Verspätungen und Ausfälle Air-Berlin-Kunden fordern Schadensersatz in Millionenhöhe

Verspätete und ausgefallene Flüge verärgern die Kunden von Air Berlin. Tausende haben sich an Internetportale gewandt, die auf Fluggastrechte spezialisiert sind, und fordern mit deren Hilfe Erstattungen.

DPA


Wegen Mängeln bei der Flugplanung und beim Flottenumbau fallen bei Air Berlin seit Wochen Flüge aus, es gibt immer wieder große Verspätungen. Die Probleme bei der finanziell angeschlagenen Airline bescheren Internetportalen wie Flightright einen enormen Zulauf. Ihre Kunden fordern Schadensersatz in Millionenhöhe.

Bei dem auf Fluggastrechte spezialisierten Internetportal Flightright seien "bereits Millionen Euro an Erstattungsansprüchen zusammengekommen", sagte Rechtsanwalt Oskar de Felice dem Berliner "Tagesspiegel". Seit Anfang 2017 haben sich nach Angaben von Flightright Tausende Air-Berlin-Kunden an das Portal gewendet, damit dieses gegen Provision eine Entschädigung eintreibt.

Dem Bericht zufolge profitieren auch andere Fluggasthelfer-Portale wie EUClaim oder Fairplane von den Problemen bei der zweitgrößten deutschen Fluggesellschaft. Fairplane verzeichnete demnach von Januar bis Ende Mai 3800 Air-Berlin-Fälle. Dies sei ein Anstieg um 114 Prozent.

Hinzu kämen knapp 1800 Beschwerden gegen den Konzern-Ferienflieger Fly-Niki - 720 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Allein an Kunden von Fairplane zahlte Air Berlin demnach in diesem Jahr schon 1,85 Millionen Euro. Das Unternehmen selbst nenne keine Zahlen zur Höhe bereits gezahlter Entschädigungen.

Air Berlin: Tickets sind sicher

In der vergangenen Woche war bekannt geworden, dass Air Berlin Möglichkeiten für eine Bürgschaft auslotet. Einem Unternehmenssprecher zufolge stellte die Airline eine Anfrage auf Prüfung eines Bürgschaftsantrags bei den Landesregierungen von Berlin und Nordrhein-Westfalen. Mit Bürgschaften können Bund und Länder die Rückzahlung von Krediten an Unternehmen garantieren, die sonst keine Darlehen mehr bekommen würden.

Das Bundeswirtschaftsministerium erklärte, auch der Bund beteilige sich an der Prüfung eines möglichen Bürgschaftsantrags. Das könne "einige Wochen bis Monate dauern". "Die Situation von Air Berlin ist prekär, sonst würde so ein Antrag auf Bürgschaft nicht gestellt", sagte Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) in Ludwigshafen. Es bereite ihr und vielen anderen in der Bundesregierung Sorge, wenn ein so großes Unternehmen wie Air Berlin in Schieflage gerate.

Die Fluglinie selber wirbt bei Passagieren um Vertrauen. Obwohl sich Air Berlin um staatliche Bürgschaften bemüht, müssten Reisende nicht um die Gültigkeit ihrer gekauften Tickets bangen. "Die Tickets sind sicher. Die Kunden können beruhigt bei uns buchen", sagte Vertriebsvorstand Götz Ahmelmann der "Rheinischen Post". "Die Buchungszahlen sind stabil. Die Flugzeuge sind gut gefüllt. Es hat sich für uns operativ und finanziell nichts geändert."

Gewerkschaft: Mitarbeiter dürften nicht nach Mallorca abgeschoben werden

Die Flugbegleitergewerkschaft Ufo lehnt Staatshilfen ab. "Von Staatsbürgschaften für Air Berlin halte ich in der jetzigen Situation nichts", sagte Ufo-Tarifvorstand Nicoley Baublies der "Rheinischen Post". "Nach Aussagen aller Beteiligten" stehe fest, "dass Air Berlin nicht unabhängig bleiben kann und Lufthansa das Unternehmen übernehmen will".

Lufthansa solle daher "einen offenen Dialog mit dem Unternehmen und der Belegschaft" von Air Berlin darüber führen, unter welchen Bedingungen eine Integration möglich sei. Dabei müssten die Interessen der Air-Berlin-Mitarbeiter "vernünftig und sozialpartnerschaftlich" in Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften besprochen werden.

Die Air-Berlin-Beschäftigten dürften nicht zu Tochterfirmen auf Mallorca, in Österreich oder gar Irland abgeschoben werden, kritisierte Baublies. "Das geschieht schon oder wurde angedroht", sagte er der Zeitung. Staatshilfen seien für ihn nur denkbar, wenn als Vorbedingung jede Art von Tarifflucht ausgeschlossen werde.

Air Berlin steckt seit 2008 in den roten Zahlen, unterbrochen nur von einem kleinen Plus im Jahr 2012. Die arabische Fluggesellschaft Etihad hält 29,2 Prozent an der zweitgrößten deutschen Airline, will diese Beteiligung Medienberichten zufolge aber loswerden.

Als möglicher Interessent gilt die Lufthansa - allerdings dürfte ein Zusammenschluss der beiden größten deutschen Fluggesellschaften auf hohe wettbewerbsrechtliche Hürden stoßen. Am Mittwoch treffen sich die Eigentümer von Air Berlin zur Hauptversammlung.

abl/AFP/Reuters/dpa

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jupiter_jones 13.06.2017
1. Flightright und co
Flightright und co sind hilfreiche assistenten. Die zahl derueber flightright eingebrachten forderungen duerften bei ALLEn airlines angestiegen sein. Die sache koennte einen harken haben, die airlines werden die dadurch gestiegenen opportunitaetskosten wieder durch preissteigerungen ausgleichen wollen - und so schliesst sich der teufelskreis wieder.
rkinfo 13.06.2017
2. Insolvenz alternativlos
1,2 Mrd. € Schulden ... und dies bei einem Billigflieger, der jeden Euro zweimal umdrehen muss. Ich flog März 2017 mit Air Berlin nach Mallorca und auch wieder zürück ... obwohl die Maschine da schon Fly-Niki hieß. War aber harmloses Chaos und die Pünktlichkeit o.k. Beide Flüge waren übrigens komplett ausgebucht. Als Linienflieger wird es kaum anders klappen, als Personal aus Drittländern einzustellen und nur noch zentral als 'Ais Berlin' geleitet zu werden. Aber ohne Entschuldung geht da nichts mehr.
GvC 13.06.2017
3. ha ha ha ...
"Die Tickets sind sicher. Die Kunden können beruhigt bei uns buchen", sagte Vertriebsvorstand Götz Ahmelmann der "Rheinischen Post". "Die Buchungszahlen sind stabil. Die Flugzeuge sind gut gefüllt. Es hat sich für uns operativ und finanziell nichts geändert." Oder frei nach ... ich hab den Namen leider vergessen: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!"
denkdochmalmit 13.06.2017
4. Keine Bürgschaften!
Warum soll der Steuerzahler für eine englische Briefkastenfima mit Besitzer in den Emiraten haften, nur weil diese zufällig den Namen einer deutschen Großstadt im Firmennamen hat?? Wenn die Maschinen gut gefüllt sind und trotzdem Minus gemacht wird stimmt das Geschäftsmodell anscheinend nicht so ganz...
tommuc1978 13.06.2017
5. Es ist nicht nur AirBerlin
Der ganze Chartermarkt ist im Umbruch uns in einer kritischen Phase. Wir hatten letztens das zweifelhafte Vergnügen mit einem gebuchten Condor Ticket in einem Subcharter der Condor namens Avion befördert zu werden. Ich bezahle also einen Condor Preis für eine deutsche Airline und sitze dann ohne Vorwarnung in einem litauischen Flugzeug mit nicht deutschsprachiger Crew unter Condor Flugnummer! Natürlich gab es bei Buchung auch keinen "Operated by" Hinweis. Condor versteckt die in den AGBs. Condor kann man also nicht mehr fliegen. AirBerlin auch nicht. Es bleibt echt nicht mehr viel übrig wenn man deutsche Sicherheit will.
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