Abruzzen: Wein aus dem Ofen

Von Stephan Reinhardt

Zwischen sanften Hügeln und schroffen Felsen offenbaren die Abruzzen ein unberührtes Italien, in dem ehrgeizige Winzer die Ehre des Montepulciano retten. Ob Curry, Vanille oder Zigarrentabak - diese Tropfen haben fast jeden Geschmack im Blut. Schließlich glühen sie im Ofen.

Sanft geschwungene Hügelketten, Felder und Wälder wechseln sich ab, die langen Sandstrände der Adria und schroffe Berge rahmen diese Landschaft ein. Die Abruzzen sind ein Stück unberührtes Italien, eine Naturschönheit – aber längst nicht mehr nur ein Ziel für Wanderer. Das wird uns schon bei der ersten Station unserer Reise klar: Gianni Masciarelli von der gleichnamigen azienda in San Martino sulla Maruccina südlich von Chieti begrüßt uns mit drei Bordeaux-Gläsern, in die er je einen Jahrgang seines besten Rotweins eingeschenkt hat.

Frohnatur: Winzerin Elena Nicodemi bei der Ernte nahe Notaresco
Hans-Peter Siffert

Frohnatur: Winzerin Elena Nicodemi bei der Ernte nahe Notaresco

Es ist der "Villa Gemma", ein reinsortiger Montepulciano d'Abruzzo, der nur von guten Jahrgängen abgefüllt wird. Masciarelli lässt ihn in offenen Holzständern vergären und baut ihn 18 bis 24 Monate in neuen Barriques aus. Erst fünf Jahre nach der Lese kommt er in den Handel – die meisten Montepulciano haben sich in diesem Alter in Essig verwandelt oder wurden zu Industriealkohol weiterverarbeitet.

Bei diesem Wein hingegen steigert sich unsere Begeisterung von Glas zu Glas. Das Bukett des 1998er ist faszinierend: rote Beeren, Feigen, Dörrfrüchte, Waldboden, Herbsttrompeten, rotes Curry, Vanille, Zigarrentabak. Am Gaumen zeigt sich ein dichtes Gewebe von großer Expressivität, fülliger Eleganz und eindrucksvoller Klarheit. Der 1999er ist zurückhaltender in der Frucht, erdiger, puristischer, er wird mehr von den Aromen dunkler Gewürze und mediterraner Kräuter geprägt. Der Wein nimmt uns vor allem durch seine Vornehmheit ein.

Aufrichtig, stark und entschlossen

Schließlich kommt der 2000er zum Zug. "Un’annata grandissima!", schwärmt Masciarelli, "ein gewaltiger Jahrgang". Der Duft ist in der Tat überwältigend, eine intensive und harmonische Komposition aus reifen dunklen Beeren, Feigen, Veilchen, Trüffeln, Kakao, Schokolade und Zigarrentabak. Der luxuriöse, kraftvolle Wein ist so füllig wie seidig am Gaumen, verbindet Konzentration und Komplexität mit Transparenz und Grazie. Keine Frage: Masciarellis "Villa Gemma" ist einer der feinsten Rotweine Italiens. Und dabei ist er ein Montepulciano!

"Von Banditen haben wir uns das Image des Montepulciano d'Abruzzo verhunzen lassen", schimpft Gianni Masciarelli auf die vielen Billigerzeuger. Sie hätten die lockeren Bestimmungen ausgenutzt, nach denen sich fast jeder hier gewachsene Wein mit dem Herkunftsprädikat DOC schmücken kann, und das Renommee der Region nachhaltig beschädigt. Dabei, sagt der Winzer, sei Montepulciano eine fantastische Rebsorte, "und ich bin stolz darauf, diesen Wein zu machen. Denn er ist auch Ausdruck dieser Region, der Landschaft, der Kultur und der Menschen: ein bisschen ungeschliffen vielleicht, aber dafür aufrichtig, stark und entschlossen."

So entschlossen wie Masciarelli selbst, der Anfang der 80er-Jahre mit zwei Hektar begonnen hat und heute mit seiner Frau Marina, einer gebürtigen Kroatin, 177 besitzt. Nur 20 Hektar davon sind allerdings mit Reben bepflanzt, und die sind auf weit verstreute Parzellen verteilt. Nach einer Experimentierphase von 20 Jahren weiß Masciarelli, was dem Montepulciano gut tut: "Die Sorte reift spät und braucht viel Sonne. Andererseits sind kühle Nachtwinde aus den Bergen willkommen, denn sie bringen Frische und Aroma."

Das Powerpaar genießt landesweit Respekt

So profitieren die zumeist sehr alten Reben in Controguerra von den Fallwinden des fast 3000 Meter hohen Massivs Gran Sasso d’Italia, jene bei San Martino von der herrlichen Bergluft der Maiella und des Nationalparks. Unter dem Namen Marina Cvetic vermarkten die Masciarelli eine weitere Serie herausragender Montepulciano, außerdem drei sortenreine Olivenöle. Das Powerpaar genießt landesweit Respekt; Gianni Masciarelli gilt neben dem legendären Edoardo Valentini als Leitfigur im Weinbau der Abruzzen.

Ein Erfolgsduo bilden auch Sabatino Di Properzio und Stefano Inama. Eigentlich ist Stefano Inama für seine vorzüglichen Soave bekannt, die er im Veneto ausbaut. Das Potenzial der Rebsorte hat ihn aber ermuntert, mit seinem Freund Sabatino Di Properzio von der Fattoria La Valentina nahe Spoltore bei Pescara auch einen Einzellagen-Montepulciano zu wagen, den "Binomio". Die Trauben wachsen in 500 Meter Höhe auf einem der schönsten Weinberge der Abruzzen. Von hier aus ist die Montagna della Maiella bestens zu sehen, das gewaltige Bergmassiv, das den Charakter der Region prägt. Im Herbst, wenn die Spitze bereits mit Schnee bedeckt ist, kontrastiert das Weiß mit dem Goldgelb der Weinberge und dem Grün der Weiden und Wälder. Zwischen der ersten Schlittentour und dem letzten Sonnenbad des Jahres an den Stränden von Pescara liegen nur 30 Minuten Autofahrt. Sollte in dieser einzigartigen Lage nicht auch ein außergewöhnlicher Wein reifen?

Ja, findet Sabatino Di Properzio: "Wir haben einen alten Klon, der sehr niedrige Erträge bringt und noch aus dem Ursprungsgebiet des Montepulciano stammt, der Gegend von Casaura bei Sulmona, westlich der Maiella." Ehrgeizig und selbstbewusst ist der Winzer, der mit schickem Anzug, Lederslippers und Digitalkamera fast wie ein Manager daherkommt: "Der 'Binomio' soll ein urtypischer Montepulciano d'Abruzzo sein, einzigartig in der Welt und höchsten Ansprüchen genügen." Deshalb hat er die Produktion auch vor acht Jahren auf ökologische, zuletzt auf biodynamische Bewirtschaftung umgestellt.

Eine der besten Adressen in den Abruzzen

Die Montepulciano der Fattoria La Valentina werden vor allem von ihrer dunklen Farbe und klaren, reifen Frucht geprägt. Der "Binomio" 2001 ist konzentriert und kraftvoll, mit reifer, würziger Fruchtfülle und maskulinem Gerbstoffgerüst. Etwas rauchiger, frischer und subtiler, mit Kräuteraromen wie Thymian und Majoran, zeigt sich der andere Spitzenwein des Guts, der seidig und elegant strukturierte Montepulciano "Bellovedere". Er stammt von alten Reben, die um das Gut in unmittelbarer Nähe zur Adria wachsen. Wie der "Binomio", so ist auch er ein außergewöhnlich feiner Montepulciano. Die anderen Weine bestätigen ebenfalls unseren Eindruck: Dieses auf den ersten Blick unscheinbare Gut zählt zu den besten Adressen in den Abruzzen.

Ganz typisch für die Region sind dabei die Pergeln, an denen die Rebstöcke hochwachsen. Diese etwa zwei Meter hohen Stöcke teilen sich am oberen Ende in vier Arme, an denen die Trauben hängen. So werden sie im Winter vor Bodenfrost, im Herbst vor Feuchtigkeit und im Sommer vor der Reflektion der stark erwärmten Kalk-Lehm-Kiesel-Böden geschützt. "Wichtig ist, dass die Reihen gut durchlüftet werden, damit die Feuchtigkeit nicht auf den Beerenhäuten bleibt und den Pilzdruck erhöht", erklärt Elena Nicodemi vom traditionsreichen Weingut Bruno Nicodemi in Notaresco, nördlich von Pescara.

Um möglichst viele Reben mit alten, wertvollen Nicodemi-Klonen, insbesondere des Montepulciano, zu erhalten, hat sie mit ihrem Bruder Alessandro und landwirtschaftlichen Beratern das Pergelsystem optimiert. Bei Nicodemi wachsen jetzt nur zwei anstatt vier Arme aus dem oberen Endes des Stocks. Dadurch hängen die Trauben freier, bekommen noch mehr Licht und Luft. Außerdem haben die Winzer den Ertrag reduziert. Ihr Credo lautet: "Vom schlichten Roten bis zum Spitzengewächs, wir stehen für handwerklich gemachten Wein von hoher Originalität und Qualität." Tatsächlich besticht die gesamte Produktion durch ihre ausgewogene, elegante, authentische Art. Nicht nur die Top-Weine machen Freude – schönere Alltagsgetränke als die einfachen Trebbiano und Montepulciano wird man in den Abruzzen wohl kaum finden.

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insgesamt 401 Beiträge
Umberto 28.08.2006
Nicht so schrecklich viel: Kaffee = CHAT NOIR Wasser = Perrier (beim Radsport: Kaiserbrunnen) Sonst nichts!
Zitat von sysopWie viel Sorgfalt verwenden Sie auf die Auswahl Ihres Lieblingsgetränkes?
Nicht so schrecklich viel: Kaffee = CHAT NOIR Wasser = Perrier (beim Radsport: Kaiserbrunnen) Sonst nichts!
sojiti 28.08.2006
Kein Sekt? Kein Wein? Nicht mal einen Cognac ab und zu nach dem Essen? (oder ist das der Ausgleich zum Rauchen?)
Zitat von UmbertoNicht so schrecklich viel: Kaffee = CHAT NOIR Wasser = Perrier (beim Radsport: Kaiserbrunnen) Sonst nichts!
Kein Sekt? Kein Wein? Nicht mal einen Cognac ab und zu nach dem Essen? (oder ist das der Ausgleich zum Rauchen?)
Umberto 28.08.2006
Kein Sekt, kein Wein und auch kein Cognac! (Kann gut sein)
Zitat von sojitiKein Sekt? Kein Wein? Nicht mal einen Cognac ab und zu nach dem Essen? (oder ist das der Ausgleich zum Rauchen?)
Kein Sekt, kein Wein und auch kein Cognac! (Kann gut sein)
sojiti 28.08.2006
(Ich gebe zu, ohne meinen Sekt würde mir was fehlen...) Auch keine Milch? Keinen Saft? Oder mal einen Tee?
Zitat von UmbertoKein Sekt, kein Wein und auch kein Cognac! (Kann gut sein)
(Ich gebe zu, ohne meinen Sekt würde mir was fehlen...) Auch keine Milch? Keinen Saft? Oder mal einen Tee?
Umberto 28.08.2006
Nein, nicht mal das (scheint ein Dialog zwischen uns zu werden, hat wohl sonst keiner Interesse).
Zitat von sojitiAuch keine Milch? Keinen Saft? Oder mal einen Tee?
Nein, nicht mal das (scheint ein Dialog zwischen uns zu werden, hat wohl sonst keiner Interesse).
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  • Datum: Dienstag 05.09.2006 | 06:02 Uhr
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