Berlin - Der Grünen-Verkehrsexperte Winfried Hermann hat die Preiserhöhung und die neue Servicegebühr von 2,50 Euro am Schalter als "eine gnadenlose Abzocke der Fahrgäste" bezeichnet. Wer ein gutes Serviceunternehmen sein wolle, dürfe seine Kunden nicht dafür bestrafen, persönlich bedient werden zu wollen. Mit Automaten kämen insbesondere ältere Menschen nicht zurecht. Sein Fazit: "Die Bahn vergrault damit viele ihrer treuesten Fahrgäste."
Bahnkundin am Hauptbahnhof München: Um knapp vier Prozent sollen im Dezember die Ticketpreise steigen
Der Fahrgastverband Pro Bahn bezeichnete die angekündigte Preiserhöhung als strategisch falsch. Sie werde die Kunden abschrecken, die gewillt seien, von anderen Verkehrsmitteln auf die Bahn umzusteigen, sagte der Vorsitzende Karl-Peter Naumann am Freitag in Berlin. Die neue Servicegebühr in Höhe von 2,50 Euro beim Kauf von Einzeltickets am Schalter kritisierte Naumann, "weil sie Menschen ausgrenzt". Positiv bewertete Naumann die Einführung des Rabattangebots "Dauer-Spezial" für die Erste Klasse. So könnten mehr Menschen den höheren Komfort nutzen als bisher.
Börsengang im Herbst
Der Umweltverband NABU kritisierte die Preiserhöhung als falsches Signal in der Verkehrspolitik. Damit verabschiede sich die Bahn endgültig vom Ziel, mehr Menschen von der Straße auf die umweltfreundliche Schiene zu holen, erklärte Bundesgeschäftsführer Leif Miller. Der Konzern fokussiere sich offensichtlich ganz auf schwarze Zahlen - mit Blick auf den im Herbst geplanten Börsengang.
Miller nannte es verbraucherfeindlich, dass künftig auch für normale Fahrkarten beim Kauf am Schalter grundsätzlich 2,50 Euro Aufpreis erhoben wird. Das komme bei Fernverkehrsverbindungen unter 100 Kilometern einer realen Erhöhung um über 25 Prozent gleich.
Auch der Verkehrsclub Deutschland (VCD) warf der Bahn einen "falschen Weg" vor. Neue Kunden, die wegen der hohen Benzinpreise vom Auto in die Züge umgestiegen seien, dürften nicht verprellt werden. Der persönliche Service müsse an erster Stelle stehen, koste nun aber durch den neuen Zuschlag mehr. Viele Kunden könnten zudem nicht gut mit Automaten umgehen oder hätten keinen Internet-Zugang.
Die Bahn hat angekündigt, ihren Service verbessern zu wollen. Um kürzere Wartezeiten in den Reisezentren zu ermöglichen, sollen Kunden künftig ähnlich wie auf Ämtern oder Behörden Nummern ziehen, um anschließend aufgerufen zu werden, wie Bahn-Personenverkehrsvorstand Karl-Friedrich Rausch erläuterte.
Daneben will die Bahn künftig eine einheitliche Telefonnummer für Kundenanfragen einrichten und ihren Internet-Auftritt neu gestalten.
Die Preiserhöhungen kurz vor Weihnachten begründete die Bahn mit gestiegenen Energie- und Personalkosten. Unterm Strich kämen Bahnfahrer aber immer noch günstiger weg als Autofahrer oder Flugreisende, sagte Rausch. Wie viel Geld die Erhöhungen dem Konzern insgesamt in die Kasse spülen werden, wollte er nicht sagen.
sto/dpa/AP
Die wichtigsten Änderungen auf einen Blick
Ticketpreise: Fahrkarten für Fernzüge und im Regionalverkehr außerhalb von Verkehrsverbünden werden im Schnitt 3,9 Prozent teurer. Zweiter Klasse kostet es im ICE zum Beispiel von Frankfurt/Main nach München 89 statt 85 Euro, von Hamburg nach Hannover 40 statt 39 Euro.
Bahncards: Der Preis einer Bahncard mit 50-Prozent-Rabatt steigt von 220 auf 225 Euro, eine Bahncard mit 25 Prozent Ermäßigung kostet künftig 57 statt 55 Euro.
Bedienzuschlag: Beim Kauf von Fernzugtickets, Sparpreis- und Auslandsfahrkarten am Schalter oder über Callcenter werden künftig 2,50 Euro extra kassiert. Reine Beratung ist weiter kostenlos, von dem Zuschlag ausgenommen sind Menschen mit einem Behinderungsgrad ab 70 Prozent. Der Kauf von Nahverkehrstickets bleibt zuschlagsfrei.
Erste Klasse: In der ersten Klasse steigen die Preise stärker. Ein Ticket kostet künftig 1,62-mal (bisher: 1,60-mal) mehr als eines in der Zweiten Klasse.
Tickets für bis zu fünf Reisende: Das Schöne-Wochenende-Ticket kostet 37 statt 35 Euro. Die Preise für Ländertickets werden um einen Euro angehoben.
Platzreservierungen: Die Preise für einen garantierten Sitzplatz in Fernzügen bleiben stabil bei zwei Euro (Automat und Internet) beziehungsweise vier Euro (am Schalter).
Spezial-Preise: Das Angebot "Dauer-Spezial" mit monatlich einer Million Tickets zu 29 bis 69 Euro für ausgewählte Fernstrecken wird bis Ende 2009 verlängert. Neu hinzu kommen Erste-Klasse-Tickets ab 49 Euro. Das Angebot "Europa-Spezial" wird auf Osteuropa ausgeweitet.
Telefon-Service: Über alle wichtigen Leistungen der Bahn sollen sich Fahrgäste vom 14. Dezember an unter der neuen einheitlichen Telefonnummer 01805 99 66 33 informieren (14 Cent/Minute) können.
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