Profikletterer Adam Ondra "Das Schwerste an der Route ist, optimistisch zu bleiben"

Adam Ondra gilt als bester Sportkletterer der Welt. Immer wieder verschiebt er die Schwierigkeitsskala im Klettersport nach oben. Im Interview erzählt er von der härtesten Route. Und wovor er manchmal Angst hat.

Pavel Klement

Ein Interview von


Kopfüber hängt Adam Ondra an einer Felswand in Norwegen. Die linke Fußspitze klemmt in einem engen Felsspalt, das Knie ist nach unten eingedreht, sein Zeigefinger steckt in einem winzigen Loch. Ondra schreit. Die athletischen Verrenkungen, die der 1,85 Meter große Profikletterer in der Hanshelleren-Höhle in Flatanger macht, scheinen so gar nicht zu seiner Statur zu passen.

Die Szene stammt aus dem Film "Silence", der am 23. Februar in der italienischen Stadt Arco am Gardasee vorgestellt wird. Ondra ist darin zu sehen - wie er Klettergeschichte schreibt. Am 3. September 2017 schaffte er, was noch keinem vor ihm gelungen ist: Er kletterte als Erster eine Route im französischen Schwierigkeitsgrad 9c. Auf der Bewertungsskala der Internationalen Union der Alpinismusvereinigungen (UIAA) ist das eine glatte 12. "Silence" nannte Ondra sie später.

Zur Person
  • Pavel Blazek
    Adam Ondra, geboren 1993 im tschechischen Brno, ist einer der besten Sportkletterer der Welt. Bereits mit 13 Jahren fiel er durch seine außergewöhnlichen Leistungen auf, 2007 wurde er zum ersten Mal Weltmeister. Ondra ist bekannt für seine Erstbegehungen von extrem schweren Routen. Dabei brach er in der Vergangenheit auch schon seine eigenen Rekorde.

Durch die Schwierigkeitsgrade im Sportklettern lassen sich einzelne Routen miteinander vergleichen. Das Bewertungssystem ist abstrakt: Die Grade richten sich nach Merkmalen wie etwa der Komplexität der Bewegungen. In höheren Graden werden meist Tritte und Griffe kleiner und somit schwieriger zu halten. Hinzu kommt die Neigung der Wand: "Silence" etwa befindet sich in einer Höhle - Ondra musste daher große Teile der Route an überhängenden Wänden klettern und konnte sich dabei nur in winzigen Felsspalten festhalten.

Der Film "Silence" zeigt Ondras monatelange Vorbereitungen: Immer wieder fuhr er nach Norwegen und studierte jede einzelne Sequenz ein, bis er die ungewöhnlichen Bewegungen verinnerlicht hatte - und die Route schließlich ohne zu fallen durchsteigen konnte.

Nur fünf Monate nach seinem Erfolg gelang dem 25-Jährigen ein weiteres Superlativ. Während Ondra für die Route "Silence" monatelang übte und sie immer wieder ausprobierte, gibt es im Klettersport auch den sogenannten Flash: Die Begehung einer Route im ersten Versuch, wobei sich der Kletterer vorher nur Informationen zu den Griffen und Tritten über Dritte einholen darf.

Am 10. Februar flashte Ondra die Route "Supercrackinette" in Frankreich, die mit dem Schwierigkeitsgrad 9a+ bewertet ist. Die stark überhängende Route ist bekannt für ihre kleinen leistenartigen Griffe, die oft nur mit einem Fingerglied gehalten werden können. Ein Flash in diesem Grad ist vor ihm noch niemandem gelungen.

Ondra gilt derzeit als bester Sportkletterer der Welt. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erzählt er, warum er sich gerade Norwegen ausgesucht hat und wie er mit Angst umgeht.

SPIEGEL ONLINE: Herr Ondra, was macht "Silence" in Norwegen zur härtesten Route der Welt?

Adam Ondra: Sie ist mit 45 Metern sehr lang, und man braucht viel Ausdauer. Nach etwa 20 Metern kommt eine sehr schwere Stelle, da ist man eigentlich schon ziemlich ausgepowert. "Silence" verlangt so viele spezielle Bewegungen, als müsse man ein Puzzle lösen. Das Schwerste an der Route ist aber, optimistisch zu bleiben. Es wäre so leicht gewesen, aufzugeben und zu sagen, die Route ist einfach zu hart. Irgendwie habe ich es aber geschafft, den Spaß am Klettern nicht zu verlieren.

SPIEGEL ONLINE: War es Spaß oder Ehrgeiz, der Sie motiviert hat, dabeizubleiben?

Ondra: Beides. Ich habe diese Route vor ein paar Jahren in Flatanger entdeckt und dachte, sie könnte machbar sein. Gleichzeitig sah sie so hart aus, dass ich wusste, dass ich noch weit davon entfernt war, sie klettern zu können. Doch es blieb mein Traum. Nicht unbedingt, weil es die schwerste Route der Welt war, sondern weil es eine persönliche Herausforderung für mich war. Natürlich vergleicht man sich auch mit anderen. Aber vor allem will man selbst immer weiter kommen. Nach 9b+ kommt nun einmal 9c.

SPIEGEL ONLINE: Also kommt als Nächstes die nächstschwierigere Stufe?

Ondra: Bei der 9c war ich schon so nah an meinem Limit, dass ich mir nicht sicher bin, ob noch mehr geht. Ich bräuchte dafür jedenfalls sehr viel Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Die haben Sie sich auch für "Silence" genommen. Sie trainierten monatelang in Norwegen.

Ondra: Ich habe den gesamten Sommer 2016 in Flatanger verbracht und die einzelnen Sequenzen geübt. Damals nannten wir die Route noch "Project Hard". Im darauffolgenden Frühjahr kam ich wieder. Ich baute die einzelnen Züge in meiner Kletterhalle zu Hause nach, trainierte nur noch für diese Route. Ich konnte an nichts anderes mehr denken.

SPIEGEL ONLINE: Das Klima kann in Norwegen auch im Sommer ganz schön rau werden. Warum haben Sie sich ausgerechnet Flatanger ausgesucht?

Ondra: Norwegen ist mein Lieblingsklettergebiet. Ich habe mir die Höhlenroute auch deshalb ausgesucht, weil ich wusste, ich werde viel Zeit an dem Ort verbringen. Flatanger ist so wunderschön, dass ich immer gerne wieder dorthin fuhr. Wenn wir nicht kletterten, gingen wir fischen oder wandern. Es ist mein zweites Zuhause geworden.

SPIEGEL ONLINE: Beim Klettern spielt nicht nur die körperliche Fitness eine Rolle, auch der Geist muss in Top-Form sein. Wie sind Sie mit Ihrer Angst umgegangen?

Ondra: Viele Kletterer haben Sturzangst. Aber ich habe keine Angst vor dem Fallen, ich habe Angst zu versagen. Wenn man nach so vielen Wochen der Vorbereitung spürt, dass man es schaffen kann, wird man nervös beim Klettern - und das ist hinderlich. Es muss so vieles zusammenpassen: Das Wetter muss gut sein, der Felsen trocken, man muss ausgeruht sein, relaxt und fokussiert gleichzeitig. Gerade in dieser Route konnte ich mir nicht den kleinsten Fehler erlauben. Ich habe viel mit meiner Freundin, die gleichzeitig meine Sicherungspartnerin ist, über meine Zweifel gesprochen. Sie hat es geschafft, meine Motivation zu halten.

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Adam Ondra: Der König der Felsen

SPIEGEL ONLINE: Und dann kam der Tag, an dem alles passte.

Ondra: An diesem Tag lief alles automatisch. Ich kann mich noch nicht einmal an die einzelnen Sequenzen erinnern. Ich tat etwas, das ich so gut kannte und so oft geübt hatte. In so einer Situation kann ich jegliche rationalen Gedanken ausblenden und auf meine Intuition vertrauen.

SPIEGEL ONLINE: Als Sie dann die 9a+ in Frankreich flashten, konnten Sie das nicht, weil Sie die Route zuvor nie geklettert sind.

Ondra: Die Route in Frankreich war ebenfalls ein jahrelanger Traum von mir. Ich habe sie mir aufgespart, da es nicht so viele Routen in diesem Schwierigkeitsgrad auf der Welt gibt. Die mentale Belastung bei "Supercrackinette" war noch schlimmer, weil ich ja nur einen einzigen Versuch hatte. Wenn ich ihn nicht geschafft hätte, wäre es vorbei gewesen.

SPIEGEL ONLINE: Mit dem Durchstieg der ersten 9c und dem Flash der 9a+ haben Sie wieder einmal Klettergeschichte geschrieben. Wie wichtig ist es Ihnen, der Erste zu sein?

Ondra: Ich will dem gar nicht so viel Bedeutung zumessen. Beide Routen waren meine persönlichen Ziele und ich bin froh, dass ich sie geschafft habe. Aber wenn ich sie nur geklettert wäre, um der Erste zu sein, würde ich den Spaß am Klettern verlieren. So denke ich schon an mein nächstes Projekt und freue mich darauf.

SPIEGEL ONLINE: Und das wäre?

Ondra: Ich fahre nächsten Monat nach Spanien. Dort will ich versuchen, eine zweite 9a+ zu flashen.

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
andros0813 23.02.2018
1.
adam, für deine leistungen hast du meine allergrösste bewunderung.. es ist einfach unglaublich, was du da am berg zauberst.. wünsche dir auch weiterhin die erfüllung deiner träume.
erwachsener 23.02.2018
2. Die Motivation gefällt mir
Er macht das alles, weil er es für sich selber will. Berichterstattung, Bücher, Vortragsreisen etc. bringen vermutlich Geld für den nächsten trip, aber sind nicht der Zweck sondern das MIttel.
Sibylle1969 23.02.2018
3.
Nicht jedem Leser dürften die Fachbegriffe geläufig sein, daher sollte man sie erklären. Ich musste zB googeln, was „flashen“ im Kontext des Kletterns bedeutet. Es bedeutet, eine schwierige Route im ersten Versuch erfolgreich zu klettern.
Newspeak 23.02.2018
4. ...
Zitat von erwachsenerEr macht das alles, weil er es für sich selber will. Berichterstattung, Bücher, Vortragsreisen etc. bringen vermutlich Geld für den nächsten trip, aber sind nicht der Zweck sondern das MIttel.
Mir gefaellt, dass er sich sichert. Und damit zeigt, dass das dem Sportklettern keinen Abbruch tut, und das es nicht cool ist, wenn man free solo klettert.
MitutaKopfweh 23.02.2018
5.
Sorry, aber "Flashen" wird sogar gleich zweimal erklärt (Zeile 26ff sowie in der Bildergalerie, Bild 6). Davon mal abgesehen, finde ich es auch wirklich kein Drama, wenn man mal was nachschlagen muss. Bildung liegt halt nicht fertig in der Schublade...
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