Taufe der "Aida Mar": Greenpeace-Gründerin ist mit im Boot

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Erdgas im Tank, Strom von der Schute: Aida Cruises bemüht sich um Kurs in Richtung grünere Kreuzfahrt. Zum Hamburger Hafengeburtstag wird ihr neuestes Schiff getauft. Mit dabei ist Monika Griefahn, Greenpeace-Gründerin und neue Umweltdirektorin der Rostocker Reederei.

Taufe der "Aida Mar": Roter Kussmund, grüne Direktorin Fotos
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Das Oberdeck der Hafenfähre ist voll besetzt, die Sonne scheint - und als das kleine Boot der "Aida Mar" am Cruise Center in Hamburg-Altona näherkommt, reißen die Touristen die Digitalkameras hoch: Das 14 Decks hohe, weiß schimmernde, neueste Produkt vom Aida-Schiffsfließband weckt Träume - von Urlaub, Wellness und der weiten Welt.

Festgezurrt am Kai wartet der 252 Meter lange 71.100-Tonnen-Gigant auf seine Taufe am Samstagabend, im Rahmen des Hamburger Hafengeburtstags. 1,5 Millionen Gäste werden zum größten Hafenfest der Welt erwartet, ein riesiges Feuerwerk ist angekündigt. Und gleich drei Schwesterschiffe werden bei dem Event vor Ort sein, einen Stern auf dem Wasser bilden, die knallroten Kussmünder zum Neuzugang gewandt. So viel Tamtam gab es noch nie um einen schwimmenden Täufling.

Gleichzeitig ist dies auch ein bisschen Abschiedsfeier für den langjährigen Chef von Aida Cruises, Michael Thamm. Während der 48-Jährige seinen Umzug nach Genua an die Unternehmensspitze des Pannen-Reederei Costa Crociere plant, sitzt sein designierter Nachfolger Michael Ungerer schon auf Deck 10 der "Aida Mar". Neben dem offenen Theatrium in Gold und inmitten orangefarbener Pracht stellt der 46-jährige Österreicher der Presse Monika Griefahn vor, Ex-Umweltministerin von Niedersachsen und frisch gekürte Nachhaltigkeits-Offizierin. Ihre jüngst verkündete Einstellung ist Ungerers erster Coup.

"Wer will schon ein Schwein sein!"

Vor über 30 Jahren protestierte die Greenpeace-Mitbegründerin im Schlauchboot vor dem Chemietanker "Kronos". Heute will die 57-jährige Griefahn das Image der Reederei polieren, die vor kurzem vom Nabu stellvertretend für die Branche zum "Umwelt-Dinosaurier" gekürt wurde. Aktiver Umweltschutz und ein Engagement in der Wirtschaft sind für sie kein Widerspruch: "Ich war immer schon dafür, Lösungen zu suchen und zu gestalten statt nur nein zu sagen", sagt die Ex-Politikerin und Soziologin routiniert, ihr Lippenstift ist wie so oft knallrot, man könnte sagen: Aida-rot. Auf ihrer vorläufigen Agenda: den Aufenthalt der Aida-Flotte in Häfen sauberer, die Beschaffung der rund 20.000 Produkte an Bord nachhaltiger und die Mitarbeiter umweltbewusster zu machen.

Naturschutzverbände wie der Nabu und die Umwelthilfe will Monika Griefahn einbinden: "Eigentlich wollen wir doch alle dasselbe", sagt sie und lacht: "Wer will schon ein Schwein sein!" Beim Nabu zeigt man sich aufgeschlossen, "wir finden das klasse, dass sie das macht", sagt Verkehrsexperte Daniel Oeliger von Berlin aus. Doch: "Eine neue Person bringt noch kein Gramm weniger Rußpartikel." Und wenn Aida Cruises so fortschrittlich wäre, wie die Leitung sagt - "was soll Frau Griefahn darüber hinaus noch bewirken?" Vorerst jedoch werde der Nabu auf dem Hafengeburtstag und anlässlich der "Aida Mar"-Taufe einen symbolischen Schornstein rauchen lassen und mit Flugblättern über die sündige Kreuzfahrt aufklären.

Den trotz "Costa Concordia"-Katastrophe anhaltenden Boom der Kreuzfahrt sehen gerade die Hamburger mit einem lachenden und einem weinenden Auge: In diesem Jahr werden mit 164 Schiffen ein Viertel mehr Ozeanriesen an den zwei Terminals an der Elbe anlegen als im Vorjahr, eine dritte Anlegestelle ist in Planung. Die rund 400.000 Kreuzfahrt-Touristen bringen der Stadt Profit, aber auch mehr Rußpartikel und Luftschadstoffe, die auf die Hanseaten niederregnen. Die Landstrom-Lösung, bei der die dafür längst ausgerüsteten Aida-Schiffe am Liegeplatz ihre Motoren abschalten könnten, ist noch nicht in Sicht - Griefahns Ideen sind dringend gefragt.

Kraftwerk auf der Schute

Konkurrent TUI Cruises hat bereits eine: Die Hamburger Reederei will eine sogenannte E-Power-Barge testen. Das auf einer 80 Meter langen Schute schwimmende Kraftwerk soll aus Flüssigerdgas (LNG) Strom erzeugen und die Kreuzfahrer wasserseitig damit versorgen. Eine Absichtserklärung mit dem Versorgungslogistiker Eckelmann ist bereits unterzeichnet, das verheißungsvolle Versprechen für 2013: ein Viertel weniger CO2-Produktion des liegenden Schiffs und kein Rußpartikel-, Schwefel- oder Stickoxid-Ausstoß.

Auch Aida Cruises plane eine solche Alternative, sagt der künftiger Chef Ungerer in österreichisch gefärbtem Deutsch. Aus dem Fenster in der luftigen Höhe des zehnten Decks sehen er und Griefahn auf die Müllverwertungsanlagen auf der anderen Seite der Elbe, während der Englisch sprechende Kellner um sie herumtänzelt.

In Sachen Abfall- und Abwasserbearbeitung wird der scheidende Thamm seinem Nachfolger eine saubere Flotte überlassen, konnte er doch als Marktführer Jahr für Jahr ein neues Schiff mit neuer Technologie auf Jungfernfahrt schicken. In kleinen komprimierten Quadern verlässt Organisches das Schiff, auch als Kompost verwendbar. Das Brauchwasser erhält wieder trinkfähige Qualität, und die schiffseigenen Brauereien servieren sogar Pils aus Meerwasser.

Im Bauch der "Aida Mar" führt Chefingenieur Klaus-Diete Tkotsch, 60, auch noch ein Abwärmenutzungssystem vor, die silbern glänzenden Anlagenblöcke werden Kälte für die Klimaanlage produzieren und zugleich Wasser aufbereiten. Das Pilotprojekt mit der Meyer Werft, das als Weltneuheit für das sechste Schiff der "Sphinx"-Baureihe verkündet wurde, soll neben Maßnahmen wie intelligente Luft- und Klimaanlagensystemen dabei helfen, noch mehr Treibstoff zu sparen.

Auf die Abgase kommt es an

Erfolge, die die Naturschützer durchaus anerkennen. Doch die Umweltfreundlichkeit der weißen Urlaubsflotten stehe und falle mit den Abgasen, sagt Nabu-Experte Oeliger. Diese zu reduzieren mühen sich Hapag-Lloyd Kreuzfahrten mit ihrem Neubau "Europa 2" genauso wie TUI Cruises mit ihrem Auftrag in der finnischen STX-Werft und Aida mit den beiden Neubestellungen, die Michael Thamm - quasi als letzte große Amtshandlung - bei Mitsubishi in Japan geordert hat.

Für ihre Schiffe elf und zwölf ab 2015 haben die Rostocker Dual-Fuel-Motoren angekündigt, mit denen wahlweise Diesel oder Flüssiggas verbrannt und auf das umweltschädliche Schweröl verzichtet werden kann. Auch sollen die Kreuzer auf eine Art Luftkissen - mittels des Air-Lubrication-Systems - schweben, der die Reibung verringern und den Treibstoffverbrauch senken soll. Wenn sie dann noch einen Stickoxidkatalysator wie die Konkurrenz-Neubauten hätten, wäre auch Oeliger schon fast zufrieden. Allerdings fehle dann noch ein Rußpartikelfilter, doch der wird von der Branche als noch nicht machbar abgelehnt.

Am Imagewechsel werkelt zurzeit die gesamte Kreuzfahrtbranche fieberhaft - weg von den Bildern der "schwimmenden Sondermüllverbrennungsanlagen" und rauchenden "Umwelt-Dinosaurier" und weg von dem Bild, welches die unschön schräg im Mittelmeer liegende "Costa Concordia" vermittelt. Das Thema Nachhaltigkeit steht weit oben auf den Agenden - nur getoppt von den Bemühungen, die Bars und Restaurants verschiedenster Art an Bord und Attraktionen wie Wasserrutschen, Zirkuszelte und Golfrasen in eine Pressemitteilung zu quetschen.

Sicher rührt das Umweltengagement aus selbstempfundener Verantwortung für Meere und Strände her, sicher aus Gründen der Treibstoff- und damit Kostenersparnis, und sicher auch, weil ein positives Produkt wie Urlaub verkauft werden muss: "Das schafft man nur mit einem stimmigen Gesamtimage", sagt Monika Griefahn, die neue Direktorin für Umwelt und Gesellschaft.

In ihrem gerade veröffentlichten Nachhaltigkeitsbericht prescht Aida Cruises dann auch schon mal vor: "Der Kreuzfahrttourismus hat das Potential, eine der heute verfügbaren Reiseformen mit dem geringsten Einfluss auf die Umwelt zu werden", tönt die Reederei.

Solange man den Hotelbetrieb der Ozeanriesen jedoch nicht auf Schienen setzen kann, wird dies wohl eher Utopie bleiben.


Taufe der "Aida Mar" in Hamburg am Samstag, 12. Mai 2012:
21 Uhr: Sternformation der "Aida Mar" und drei Schwesterschiffen am Hamburg Cruise Center Hafencity am Grasbrook.
21.30 bis 22 Uhr: Parade zur Fischauktionshalle mit Lichtshow
22.20 Uhr: Taufshow, zwei LED-Bildschirme übertragen die Zeremonie am Baumwall und am Fischmarkt
22.30 Uhr:
Feuerwerk vor der Fischauktionshalle
22.50 Uhr: Auslaufparade der vier "Aida"-Schiffe

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1.
Olaf 11.05.2012
Zitat von sysopErdgas im Tank, Strom von der Schute: Aida Cruises bemüht sich um Kurs in Richtung grünere Kreuzfahrt. Zum Hamburger Hafengeburtstag wird ihr neuestes Schiff getauft. Mit dabei ist Monika Griefahn, Greenpeace-Gründerin und neue Umweltdirektorin der Rostocker Reederei. Aidamar-Taufe: Monika Griefahn wird Umweltdirektorin von Aida Cruises - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,832176,00.html)
Na, dann ist Frau Griefhahn ja auch gut versorgt. Das ist ja schön.
2. ...
e-ding 11.05.2012
Umweltdirektorin!? Gibts dazu ne Berufs/Rollenbeschreibung? Wo ist die Position denn aufgehängt? Operations? Marketing? Oder doch Unternehmenskommunikation? ;)
3. Erdgas statt Schweröl?
Reg Schuh 11.05.2012
Hm... Was soll denn mit dem gesamten Schweröl gemacht werden. Ich dachte, Schiffsverkehr ist der wesentliche Wirtschaftsbereich, wo man damit was anfangen kann. Wichtiger als ein anderer fossiler BRENNstoff, der momentan ein ökologisches Image hat, scheinen mir Rußpartikel-/Stickoxid-/Schwefeldioxid-Filter zu sein. Wenn sich jemand besser auskennt, lasse ich mich gerne belehren.
4.
taubenvergifter 11.05.2012
Zitat von sysopErdgas im Tank, Strom von der Schute: Aida Cruises bemüht sich um Kurs in Richtung grünere Kreuzfahrt. Zum Hamburger Hafengeburtstag wird ihr neuestes Schiff getauft. Mit dabei ist Monika Griefahn, Greenpeace-Gründerin und neue Umweltdirektorin der Rostocker Reederei. "AIDAmar"-Taufe: Monika Griefahn wird Umweltdirektorin von Aida Cruises - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,832176,00.html)
Die Dame beweist mal wieder: erst kommt das Fressen, dann die Moral. Als Pseudoumweltaktivistin für einen Konzern zu arbeiten, der für die größten Dreckschleudern und Energiefresser verantwortlich ist. Auf Rückgrat lässt das nicht schließen.
5. Ist
crocodil 11.05.2012
doch klar, jeder versucht am meisten für sich einzustreichen. Sei es über die Grünen oder Greenpeace, ganz mal abzusehen. was die Bundesrepublik lfd. neue gut dotierte Stellen schafft. Man musss sich mal schlau machen, was für unnütze Positionen dort neu geschaffen werden. Wahrscheinlich nur - wie es sich in einer Behörde gehört - Sesselfurzer......
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"Aida Mar"
Reederei Aida Cruises
Schiffsregister Italien
Bau Meyer Werft, Papenburg
Tonnage 71.100 BRZ
Länge 252 Meter
Breite 32,2 Meter
Tiefgang 7,2 Meter
Geschwindigkeit 20 Knoten
Antrieb Diesel elektrisch, 24.800 kW
Kabinen 1097
Max. Passagierzahl 2174
Crew 611
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