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Mögliche Auslösehemmung: ABS ruft Tausende Lawinenrucksäcke zurück

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Für viele Freerider und Skitourengeher gehört der Lawinenrucksack mit Airbag schon zur Grundausrüstung. Marktführer ABS muss jetzt 95 Prozent seiner seit 1996 ausgelieferten Rucksäcke zurückrufen.

ABS ruft Rücksäcke zurück: Airbag für den Lawinenunfall Fotos
ABS Avalanche Airbag/ Hansi Heck

Die Nachricht dringt wie ein kleiner Knall in die sonst eher leise Welt der Tiefschneefahrer: ABS, der weltweit führende Hersteller von Lawinen-Airbags, ruft alle Rucksäcke mit integriertem Doppelairbag und einer Auslöseeinheit aus Stahl zurück. Das betrifft etwa 95 Prozent der Rucksäcke, die zwischen 1996 und dem 2. Dezember 2014 verkauft wurden. Der Grund: Die Stahlpatrone, die den Airbag auslöst, könnte mit Rückständen verunreinigt sein.

Rucksäcke mit Carbonpatronen und Mono-Airbags fallen nicht unter die Rückrufaktion. Allerdings sind auch Modelle der ABS-Partner Bergans, Dakine, Deuter, Haglöfs, Ortovox, Salewa, The North Face, Vaude betroffen. "Tausende" Rucksäcke müssten überprüft werden. Wie viele es genau sind, möchte ABS nicht kommunizieren.

Schuld an der Rückrufaktion ist ein Zulieferer. Der Produzent und Abfüller der ABS-Stahlpatronen, Voest Alpine Rotec, hatte Probleme im Befüllungsprozess festgestellt. Demnach könnten bereits ausgelieferte Stahlpatronen während der Befüllung mit Bearbeitungsrückständen verunreinigt worden sein. Diese Partikel können das ABS-System bei zukünftigen Auslösungen unter Umständen blockieren.

Mit Luftblase zur Oberfläche

"Das Problem ist bisher bei drei Trainingsauslösungen aufgetreten", sagte eine Sprecherin von ABS. Da Voest Alpine nicht genau sagen könne, in welchen Chargen es zu Verunreinigungen gekommen ist, habe sich ABS für eine groß angelegte Rückrufaktion entschieden. Wie schnell die Besitzer ihren eingeschickten Rucksack zurückbekommen, weiß ABS nicht. "Wir arbeiten auf Hochtouren daran, auch über Weihnachten und an den Wochenenden", sagte die Unternehmenssprecherin.

Der Erfolg des Unternehmens, das seit 1985 Airbags für Skifahrer herstellt, liegt in dem Versprechen, die Überlebenschancen bei einem Lawinenunfall zu erhöhen. Die Rucksäcke mit Twinbag-System sind seit 1996 auf dem Markt, ihre Handhabung kinderleicht: Mit einem kräftigen Zug am Rucksackgurt wird eine Explosion ausgelöst. Dadurch blasen sich zwei Airbags im Rucksack auf.

Durch die Luftsäcke hat der Skifahrer ein höheres Volumen, er wird nicht von der Lawine verschluckt, sondern soll an ihrer Oberfläche bleiben. Laut einer vom Unternehmen in Auftrag gegebenen Studie liegen die Chancen, mit einem ABS-Rucksack in einer Lawine zu überleben, bei 97 Prozent. Ohne Rucksack, so die Studie, liege sie bei 75 Prozent. Die Kosten für diese Sicherheit sind nicht unerheblich: Ein Rucksack mit ABS-System kostet ab 600 Euro aufwärts.

Für viele Freerider, Tourengeher und Bergführer gehört der ABS-Rucksack neben Schaufel, Sonde und Lawinenpiepser trotzdem inzwischen zur Standardausrüstung. "Wir bemerken, dass immer mehr Skifahrer mit solchen Airbag-Systemen in unsere Kurse kommen", sagt Stefan Winter, Bergführer und Ressortleiter Breitensport beim Deutschen Alpenverein (DAV).

Scharfe Kritik an ABS-Werbespot

Daran sind womöglich auch Videos wie das von Aymar Navarro Schuld. Begleitet von heroischer Musik fährt der spanische Freerider für einen Werbespot in einen Steilhang ein. Der Schnee stiebt, Navarro macht vier, fünf Schwünge. Plötzlich reißt der Berg wie ein Reißverschluss auf und Sekundenbruchteile später löst sich eine riesige Lawine. Navarro versucht, den Schneemassen zu entkommen, indem er aus der Falllinie fährt.

Doch dann kommt der halbe Berg ins Rutschen, Navarro verschwindet in einer weißen Wolke. Man sieht noch, wie Skier durch die Luft wirbeln. Das war's, denkt man. Doch plötzlich taucht Navarro wieder auf. Er liegt im Schnee, an seiner Seite zwei prall gefüllte rote Luftkissen. Als kurze Zeit später ein Hubschrauber über ihn hinweg fliegt, reckt Navarro den Daumen in die Höhe. "Alles in Ordnung", zeigt er an. Und als er in den Hubschrauber einsteigt, sieht man deutlich die Marke seines Lebensretters: ABS.

Das Video war eigentlich ein Werbespot für einen Autokonzern. Doch die Message ist so klar, dass ABS die Bilder später selbst als Werbefilm eingesetzt hat. Die Firma hat dafür nicht nur Klicks, sondern auch harsche Kritik geerntet: Skifahrer und Bergführer warfen dem Konzern vor, menschliche Unverwundbarkeit zu suggerieren. In Foren wurde darüber diskutiert, ob das Video womöglich sogar gefakt sei - weil es ein so perfekter Werbespot ist. "Das Video ist ganz sicher echt", versichert Daniel Buss, Head of International Sales bei ABS. Später hat Navarro das in einem Interview bestätigt.

Trotzdem hat ABS in diesem Winter die Aussagen seiner Kampagne ein wenig verändert. Im aktuellen Spot berichtet die Profi-Snowboarderin Géraldine Fasnacht, wie sie die Schneeverhältnisse und das Wetter falsch eingeschätzt hat und deshalb eine Lawine ausgelöst hat, in der sie fast ums Leben gekommen wäre. Sie spricht mit ruhiger Stimme, auf Musik wird verzichtet. Die Message: "Liebe Freerider, der Airbag kann zwar Leben retten. Aber ihr solltet deshalb eure Risikobereitschaft nicht erhöhen."

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insgesamt 6 Beiträge
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1. Der letzte Satz des Artikels ist wichtig.
chrome_koran 22.12.2014
Studien (unter anderem von der DGUV) zeigen immer aufs Neue: Jede neue technische Sicherheitsvorrichtung erhöht grundsätzlich die Risikobereitschaft der Anwenderinnen. Die Leute verlassen sich allzu sehr darauf, dass ihnen die ganzen Helferlein im Zweifelsfalle den Mors retten. Dass sich auch die modernste deutsche Technik nach wie von an die Naturgesetze zu halten hat, kommt dabei nicht bei allen an. Dabei sind ABS (das für die Lawinen wie auch das im Auto), ESP, Spurhalte- oder Parkassistenten ganz feine Sachen und helfen tatsächlich, die Sicherheit zu erhöhen –*vorausgesetzt, die Anwenderinnen treiben die Technik nicht über die Grenzen des Machbaren hinweg.
2. Nicht das einzige Problem...
silversurfer75 22.12.2014
Ich habe eine carbonkartusche, bei einer Testauslösung implodierte der Rucksack weil die Klettverschlüsse nicht aufgingen. Das Verhalten seitens ABS war nicht gerade vertrauenserweckend. Mein Händler schickte den Rucksack inklusive detaillierter Vorgangsbeschreibung und expliziter Bitte um Ursachenanalyse an ABS, zurück kam lediglich Ersatz ohne jegliche Kommentierung, direkte Rückfragen mehr als vage beantwortet. Ein jahr später gab es dann eine Rückrufaktion bzgl . der Klettverschlüsse....angesichts der steigenden Anzahl Freerider, die sich mittlerweile mit Airbags in den Pulver stürzen und immer öfter Lawinepiepser und Sonde zu hause lassen ist es meiner Sicht nur eine Frage der Zeit, bis der erste Tote mit nicht ausgelösten Rucksack ausgegraben wird.
3.
bugabo52422 22.12.2014
Zitat von silversurfer75Ich habe eine carbonkartusche, bei einer Testauslösung implodierte der Rucksack weil die Klettverschlüsse nicht aufgingen. Das Verhalten seitens ABS war nicht gerade vertrauenserweckend. Mein Händler schickte den Rucksack inklusive detaillierter Vorgangsbeschreibung und expliziter Bitte um Ursachenanalyse an ABS, zurück kam lediglich Ersatz ohne jegliche Kommentierung, direkte Rückfragen mehr als vage beantwortet. Ein jahr später gab es dann eine Rückrufaktion bzgl . der Klettverschlüsse....angesichts der steigenden Anzahl Freerider, die sich mittlerweile mit Airbags in den Pulver stürzen und immer öfter Lawinepiepser und Sonde zu hause lassen ist es meiner Sicht nur eine Frage der Zeit, bis der erste Tote mit nicht ausgelösten Rucksack ausgegraben wird.
Schau Dir zu dem Thema Lawinenairbags und Klettverschlüsse auch die Nachrüstempfehlung an auf http://ich-liebe-berge.ch/news/nachrustempfehlung-fur-abs-lawinenairbags-klettverschlusse/ Ortovox hatte damit auch sehr grosse Probleme und lieferte "Nachrüstsets", die nichts anderes machten, als die Klettverschlüsse partiell abzudecken, damit sie weniger Kleb-/Haltekraft haben. Zum Thema nicht-ausgelöster Airbag – dies passiert häufiger und kam bereits vor. Aber dazu schau Dir die neuste Studie an: http://ich-liebe-berge.ch/news/news-lawinenairbag-studie/
4. Studie zum Thema
bugabo52422 22.12.2014
Zitat von chrome_koranStudien (unter anderem von der DGUV) zeigen immer aufs Neue: Jede neue technische Sicherheitsvorrichtung erhöht grundsätzlich die Risikobereitschaft der Anwenderinnen. Die Leute verlassen sich allzu sehr darauf, dass ihnen die ganzen Helferlein im Zweifelsfalle den Mors retten. Dass sich auch die modernste deutsche Technik nach wie von an die Naturgesetze zu halten hat, kommt dabei nicht bei allen an. Dabei sind ABS (das für die Lawinen wie auch das im Auto), ESP, Spurhalte- oder Parkassistenten ganz feine Sachen und helfen tatsächlich, die Sicherheit zu erhöhen –*vorausgesetzt, die Anwenderinnen treiben die Technik nicht über die Grenzen des Machbaren hinweg.
Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt die bis dato grösste Studie zum Thema Lawinenairbags –*die sogenannte «Risikokompensation». Du findest die Ergebnisse der Studie gut zusammengefasst auf http://ich-liebe-berge.ch/news/news-lawinenairbag-studie/
5. Studie zum Thema Lawinenairbags
bugabo52422 22.12.2014
Nach der neusten und grössten Studie sind Lawinenairbags ein wertvoller Notfall-Ausrüstungsgegenstand, aber die Auswirkungen auf die Überlebenswahrscheinlichkeit sind kleiner als bis dato angenommen wurde. Ein Überleben garantiert ein Lawinenairbag nicht – die Mortalität von Airbag-Nutzern ist signifikant höher als bis anhin berichtet – auch mit Lawinenairbag kamen 13 % ums Leben. Die Studie findet man zusammengefasst auf http://ich-liebe-berge.ch/news/news-lawinenairbag-studie/
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