Achttausender-Wettrennen Rivalin bezweifelt Weltrekord von Oh Eun Sun

Triumph auf dem gefährlichsten Achttausender der Welt: Die Südkoreanerin Oh Eun Sun hat wohl als erste Frau die 14 höchsten Berge der Erde bestiegen. Doch einer ihrer vorherigen Gipfelerfolge ist umstritten - eine Konkurrentin und selbst eine bedeutende Himalaja-Chronistin sind skeptisch.

AFP/ KBS TV

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Hamburg - Es ist pure Ironie des Schicksals, dass es ausgerechnet ihre schärfste Konkurrentin war, die Oh Eun Sun den Weg zum größten Triumph ihres Lebens ebnete: die erste Frau auf allen Achttausendern zu sein.

Mitte März erreichte die spanische Extrembergsteigerin Edurne Pasaban mit der ersten Annapurna-Expedition des Jahres das Basecamp des 8091 Meter hohen Bergs. Es war ein gewohnt schwerer Winter gewesen, erst jetzt waren hier wieder Touren möglich.

Zusammen mit ihren Helfern verlegte Pasaban Fixseile, spurte den Weg, sicherte gefährliche Stellen - eine aufreibende Arbeit, die mehrere Wochen in Anspruch nahm. Eigentlich wollte sie im März gar nicht hier sein, sondern zuerst den Shisha Pangma in Angriff nehmen, doch die Behörden in Tibet erlaubten ihr keinen Aufstieg zu diesem frühen Termin.

Am 17. April stand Pasaban auf dem Gipfel. Die Annapurna war ihr 13. Achttausender, damit zog sie mit Oh gleich. Im Basecamp hatte sie vor dem Aufstieg die Südkoreanerin getroffen. Die Rivalinnen tranken Tee zusammen, und Pasaban erlaubte dem asiatischen Team, ihre vorgespurte Route zu nutzen.

Es gibt ein Foto, auf dem Oh und Pasaban im Annapurna-Basecamp nebeneinander stehen und in die Kamera lächeln. Doch die Harmonie ist trügerisch, gute Freundinnen werden die beiden wohl nie werden. Denn vor wenigen Tagen erschien in Spanien ein Zeitungsbericht, in dem Pasaban der Südkoreanerin heftige Vorwürfe macht. Einem Journalisten erzählte sie, dass ein Sherpa ihr gesagt habe, Oh sei nie auf dem Gipfel des Kangchendzönga gewesen.

Heftige Kritik in spanischen Medien

Der Vorwurf ist nicht neu, schon länger gibt es eine Kontroverse um ein unscharfes angebliches Beweisfoto vom Gipfel des dritthöchsten Berges der Welt, den die 44-jährige Oh 2009 bestiegen haben soll. Doch die spanischen Medien, die das Rennen um den Titel der Achttausender-Königin mit großer Begeisterung verfolgen, griffen das Thema auf und warfen der Südkoreanerin unlautere Mittel vor.

Als Oh Eun Sun am Dienstag, zehn Tage nach Pasaban, um etwa 15 Uhr Ortszeit auf dem Gipfel der Annapurna steht, ahnt sie wohl nichts von dem Sturm, den die spanischen Medien entfacht haben. Sie hat auf 8091 Meter Höhe mit einem anderen Sturm zu tun: Mit zwölf Metern pro Sekunde bläst es ihr um die Ohren, die Temperatur beträgt 29 Grad unter null. Ein Kameramann des südkoreanischen Fernsehsenders KBS ist dabei, als sie die Arme in die Luft reckt, das Wort "Victory!" ruft und mit der Flagge ihres Heimatlands wedelt. Sie winkt ihren Landsleuten zwischen Seoul und Busan zu, die den größten Moment ihrer Bergsteigerlaufbahn, der auch ein nationaler Triumph für das Land Südkorea ist, live am Bildschirm verfolgen. "Hurra! Ich bin so glücklich und danke euch", sagt Oh in die Fernsehkamera. "Mama und Papa, ich vermisse euch. Nun komme ich nach Hause."

Oh ist 1,54 Meter klein, 50 Kilo schwer und hat sich nun einen festen Platz in den alpinen Geschichtsbüchern gesichert. Südkoreas Präsident Lee Myung Bak gratulierte aus Seoul zu der Leistung. "Diese Besteigung ist ein Sieg des Menschen und zeigt, was eine Herausforderung ist." Es ist ein Rekord für die Ewigkeit, der wohl letzte große Titel, der in der alpinen Welt noch zu ergattern war.

Jüngst waren noch drei Frauen im Rennen um diese Ehre, die dritte im Bunde war Gerlinde Kaltenbrunner aus Österreich. Die bereitet sich derzeit am Mount Everest auf eine Begehung über die schwierige Nordwand-Route vor und hatte schon lange immer wieder wiederholt, dass ihr der Wettkampfgedanke zwischen den Top-Alpinistinnen fremd sei.

Auch Pasaban, die gut mit Kaltenbrunner befreundet ist, sagt häufig, dass bei solchen lebensgefährlichen Ausflügen der Gedanke an ein Wettrennen fehl am Platz sei. "Ich mache das nicht, um reich und berühmt zu werden, sondern weil ich das Klettern liebe", sagte sie der Internetseite explorersweb.com. "Das ist mein Leben, deshalb ist es nur logisch, dieses Projekt zu komplettieren." Zuletzt wollte sie aber doch unbedingt den Rekord - vom Annapurna-Basecamp nahm sie einen Hubschrauber zum Shisha Pangma, dem letzten Achttausender, der ihr noch fehlt.

Voller Einsatz für "Projekt 14"

Oh ist anders als die beiden Europäerinnen. Sie machte nie einen Hehl daraus, unbedingt den Achttausender-Grand-Slam schaffen zu wollen. So lange sie das Ziel habe, die 14 höchsten Berge zu besteigen, werde sie "alles tun, um das zu erreichen", sagte sie der Nachrichtenagentur Associated Press. "Ich habe einen Job zu erledigen", hatte sie vorher immer wieder betont und hatte mit großem Einsatz an Material und vielen Helfern ihr "Projekt 14" vorangetrieben.

Daran, dass Oh eine Ausnahme-Alpinistin ist, besteht kein Zweifel. Zwischen Mai 2008 und August 2009 gelangen ihr acht Achttausender-Besteigungen in nur 17 Monaten, vorher hatte sie für ihre ersten fünf Achttausender noch zehn Jahre benötigt.

Doch Ohs Methoden sind zumindest umstritten. Ihre Expeditionen gleichen militärischen Operationen, mit Hubschraubern lässt sie sich von einem Basecamp zum nächsten fliegen. Sie soll zudem große Teile ihres Gepäcks an Träger übergeben und mehrfach künstlichen Sauerstoff verwendet haben, was unter prinzipientreuen Alpinisten verpönt ist. "Mit selbstverantwortlichem Bergsteigen hat das nichts zu tun", sagte Kaltenbrunner im März der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Für sie sei zudem Sauerstoff ein "künstliches Hilfsmittel, das ich vollkommen ablehne".

Doch egal, welcher Hilfsmittel sich Oh bedient - so lange sie es irgendwie auf den Gipfel schafft, kann ihr die Besteigung niemand streitig machen. Und dass der Titel "Erste Frau auf allen Achttausendern" für die Selbstvermarktung mehr wert ist als der Titel "Erste Frau, die alle Achttausender im Alpinstil schafft", steht außer Frage.

Doch selbst die wohl wichtigste Instanz der Achttausender-Expeditionen, die Himalaja-Chronistin Elizabeth Hawley, äußerte jüngst massive Zweifel an Ohs umstrittenen Kangchendzönga-Gipfelbild. Zwar ist darauf nicht viel zu erkennen, nicht einmal, ob es sich tatsächlich um Oh handelt. Doch eindeutig ist, dass die abgebildete Person auf einem Felsuntergrund steht. "Gipfelbilder von anderen Kletterern in der gleichen Saison zeigen, dass sie im Schnee stehen", sagte Hawley. Den Vermerk in ihren Aufzeichnungen, dass Oh auf dem Gipfel war, wollte sie zunächst nicht entfernen - sie habe aber nun hinzugefügt, dass es an dem Erfolg noch Zweifel gebe.

Pasaban nahm am Dienstag die Niederlage zunächst sportlich und gratulierte der Rivalin: "Ich wusste, dass es passieren konnte, denn Miss Oh war mir einen Achttausender voraus", sagte die Spanierin nach Angaben der Madrider Zeitung "El Mundo". "Ich gratuliere ihr, denn soweit ich mitbekommen habe, war der Aufstieg auf den Annapurna aufgrund des Windes sehr schwer."

Ganz aus dem Rennen ist sie möglicherweise doch noch nicht - wenn nämlich Ohs Erfolg am Kanchendzönga nicht anerkannt wird, hat sie beste Chancen, im Mai am Shisha Pangma zur Rekord-Bergsteigerin zu werden.

Mit Material von Reuters und AFP

insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
dr_yu_su 27.04.2010
1. Achttausender-Wettrennen: Rivalin bezweifelt .....
"Seinen letzten Achttausender, den Lhotse, bestieg Messner am 16. Oktober 1986. Um noch in diesem Jahr und vor Wintereinbruch den Gipfel erreichen zu können, wurde das Lhotse-Basislager jedoch vom Makalu-Basislager aus direkt mit einem Helikopter angeflogen. So konnte Messner als erster Mensch noch vor Jerzy Kukuczka alle 8000er erfolgreich besteigen." Warum ist es für eine Frau nicht zumutbar, was für Herrn Messner erlaubt ist?
carsonlau 27.04.2010
2. ich frage mich immer:
wer denn da die Höchstleistung bringt, wenn ich die Aufnahmen sehe? Die Kameras und das ganze Equipment laufen doch nicht von alleine da hoch? Und dann kriegt da so einE BergsteierIn alle Ehren und das Filmteam erscheint nicht mal im Bild. Irgendwie kam mir das schon immer komisch vor. Aber die Mondladung wurde ja auch von Stanley Kubrick inszeniert ;-)
tweet4fun 27.04.2010
3. Einfache Lösung!
Zitat von carsonlauwer denn da die Höchstleistung bringt, wenn ich die Aufnahmen sehe? Die Kameras und das ganze Equipment laufen doch nicht von alleine da hoch? Und dann kriegt da so einE BergsteierIn alle Ehren und das Filmteam erscheint nicht mal im Bild. Irgendwie kam mir das schon immer komisch vor. Aber die Mondladung wurde ja auch von Stanley Kubrick inszeniert ;-)
Selbstauslöser!
langenscheidt 27.04.2010
4. Wer ist schnellste Touristin auf allen 8000ern?
Manche Leute haben nichts Sinnvolles in ihrem Leben getan oder zumindest vor gehabt. Zu diesen Leuten zählen die Turbo-Hobby-Bergsteiger. Das sind die, die den leichtesten Weg mit allerhand technischem Hilfsmittel-Schnickschnack nach oben nehmen. Früher war Bergsteigen noch was für Kerle und Weiber. Heute ist es zum Tourismus verkommen.
eckes1 27.04.2010
5. .
Gratulation! Allerdings geht es bei Oh Eun Sun vor allem darum auf den Gipfeln zu stehen. Das WIE spielt keine Rolle. Nur mit Sauerstoff, Sherpas, Hubschrauber, Fixseilen und ferig eingerichteten Hochlagern kann sie so viele 8000er innerhalb kürzester Zeit abhaken. Prinzipiell darf jeder die Berge so besteigen wie er will, allerdings finde ich den Stil von Gerlinde Kaltenbrunner besser. Die geht ohne Sherpas, Sauerstoff und im Alpinstil teilweise schwere Routen und nicht die einfacheren Wege. So kann sie eben pro Saison max. 2 Berge machen. Das dauert dann eben viel länger ist aber von der Leistung her höher zu bewerten.
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