Auktion der Air-Berlin-Reste Herzen unterm Hammer

Flugzeugsitze, Servierwagen, Kuscheldecken: Das Inventar der Pleite-Airline Air Berlin wird versteigert. Gut 50.000 Menschen sind online registriert, um mitzubieten. Manche Liebhaber sind offenbar zu horrenden Zahlungen bereit.

SPIEGEL ONLINE

Aus Essen berichtet


In einer Lagerhalle in einem Industriegebiet in Essen lagert die Vergangenheit: Hier liegen die Reste der einst zweitgrößten deutschen Fluggesellschaft. Sitze, Defibrillatoren, Rettungswesten und die Kulturtaschen von Joop - es wirkt wie in einem Museum für Luftfahrtgeschichte, Abteilung "Air Berlin".

An der Wand reihen sich Dutzende Flugzeugtrolleys. Draußen vor der Halle pfeift Sturmtief "Friederike". Wenn man sich auf einen der Flugzeugsitze mit den roten Gurten setzt und die Augen schließt, taucht vor dem inneren Auge eine Startbahn auf.

Doch hier geht es nicht um Nostalgie, es geht um Geld: Das Hamburger Auktionshaus Wilhelm Dechow versteigert die Memorabilien von Air Berlin. Zwei Wochen lang können Liebhaber, Fans und Menschen, die immer schon einmal einen Flugzeugsitz anstelle eines Sofas zu Hause haben wollten, online auf Gegenstände der pleitegegangenen Airline bieten.

Als Air Berlin im August 2017 Insolvenz anmeldete, reagierten nicht nur Mitarbeiter und Schokoladenliebhaber emotional. Es gab Trauerbekundungen in den sozialen Netzwerken, Nachrufe in den Medien, Sorge um die Zukunft der etwa 8000 Mitarbeiter. Am 27. Oktober landete die letzte Air-Berlin-Maschine in Berlin, nachdem der Pilot noch eine Ehrenrunde über der Hauptstadt gedreht hatte - sie wurde mit Tränen und Jubel auf dem Rollfeld empfangen. Seitdem wird der Konzern zerschlagen.

Die Idee für die Auktion kam von Air Berlin selbst: "Damit soll noch etwas mehr Geld in die Insolvenzmasse fließen", sagte der Sprecher. Wie viel Erlös die Auktion bringen soll, sagt er nicht. Doch bei den aktuellen Geboten könnte einiges zusammenkommen.

Für einen Servierwagen liegen die Gebote derzeit bei 1475 Euro. Für zwei Air-Berlin-Kuscheldecken werden etwa 150 Euro geboten. Der teuerste Startpreis lag bei 6000 Euro für ein riesiges Modellflugzeug. "Dafür gibt es bisher noch keine Interessenten", sagt Jan Bröker, Geschäftsführer bei Dechow. "Das ist ja auch nicht für jedes Wohnzimmer gebräuchlich."

Doch wie schön wäre es, morgens den Kaffee von einem Flugzeugtrolley ans Bett gebracht zu bekommen oder den sonntäglichen Tatort fortan vom eigenen Business-Class-Flugzeugsitz anzuschauen?

Ekkehard Hoffmann hätte sich gerne Flugzeugsitze für sein Wohnzimmer gekauft. "Ich dachte, man könnte sich gleich was mitnehmen", sagt der 62-jährige Rentner aus Essen. Hoffmann wusste nicht, dass es sich nur um einen Besichtigungstermin handelt und man nur online bieten kann. "Das ist mir dann auch zu kompliziert", sagt er. "Und auch sowieso zu teuer, ich hätte maximal 500 Euro für die Sitze ausgegeben." Doch die liegen inzwischen schon bei 1700 Euro.

"Als die Auktion vergangenen Montag startete, sind schon in den ersten Minuten die Gebote reingerasselt", sagt Bröker. Bis Freitag hätten sich etwa 50.000 Interessierte für die Online-Versteigerung registriert, es gebe bisher mehr als 10.000 Gebote. "Da gibt es Leute, die wirklich bereit sind, 100 Euro für eine Tasse auszugeben", sagt Bröker. "Die fühlen sich wohl irgendwie sehr mit Air Berlin verbunden und wollen ein Erinnerungsstück."

Reste mit Kultpotenzial

Doch was wirklich Kultpotenzial hat - der Meinung ist auch Bröker - sind die Schokoherzen. Unauslöschlich sind sie mit der Marke Air Berlin verbunden. Die glatte Folie, die die Schokolade umhüllt, glänzt knallrot und fühlt sich an wie ein Handschmeichler. Ein winziges weißes Flugzeug zieht darauf zwei Kondensstreifen quer über das Herz, darüber das Air-Berlin-Logo.

Fast jeder, der mal mit der Airline geflogen war, erinnert sich wohl an die Süßigkeit, die von den Stewardessen in Körben am Ausgang verteilt wurde. "Danke, dass Sie mit Air Berlin geflogen sind, einen schönen Tag noch." - "Danke, ebenfalls." Die meisten Herzen überlebten nicht einmal bis zur Gepäckausgabe - vielleicht sind sie deswegen nun umso wertvoller?

Auf dem Online-Auktionsportal Ebay werden sie bereits für horrende Preise angeboten. Dechow hat eine knappe Tonne im Angebot. Für 100 Schokoherzen liegt das Gebot derzeit bei 332 Euro. Doch wer gibt mehrere hundert Euro für Schokoherzen aus? Ein wirklich großer Air-Berlin-Fan? Ein Spekulant?

Zu finden ist in der Lagerhalle niemand, der die Schokoherzen ernsthaft kaufen will. Vereinzelte Besucher streunen zwischen den Aufstellern herum, begutachten die Mini-Air-Berlin-Logos auf den filigranen Weingläsern der ersten Klasse, schauen in die klobigen Flugzeugschränke, die verloren in einer Ecke stehen.

"Ich würde mir vielleicht so ein kleines Andenken kaufen", sagt Anne Brüninghaus. "So ein Glas oder so." Aber das sei mittlerweile alles so teuer, das sei es ihr nicht wert - wenngleich es schon irgendwie traurig sei mit der Pleite. "Aber so eine innige Beziehung habe ich zu Air Berlin dann nicht."

Für viele andere haben die Überbleibsel der Airline offenbar einen hohen emotionalen Wert. Die Gebote steigen weiter, bis zum 1. Februar können Interessierte noch mitbieten.

Als die Besucher die Lagerhalle in Essen verlassen, wird es wieder still im Gebäude. Das Flugzeugmodell schwebt im Raum, "Friederike" rüttelt an den Fenstern. Das Licht geht aus, jemand ist wohl auf den Schalter gekommen.

In Glasschalen stehen Schokoherzen herum - keine Körbchen, keine Stewardessen, kein "schönen Tag noch". Es ist ihr letzter Auftritt.



insgesamt 1 Beitrag
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iffelsine 18.01.2018
1. Da sollte Lindt noch einen Lizenzvertrag machen
Die Schokoherzen gehen die nächsten Jahre noch, bei Berlin gibt's 35 Stück im Lindt-Outlet für 6,99€, was echt preiswert ist und schmecken tun sie bekanntlich auch ;o)
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