühlschrank. Stowes Freundin, Soanya Ahmad, 26 Jahre alt, war mit ihm an Bord gegangen, aber nach zehn Monaten fühlte sie sich unwohl, in Australien ließ sie sich von Bord holen.
Frau Ahmad, kann eine Frau Seekrankheit und Schwangerschaft verwechseln?
3. "Ja, das kann offenbar passieren. Ich dachte, ich sei krank, aber dann stellte sich heraus, dass ich schwanger war. Unser Sohn Darshen ist nun zwei Jahre alt, er hat seinen Vater in diesen ersten Jahren nur über Satellitentelefon gehört, und jetzt rennt er begeistert über das Schiff."
Haben Sie nicht versucht, Reid Stowe dazu zu bringen, mit Ihnen an Land zu gehen?
4. "Das hätte niemand geschafft, so etwas darf man aber auch nicht versuchen. Du darfst doch nicht den Traum deines Partners zerstören, man darf ja niemanden vom Traum seines Lebens abhalten.
Ich weiß doch, wie viel Reid an dieser Reise lag. Und unsere Absprache war von Anfang an: Wenn ich von Bord gehe, egal warum, dann segelt er weiter."
Herr Stowe, Sie sind mit den Epen des Franzosen Bernard Moitessier aufgewachsen, der 1968 am ersten "Golden Globe"-Rennen teilnahm, einhand und nonstop um die Welt. Er hatte die drei großen Kaps umrundet, auch die "Roaring Forties", die Stürme des 40. Breitengrads, überstanden, er hatte den Sieg vor Augen, aber Angst vor dem Ruhm - Bernard Moitessier segelte nicht nach Norden durch den Atlantik nach England zurück, sondern bog nach Osten ab und umrundete die Erde noch einmal und dann immer wieder. Können so nur Segler denken?
5. "Es braucht jedenfalls einen Traum und eine Sehnsucht, die andere Menschen vermutlich nicht nachvollziehen können. Ich habe Bernard Moitessiers Sohn kennen gelernt, seinen Freund Ivo van Laake, der mich dann wiederum mit Moitessier bekanntmachte, dann auch den Deutschen Klaus Aldermann. Wir waren allesamt Seelenverwandte und eben Sehnsüchtige. Auf Bequia in der Karibik sprachen wir über Moitessiers lange Reise und sahen den Einheimischen zu, die ihre Boote am Strand bauten - und bauten anschließend unsere eigenen Boote am Strand. Mein erstes war ein kleiner Katamaran, es ist ja ein Geschenk, dass ich das gelernt habe: Heute sehe ich einen Baumstamm und weiß, wie ich daraus einen Mast mache."
Geschwindigkeit ist kein Wert?
6. "Nein, Geschwindigkeit kann uns krank machen."
Sie haben eine andere Botschaft?
7. "Natürlich: Lernt zu meditieren, eins mit der Natur zu sein und liebt einander."
Wann ist man bereit für das größte Abenteuer des Lebens?
8. "Vielleicht nie? Ich habe es zu früh geglaubt, aber ich war noch nicht bereit. Ich konnte zwar segeln, aber es gibt da draußen viele, die besser segeln können als ich vor meiner Reise. Ich hatte eine Menge Glück während dieser drei Jahre: keine Verletzung, keine Zahnschmerzen, keine Erkältung, nichts."
Stowe hörte Musik an Bord der "Anne", Pink Floyd und die Beatles, drei Jahre lang. Er telefonierte mit Soanya, ansonsten sprach er drei Jahre lang so gut wie kein Wort. Er sagt, dass die Einsamkeit die Nerven beanspruche: "Ein Segler auf See fürchtet ja jederzeit alles. Plötzlich bildest du dir ein, dass da ein Leck ist, und du untersuchst dein Schiff: Läuft irgendwo Wasser herein? Nein. Du setzt dich nach Stunden der Suche hin, erleichtert, aber dann hörst du wieder ein Gurgeln."
Einmal passierte es wirklich: Ein Frachter rammte die "Anne", und der Bugspriet, die Spitze des Bootes, brach; Stowe musste wochenlang arbeiten, um die Masten zu stabilisieren und die Segel zu verkleinern, dann konnte es weiter gehen. Seine Positionen wurden zu privaten Kunstwerken, für Soanya segelte er ein Herz. Und im nördlichen Atlantik, zwischen fünftem und zehnten Breitengrad, drehte er bei und ließ sich von Passatwinden und wechselnden Strömungen hierhin und dorthin treiben, sechs Monate lang. "Der schönste Teil der Reise", sagt er.
Mit welcher Haltung steht man ein solches Abenteuer durch: Präzision und Planung oder Freiheit und Lässigkeit?
9. "Ich bin unglaublich exakt und pedantisch. Alles auf der 'Anne' hatte seinen Platz, und wenn ich etwas brauchte, konnte ich mich blind umdrehen und danach greifen. Und jeder Tag hatte sein Schema. Vor dem Schlafen trank ich vier Tassen Tee - um zur Toilette und damit zum Aufstehen getrieben zu werden. In jeder Nacht habe ich zehn- bis fünfzehn Mal Kurs, Segel, Wetter und Schiff überprüft. Wenn ich morgens aufstand, habe ich Kaffee und Haferflocken aufgesetzt, dann habe ich die Elektronik getestet, Batterien ausgetauscht, die Solarzellen gereinigt.
Dann war das Frühstück fertig, und ich habe gegessen. Hinterher habe ich am Logbuch gearbeitet, Kurs und Position aufgeschrieben. Dann habe ich gebetet und hinterher gearbeitet: Ein Schiff bedeutet ständige Arbeit, während einer solchen Reise noch mehr als sonst. Meist musste ich Segel nähen. Mittags dann: Reis, Bohnen, getrocknete Pilze. Dann wieder Arbeit. Um 16 Uhr habe ich Kaffee getrunken, dann habe ich an meinem Essay geschrieben, meinem Reisebericht, dann habe ich für zwei Stunden gemalt, und dann habe ich den Sonnenuntergang betrachtet, an jedem Tag meiner Reise.
Abends folgten eine Stunde Yoga, ein Salat aus den an Bord gezüchteten Sprossen, ein kleines Glas Wein, der Abwasch, danach musste ich nach Schiffen Ausschau halten. Und die Nacht kam."
Und wieder vier Tassen Tee.
10. "Und wieder vier Tassen Tee."
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