16-jährige Weltumseglerin Triumph von Käpt'n Jessica

Sieben Monate unterwegs, ohne Hilfe, ohne Unterbrechung, ganz allein: Jetzt ist die 16-jährige Jessica Watson nach ihrer Weltumsegelung wieder in Sydney angekommen. Sie ist die bislang Jüngste, die dies Mammutabenteuer wagte. Nun feiert sie ihren Sieg über Naturgewalten und Kritiker.

AP

Aus Sydney berichtet Julica Jungehülsing


Bis zuletzt bekam sie nicht genug vom Meer: Nach 210 Tagen auf See steuerte die australische Weltumseglerin Jessica Watson erst einmal an Sydney vorbei. Und ließ Tausende, die sie am Hafen willkommen heißen wollten, ein paar Stunden warten. "Wir hatten einfach unglaubliches Segelwetter da draußen", entschuldigte sie sich bei Premierminister Kevin Rudd, der sie schließlich vor der Oper begrüßte und zu "Australiens neuester Heldin" ausrief. Watson entgegnete: "Eine Heldin bin ich wirklich nicht! Lieber wäre mir, ich wäre ein Beweis, dass jeder viel erreichen kann."

Und erreicht hat sie einiges: Jessica Watson, 16, ist der jüngste Mensch, der je die Welt allein, ohne Unterbrechung und ohne Hilfe umsegelte. Hunderte Yachten hatten ihr pinkfarbenes Boot vom Typ S&S 34 gegen 14 Uhr Ortszeit in Empfang genommen, zwischen North und South Head - den Landzungen, die Sydneys Hafen begrenzen. Begrüßt wurde Watson auch von Wasser sprühenden Feuerschiffen, Kanufahrern und Motorbooten.

Begeistert über den pompösen Empfang ging sie an Land, die Beine noch wackelig, am Arm von Vater Roger und Bruder Tom. "Seltsam ist es schon, das Boot zu verlassen", sagte sie, "schließlich habe ich sieben Monate lang versucht, genau das zu vermeiden: über Bord zu gehen." Was ihr trotz heftiger Stürme und widriger Bedingungen gelang.

Dank an die Eltern: "Ihr habt mich ziehen lassen"

Bei bestem Herbstwetter strömten Tausende an die Ufer, um einen Blick auf Boot und Kapitänin zu werfen. Einige Fans hatten sich komplett in Pink gekleidet, andere Fahnen bemalt. Vor allem Mütter schien die 16-jährige Seglerin zu faszinieren: "Mein Sohn ist 15 und schafft es kaum allein zum Supermarkt an der Ecke", sagte eine Frau mit rosa Jessica-Kappe am Hafen. "Ich hoffe, das hier kann ihn ein ein bisschen inspirieren."

Jessica dankte zwischen Umarmungen bewegt ihren Eltern: "Dafür, dass ihr mich habt ziehen lassen!"

Sie hatte einige Herausforderungen zu meistern: Windgeschwindigkeiten von über 40 Knoten, Wellen in der Höhe von Einfamilienhäusern. So etwas nennt Watson "recht interessant". Das steigert sich erst zu "ganz interessant" und "etwas tough", wenn sie davon erzählt, wie sie Gewitter durchsegelt, Wasser durch die Kabine schießt und ihr Großsegel reißt. Ihre Erlebnisse verfolgten Tausende in ihrem Blog.

Dort ist auch nachzulesen, dass sie ihren stoischen Humor nie verlor - auch nicht als das 'World Speed Sailing Racing Council' ihr kurz vor der Heimkehr die Auszeichnung "offizielle Weltumseglerin" aberkannte, weil ihr dafür Seemeilen fehlen. Watson kommentierte lakonisch: "Nennt mich unreif, aber ich muss über das Ganze ziemlich kichern: Wenn ich nicht um die Welt gesegelt bin, frage ich mich, was ich eigentlich die ganze Zeit hier draußen gemacht habe?" Nach sieben Monaten allein auf See sind der Schülerin solch bürokratische Feinheiten schnuppe. Schließlich hat sie ihre Yacht "Ella's Pink Lady" durch diverse Stürme und vier Ozeane gesteuert.

Sie trotzt den Kritikern - und den Naturgewalten

Skeptiker hielten den Teenager für viel zu jung, Politiker warnten, sie sei der Aufgabe nicht gewachsen, Behörden versuchten, sie aufzuhalten. Vergeblich: Am 18. Oktober 2009 verließ sie den Hafen von Sydney.

Fast 200 Tage und 20.000 Seemeilen später, kurz vor ihrer Rückkehr, standen die Zeichen erneut auf Sturm. Doch diesmal war es ein echter: Vor Tasmanien schoben sich gleich mehrere Unwetterzonen voreinander, es gewitterte, zehn Meter hoch brachen die Wellen über ihre Yacht. Doch sie hielt durch.

So ein Nervenkostüm braucht vermutlich, wer sich auf ein Vorhaben wie ihres einlässt: Von Sydney aus segelte sie nordöstlich vorbei an Lord Howe Island Richtung Fidschi, querte den Äquator und umrundete eine Insel der Kiribati-Gruppe. Dann machte sie sich auf die lange Reise nach Süden, durch die 'Roaring Fourties' und schließlich um Kap Hoorn. Im Südatlantik ging es über die Falklands Richtung Afrika, ums Kap der guten Hoffnung und von dort Richtung Westaustralien. Sie umsegelt Tasmanien, um die tückische Bass-Straße zu vermeiden, und dann gen Norden zurück in den Ausgangshafen.

Ein gewagtes Unternehmen für jeden Segler. Doch Jessica, gebürtige Neuseeländerin, war bestens vorbereitet. Sie zog als Kleinkind mit den Eltern ins australische Queensland, wo die Familie mit drei Töchtern und einem Sohn fast sechs Jahre auf einem Motorboot lebten. Jessica, die Zweitälteste, ging kaum zur Schule, sondern lernte fast ausschließlich per Fernunterricht, während die Familie die Ostküste bereiste. Ihre Spielplätze waren Bootsdecks, Anleger und Yachthäfen, mit acht besuchte sie eine Segelschule.

Jessicas akribische Vorbereitungen und Hartnäckigkeit überzeugten auch ihre Eltern, die sie bei ihrem Rekordversuch unterstützen. Vater Roger half dabei, die 25 Jahre alte Yacht zu entkernen und neu auszustatten. Es gelang der Familie auch, Sponsoren zu überzeugen. Mit ihrem Mentor, dem Segler Bruce Arms, und einer Ärztin bereitete sie sich auf die mentalen Herausforderungen vor, sprach ständig mit Seglern, die mehr Erfahrung haben.

Zwischendurch übte Watson an Kletterwänden, mit Seilen zu hantieren, und lernt, Dieselmotoren auseinander- und wieder zusammenzubauen. Sie absolvierte den "Ocean Yachtmaster Course" und ein Überlebenstraining für Seeleute. So oft eben möglich begleitete sie Segler auf schwierigen Törns durch die Bass-Straße und nach Neuseeland, ehe sie mit 16 endlich die eigene Kapitänslizenz bekam. 10.000 Seemeilen hatte sie vor dem Aufbruch schon hinter sich. Nebenbei versuchte der schlaksige Teenager ein paar Muskeln und Kilos auf die Knochen zu bekommen - mit mäßigem Erfolg.

Das nächste Ziel der jungen Frau, die am 17. Mai 17 Jahre alt wird, ist der Führerschein. Die erste Fahrstunde schenkte ihr der Premierminister zum Geburtstag.

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insgesamt 176 Beiträge
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Seite 1
Robert Hut, 15.05.2010
1. Allein?
Das möchte ich sehen, wie die ALLEINE um die Welt segelt. Das Boot war doch vollgestopft mit Hi-Tec, inkl. Facebook und Twitter und wenn was schief gegangen wäre, wären in 10 Minuten die Retter da gewesen. DAs ist ein Rekord für den Hintern.
dalima 15.05.2010
2. Was für ein Schritt für die Menschheit
...Sie sei keine Heldin, sagte sie, sondern "nur ein einfaches Mädchen, das einen Traum hatte. Man muss nur einen Traum haben und sich darauf konzentrieren"... Und verantwortungslose, geltungssüchtige Eltern mit zu viel Kohle in der Tasche. Alles ganz toll.
bananenfan 15.05.2010
3. habs live gesehen
Zitat von Robert HutDas möchte ich sehen, wie die ALLEINE um die Welt segelt. Das Boot war doch vollgestopft mit Hi-Tec, inkl. Facebook und Twitter und wenn was schief gegangen wäre, wären in 10 Minuten die Retter da gewesen. DAs ist ein Rekord für den Hintern.
Ist klar, Sie hätten mit diesen Hilfsmitteln ausgestattet mit 16 diesen Rekord ebenfalls aufgestellt... Facebook und Twitter helfen ja wirklich wahnsinnig beim Segeln. Wo sollen bitteschön auf hoher See die Retter in 10 Minuten herkommen? Kommen die mit der Concorde geflogen? Naja, war klar, dass sich die Neider wieder melden. Ich war heute bei ihrer Ankunft dabei. War sehr beeindruckend dieses Boot mal in echt so zu sehen. Das ist ja sowas von eine Nussschale... das schaukelte sogar im Hafen bei leichten Wellen wie wild.. Da möchte ich echt keine 10 meter Wellen drauf erleben. Gruss, Bananenfan
no_mainstream 15.05.2010
4. Ein Schande für den Segelsport
Natürlich ist es eine Leistung so eine Fahrt unbeschadet zu überstehen aber was kommt als nächstes? Kleinkinder allein auf dem Meer...? Aber mit Twitter- und Facebook-Blog..? Live dabei sein wenn das Kind dann absäuft..? Mit Segelsport hat das alles nichts mehr zu tun...
Akka, 15.05.2010
5. fraglich
Australier haben naturgemäß ein völlig anderes Verhältnis zu den Naturgewalten und lernen sehr früh verantwortungsvoll damit umzugehen. Den dort herrschenden Pioniergeist können wir Europäer nur noch schlecht nachvollziehen. Von daher ist die Weltumseglung einer 16 jährigen relativ normal und 'good sports'. Fraglich ist das ganze Unternehmen allerdings, weil es wieder Nachahmer und Wettbewerbe geben wird, die noch jüngere herausfordern. Bis es dann einmal gründlich schief geht und dieser Wahnsinn hoffentlich ein Ende hat.
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