Was von Air Berlin bleibt "Ich liebe das Schokoherz!"

Wenn Air-Berlin-Kunden eines im Gedächtnis bleiben wird, dann ist es das Schokoladenherz nach überstandener Landung. Manchen auch die Arktisflüge. Und, naja, ein paar verloren gegangene Koffer und das ewige Warten auf Entschädigungen.

DPA

Was bleibt von Air Berlin? Von der Fluglinie in Rotweiß, die als zweitgrößte in Deutschland unzählige Menschen in den Urlaub, zu Geschäftsterminen und zu ihren Fernbeziehungen transportiert hat. Die jahrelang um das Überleben kämpfte und an die Tausende Arbeitsplätze geknüpft sind.

Am Montag gab die insolvente Fluglinie bekannt, dass sie ihrLangstreckenangebot am 15. Oktober vollständig einstellt und bereits zu diesem Freitag die Verbindungen zwischen Hamburg und München sowie zwischen Köln/Bonn und München streicht. Der Aufsichtsrat stimmte dem Plan zu, über einen Verkauf mit Lufthansa und Easyjet bis zum 12. Oktober weiter zu verhandeln.

Wir haben unsere Leser gefragt, was sie vermissen werden - das Ergebnis: Es ist vor allem das Schokoladenherz, das nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat. Die in rote Folie eingepackte Süßigkeit bieten Stewards und Stewardessen am Ende eines Fluges den Gäste an. Mag es die Erleichterung nach überstandener Landung sein oder der Hunger nach einem inzwischen snacklosen Aufenthalt - hier wird zugegriffen:

"Ich liebe die Schokoherzen!!! :)", schreibt uns Doreen Tschamke.

Der neunjährige Lukas hatte Glück: "Mein erster Flug alleine ging zu Oma nach Salzburg. Der Pilot hat mir sogar das Cockpit erklärt. Und die Stewardess hat mir alle übrig gebliebenen Schokoherzen geschenkt. Ich mochte Air Berlin!"

Air Berlin hat es aber noch mit einer weiteren kulinarischen Besonderheit geschafft, in Erinnerung zu bleiben. Olivier Schattat meint darin schon die Gründe für die Pleite zu erkennen:

"Air Berlin und die Sansibar-Currywurst werde ich sehr vermissen! (Anm.d.Red.: Eine Zeitlang hat die Fluglinie ihre Bordmenüs von der Sylter Sansibar zusammenstellen lassen.) Auch wenn es zuletzt keine mehr gab. Aha, deswegen seid ihr nun den Bach runter! Am falschen Ende gespart. Dabei macht es die Wurst so einfach: Sie hat zwei! Habt Euch für das falsche Ende entschieden."

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Leser über Air Berlin: Schokoherzen und Nordpolarflüge

Großes Lob erhält die Fluglinie für ihr Meilenprogramm Topbonus - das im Übrigen von der Muttergesellschaft Etihad gestoppt wurde - und unvermutete Kulanz am Schalter:

Veit Schütz schwelgt schon in Erinnerungen: "Man schaffte es relativ leicht, zum Platinum-Vielflieger aufzusteigen. Und selbst mit drei, vier Langstreckenflügen pro Jahr kann man mit etwas strategisch geplanten Buchungen immer noch den Gold-Status halten. Alleine die Business-Class-Upgrades in die USA, die man recht einfach durch 25.000 Meilen bekommt, sind fantastisch. Man liegt im gemütlichen Bett, bekommt von netten Menschen großartige Gerichte und Champagner vorgesetzt und kommt völlig ausgeruht an. Gott, wie werde ich das vermissen."

Für Oliver Kopp hätte alles auch anders kommen können: "Ich war zur Diplomarbeit in Berlin untergebracht. Beim Rückflug hatte ich das mit den 20 Kilogramm und den zwei Gepäckstücken nicht richtig verstanden. Ich dachte: 'Wow, super Airline' und kam mit meiner Freundin und vier Koffern à 20 Kilogramm beim Check-in an. Die Dame am Schalter schaute verdutzt und sagte: 'Emm, wissen Sie, das sind IN SUMME 20 Kilogramm, nicht pro Koffer. Daraufhin geriet ich etwas in Panik und sagte etwas von Umzug nach Stuttgart und Diplomarbeit. Daraufhin die Dame: 'Ach, ich nehm's einfach auf. Und Sie, Sie fliegen einfach öfters mit uns und achten in Zukunft auf das Limit.' Ich war hocherfreut."

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Neben vielen Lesern, die durchweg zufrieden mit Pünktlichkeit, Service und Freundlichkeit der Mitarbeiter waren, gibt es auch jene, die von Flugausfällen, Kofferverlusten und Buchungschaos erzählen:

Francisco Ortigosa kann in einer komplett fehlgeschlagenen Reise noch Gutes erkennen: Der Flug seiner Freundin ab Frankfurt nach Kopenhagen wurde storniert, sie aber musste am nächsten Tag dort arbeiten. "Wir beschlossen, die 1000 Kilometer über Nacht nach Dänemark mit dem Auto zu fahren. Mit einer Verspätung von 30 Minuten konnte ich meine Freundin zur Arbeit bringen. Im Nachhinein betrachtet, hat Air Berlin unsere Liebe gestärkt: Wir lernten, dass wir aus komplizierten Situationen einfach nur das Beste machen müssen."

Leser Bert, der seine Mail mit dem Betreff "The Airline from Hell" versah, blickte in Südamerika seiner Maschine hinterher: "Air Berlin hat mich in Mexiko am Flughafen stehen lassen, obwohl ich ein Ticket nach Deutschland hatte. Ich hatte per Lastschrift bezahlt. Beim Check-in sollte ich aber die Kreditkarte vorzeigen, mit der bezahlt wurde. Am Ende wurde mir gesagt, meine Zahlung kann nicht verifiziert werden, und sie haben mich tatsächlich stehen lassen!

Air Berlin hat mich dann auch nicht auf den nächsten Flug umgebucht, sondern gesagt, die Buchung sei storniert, weil ich nicht geflogen bin. Ich musste neu buchen und zahlen, was natürlich genau zu Ostern und für one-way unglaublich teuer war. Dazu kamen noch etliche ungeplante Übernachtungen, noch mal Flughafentransfers, Telefonate, Zeit und Ärger. Bis heute kein Schadenersatz."

Das eingesetzte Fluggerät - öfter mal eine Propellermaschine - stieß auf geteiltes Echo. Manche hassten es, manche liebten es:

Michelle Kubier schloss schon mit ihrem Leben ab: "Freitag, 4. August 2017: Ich reise mit Air Berlin von Neapel über Berlin nach Köln. Als ich in Tegel die Maschine sehe, stockt mir der Atem. Ein uraltes Propellermodell, die wackelige Treppe ist nicht gerade vertrauenserweckend. Ich spreche meinem Freund die vielleicht letzte Nachricht auf die Mailbox und steige todesmutig ein. Gerade mal vier mit hellbraunem Kunstleder bezogene Sitze pro Reihe. Der Flug dauert länger als gedacht - die Maschine kann halt nicht so schnell. Aber wir landen."

Roland Häfner hat seine zahlreichen Reisen dagegen noch in sehr guter Erinnerung: "Bevor ich 2012 in Pension gegangen bin, habe ich fast immer für die Strecke Mailand - Stuttgart Air Berlin gebucht. Ich fand das Fliegen mit der kleinen Propellermaschine immer sehr interessant, da man Luftturbulenzen doch deutlich gespürt hat. Es war zwar etwas eng und laut, aber der Preis und der Service waren einfach gut. Diese Flugzeuge flogen auch nicht so hoch, so dass man bei schönem Wetter einen hervorragenden Blick auf die Alpen hatte."

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Air-Berlin-Insolvenz: Chronik eines Sinkflugs

Billig, billig, billig - nicht für alle Fluggäste ist das ein Konzept, das aufgeht. Michael von Arps-Aubert nahm schon nostalgisch Abschied:

"Air Berlin war immer meine Fluggesellschaft. Sie hat mich zu meiner Frau nach München gebracht und meine Frau zu mir. Seit Jahren und fast immer zuverlässig. Fröhliche Crews und nicht so altbacken wie die Lufthansa. Sehr schade. Es gibt einen Markt für menschenwürdiges Fliegen. Viele wären bereit, für mehr Beinfreiheit, Service und Pünktlichkeit auch mehr zu bezahlen. Das wäre mein Zukunftskonzept für Air Berlin. Billig, billig, billig - das kann nicht gut gehen."

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