Alarmierende Studie Klimawandel bedroht fast alle deutschen Skiorte

Skifahren nur noch auf Gletschern, Winterwandern im Grünen – der Klimawandel verheißt für das Skivergnügen nichts Gutes. Die OECD prognostiziert jetzt in einer Studie, dass nahezu alle Skigebiete in Deutschland um ihre Wirtschaftsgrundlage fürchten müssen.


Paris - Immer wärmere Winter seien eine "ernste Gefahr für die Schneesicherheit in den Skigebieten der Alpen und folglich für die regionale Wirtschaft", heißt es in einer heute in Paris veröffentlichten Studie der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Für Deutschland ist die Lage besonders düster: Laut OECD würde schon bei einem bis 2025 erwarteten Temperaturanstieg um ein Grad die Zahl der schneefesten Ski-Gebiete um 60 Prozent sinken.

"Die Alpen sind besonders anfällig für den Klimawandel", schreibt OECD-Klimaexperte Shardul Agrawala. Demnach seien die Jahre 1994, 2000, 2002 und 2003 die wärmsten der vergangenen 500 Jahre in den Alpen gewesen. Klimamodelle zeigten "noch größere Veränderungen in den kommenden Jahrzehnten mit weniger Schnee auf niedrigen Höhen sowie zurückweichenden Gletschern und schmelzendem Permafrost weiter oben". Wie Agrawala zu der Nachrichtenagentur AFP sagte, wird bis etwa 2050 eine Erwärmung um zwei Grad angenommen und bis zum Ende des Jahrhunderts um vier Grad.

Dies werde deutliche Spuren im Milliardengeschäft mit dem Skitourismus in den Alpen hinterlassen, erklärte Agrawala. So gebe es pro Jahr in Frankreich, Österreich, der Schweiz und Deutschland 60 bis 80 Millionen Touristen. Heute hätten noch 609 mittelgroße und große Alpen-Skigebiete ausreichend Schnee an mindestens hundert Tagen im Jahr - schon dies seien nur noch 91 Prozent der einst 666 in Frage kommenden Orte. Mit dem Klimawandel könne für viele weitere das Aus kommen: Steige die Temperatur um ein Grad, hätten nur 500 Gebiete ausreichende Schneesicherheit, bei einer Erhöhung um zwei Grad nur noch 400 und bei vier Grad nur noch 200.

Die Schweiz wird am wenigsten leiden

"In Deutschland werden die niedrig liegenden Ski-Gebiete am stärksten betroffen sein", erklärte die OECD. In Schwaben würde demnach bei einem Ein-Grad-Anstieg die Zahl der schneesicheren Wintersport-Orte von heute 47 auf 16 Prozent sinken, in Oberbayern von 90 auf 40 Prozent. Bei zwei Grad wären noch elf Prozent der schwäbischen Gebiete verlässlich mit Schnee bedacht und 15 Prozent in Oberbayern.

"Generell bietet die Höhe der bayerischen Alpen wenig Möglichkeiten, auf größeren Höhen zu operieren, was die Skigebiete besonders anfällig für Veränderungen bei der Schneegrenze macht", bemerkte OECD-Experte Agrawala. Bei den erwarteten vier Grad Anstieg bis zum Ende des Jahrhunderts bliebe in Schwaben kein schneesicherer Ort übrig, in Bayern nur ein Einziger.

Am wenigsten würde die Schweiz mit vielen hoch gelegenen Pisten leiden. Auch Österreich liege bei der Anfälligkeit über dem Durchschnitt, Frankreich im Mittelbereich und Italien leicht darunter. Damit werde es "Gewinner und Verlierer" geben, sowohl was ganze Regionen als auch was unterschiedlich hoch liegende Gebiete innerhalb einer Region angehe.

Ski-Betreiber stellten sich zwar bereits auf kürzere Winter ein, erklärt Agrawala. "Derzeit wird aber noch viel zu viel auf Technologie und zu wenig auf einen Strategiewechsel im Tourismusmarketing gesetzt. Kunstschnee kann zwar kosteneffektiv für Pistenbetreiber sein, verbraucht aber eine Menge Wasser und Energie und schadet der Landschaft und der Umwelt."

Die bisherige Strategie, den Status quo zu erhalten, könne "kurzfristig sowohl wirtschaftlich wie auch politisch teuer werden". Einen ausführlichen Bericht zu den Folgen des Klimawandels in den Alpen und Lösungsvorschläge will die OECD im Februar vorlegen.

abl/AFP



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