Kundenoffensive Deutsche Bahn will Fernverkehr umkrempeln

Mehr IC-Haltestellen, mehr Service, neue Züge: Die Bahn peppt ihren Fernverkehr auf - um mit der Fernbuskonkurrenz mithalten zu können. Einen Haken hat das Ganze aber.

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Berlin - Die Bahn macht eine Kehrtwende. Gerade hat sie Trier noch vom Fernverkehr abgekoppelt und unter großem Protest alle Intercitys gestrichen. Das ist keine vier Monate her. Jetzt soll die älteste deutsche Stadt wieder angekoppelt werden. Und mit ihr 24 weitere.

Die Bahn revolutioniert den Fernverkehr. Es ist ein großer Schlag, der schnelle Züge auch in kleinere Städte bringt - und die Bahn im Kampf gegen Fernbusse und Schnäppchenflüge besser dastehen lassen soll. Doch die Konkurrenz rennt. Und die Bahn braucht Zeit.

Einen Tag, bevor Bahnchef Rüdiger Grube die wohl wenig erfreuliche Bilanz für das Jahr 2014 vorlegen wird, gerät sein Personenverkehr-Vorstand ins Schwärmen. "Eine Chance, so etwas zu präsentieren, kriegt man in seiner beruflichen Laufbahn nur selten", sagt Ulrich Homburg.

Es soll die größte Kundenoffensive in der Geschichte der Bahn sein. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) lobt, so könne die Bahn zum Verkehrsmittel des 21. Jahrhunderts werden.

Ausgleich des Service-Defizits

Eins vorab: "Die BahnCard bleibt, wie sie ist", sagt Homburg. Dafür krempelt die Bahn den Fernverkehr um. Künftig werde es keine weißen Flecken auf der Deutschlandkarte mehr geben, verspricht der Bahn-Manager. 25 neue Intercity-Halte, in 40 weiteren Städten bessere Verbindungen. Reisen ohne Umsteigen von Hannover nach Potsdam oder Chemnitz nach Düsseldorf.

Homburg sagt: "Sie werden immer irgendeinen Oberbürgermeister finden, der sich beschwert, dass ausgerechnet seine Stadt in diesem Konzept nicht vorkommt." Ziel sei aber, dass in nahezu jeder Großstadt mindestens alle zwei Stunden ein Fernzug hält.

Zwölf Milliarden Euro lässt sich die Bahn ihre Revolution kosten - allerdings über 15 Jahre gerechnet. Denn erst 2030 soll alles fertig sein. Das meiste Geld fließt in deutlich modernere Züge. Neue Doppelstock-Intercitys, endlich auch die neuen ICE und ICx. Kostenloses Drahtlos-Internet zum Streamen von Filmen und Musik im ICE. Stabile Telefonverbindungen auch im Intercity. Kostenlose Sitzplatz-Reservierungen.

Alles prima, meint der Fahrgastverband Pro Bahn - wenn die neuen Fernzüge auch genügend Platz für sperriges Gepäck sowie Speisen und Getränke anbieten.

Doch Fernbusse und Billigflieger bieten das alles so ähnlich schon jetzt. Da gleicht die Bahn nur ein Service-Defizit aus. Vor allem die günstigen Preise aber sind der Grund, dass immer mehr Bahn-Reisende auf die Straße umsteigen.

Im vergangenen Jahr, so schätzt die Branche, dürften sich die Passagierzahlen bei Fernbussen auf gut 16 Millionen verdoppelt haben. Bahnchef Grube sagt, die Konkurrenz habe das Ergebnis seines Konzerns 2014 mit 120 Millionen Euro belastet.

Warten auf die Züge

Am Donnerstag dürfte er noch mehr schlechte Zahlen in petto haben: Nach Medienberichten ging der Umsatz der Bahn trotz einer Preiserhöhung um 1,3 Prozent auf 4 Milliarden Euro zurück. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern fiel demnach mit 212 Millionen Euro ein Drittel kleiner aus als im Vorjahr. Bisher hat die Bahn diese Zahlen nicht kommentiert. Doch das Unternehmen ist unter Druck.

Bei den Preisen der Fernbusse will die Bahn trotzdem auch künftig nicht mithalten. Wer nur aufs Geld schaue, werde immer den Fernbus wählen, räumt Homburg ein. Immerhin soll es für Fahrten mit dem Intercity ab dem nächsten Jahr aber Sparpreise für 19 Euro geben - zehn Euro billiger als jetzt. Insgesamt 50 Millionen zusätzliche Fahrgäste pro Jahr wünscht sich die Bahn.

So weit, so gut. Doch warum lässt sie sich mit ihrer Revolution so lange Zeit? 15 Jahre soll es dauern, bis alle neuen IC-Halte am Netz sind. Derzeit fehlen wohl schlicht die nötigen Züge. Die Bahn wartet noch immer auf die überfälligen ICE-3.

Auch die ersten Doppelstock-Intercitys hätten schon 2013 da sein sollen. Die ICE-Nachfolger ICx werden erst 2017 auf die Schiene kommen. "Wir gewinnen langsam mehr Vertrauen, dass geplante Liefertermine und die tatsächliche Auslieferung sich annähern", sagt Homburg diplomatisch.

Dass die versprochenen Intercitys einige Städte erst in mehreren Jahren anfahren werden, liegt auch am Regionalverkehr. Die Trassen seien heute mit Regionalexpress-Zügen ausgelastet, meint Homburg. Die Strecke Trier-Koblenz steht für 2030 im Plan. Als Vorletzte.

Theresa Münch/dpa/abl



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insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
foobar99 18.03.2015
1.
"Doch Fernbusse und Billigflieger bieten das alles so ähnlich schon jetzt." Billigflieger landen in jeder deutschen Großstadt alle zwei Stunden, bieten Platz für sperriges Gepäck und kostenloses WLAN? Oder auch nur "so ähnlich"?
immerbesserwisser 18.03.2015
2. Ich höre die Worte ...
allein mir fehlt der Glaube. Wer glaubt denn der Bahn noch? Viele Schöne Worte und Versprechen. Doch die Realität sieht anders aus. Riesenchaos im Nahverkehr, überforderte Mitarbeiter in Schaltzentralen (Mainz), häufig verspätete Züge und ... ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals ein durchgängiges Internet im Zug hatte (trotz 1. Klasse). Qualität läst sich leider nicht herbei reden. Preise runter, Qualität hoch wäre die richtige Antwort. Ich habe meine Bahncard gekündigt und bin inzwischen umgestiegen.
Howert0001 18.03.2015
3.
"Wer nur aufs Geld schaue, werde immer den Fernbus wählen, räumt Homburg ein." Nö. Bei Langstrecke auch gerne Mietwagen. Kiel-Nürnberg im Normpreis bei der Bahn 142 €. Eine Strecke :D Da kommt man immer drunter :D Egal mit welchem anderen Verkehrmittel. Nicht nur mit Fernbus, sondern auch mit Flugzeug/Auto oder itfahrgelegenheit.
privatbahn 18.03.2015
4. Der Fernbus wartet nicht...
...und fährt dem ICE erst einmal weiter davon. Kurzfristig wachsen ICE- und IC-Netz gar nicht. Die Fernbusstrecken aber werden weiter ausgebaut. Erst mittelfristig kommen die neuen Verbindungen hinzu. Die Bahn tut das richtige, wird aber noch Jahre brauchen, um von ihrem neue Fernzugnetz profitieren zu können. Viel wird auch davon abhängen, wie zuverlässig die deutsche Bahnindustrie ihre Züge an die DB ausliefert.
teaki 19.03.2015
5. Das alles wird nix bringen
für das teuerste Transportmittel Deutschlands. Und sind sie mal besser dann streiken die Lokführer.
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