Extremkletterer Alexander Huber Mein Freund, die Angst

Ohne Seilsicherung bestieg er schwierigste Felswände: Der Extremkletterer Alexander Huber hat am Berg immer wieder sein Leben riskiert. Jetzt hat er ein Buch über die Angst geschrieben - und über die Zeit, als sie ihn fast besiegt hätte.

DPA

München - Die Nacht davor ist furchtbar. Es ist minus 30 Grad kalt - und in einem Alptraum stürzt Alexander Huber aus einer senkrechten Wand ins Bodenlose. Am nächsten Tag startet der Extremkletterer trotzdem zu einem spektakulären Alleingang: Ohne Sicherung durchsteigt er die extrem schwierige Direttissima der Großen Zinne in den Dolomiten. "Die Angst ist ein steter Begleiter, der das Überleben sichert, der sensibel dafür macht, den Gefahren adäquat zu begegnen", sagt er. "Ich brauche die Angst zum Überleben."

Angst ist für Huber auch Katalysator zur eigenen Entwicklung - und er hat Ängste erlebt, die sein Leben blockierten. Über diese Facetten hat er ein Buch geschrieben: "Die Angst. Dein bester Freund." Er schildert darin, wie er an der Riesenwand zaudert, zweifelt, wieder umkehrt - und dann doch startet. Von da an bestimmt Konzentration den Weg, und Intensität. "Ich bringe mein Leben als Einsatz in das Spiel, und deswegen wird das Erleben jetzt so tief und intensiv."

Alexander und sein älterer Bruder Thomas gehören zu den besten Kletterern weltweit. Die "Huberbuam" waren an höchsten Wänden im Karakorum, bestanden in der arktischen Kälte am Mount Asgard auf Baffin Island und durchkletterten berühmte Routen im Yosemite-Park in Rekordzeit. Als Pioniere im Speedklettern schafften sie 2007 die tausend Meter hohe "Nose" im Yosemite-Tal in der damaligen Rekordzeit von 2:45,45 Stunden. Der Versuch an der "Nose" ist Thema des preisgekrönten Dokumentarfilms "Am Limit".

Alexander Huber als hartnäckiger Pragmatiker und Analyst trieb den Nervenkitzel mit Free-Solo-Gängen in höchsten Schwierigkeitsgraden auf die Spitze. Als Erster schaffte er es alleine ungesichert die Wände des Grand Capucin im Mont-Blanc-Massiv hoch, der als schwierigster Berg der Alpen gilt. Manche finden: zu viel Risiko. Aber Huber sagt: "Wenn ich nicht immer aus vollstem Herzen überzeugt gewesen wäre, dass das Ganze absolut gut ausgeht, dann hätte ich es nie gemacht."

Risiko lohnt sich

Im Buch schreibt er: "Die Angst hat ein Lob verdient, ein besseres Bild als jenes, das nur allzu oft gezeichnet wird. Die Angst hat viel in mir bewegt, mich weitergebracht." Das gelte nicht nur in den Bergen. "Nicht jeder muss ein Extremsportler werden. Aber es lohnt sich, beizeiten mutig zu sein und ein gewisses Risiko einzugehen."

Der diplomierte Physiker, der ein halbes Dutzend Bücher veröffentlicht hat, offenbart auch seine dunklen Ängste: die große Leere nach dem großen Erfolg, Leistungsdruck, Existenzangst, Rückzug, Burnout. "Mit einem Mal habe ich Angst vor der Angst bekommen. Das war der Zeitpunkt, an dem ich professionelle Hilfe gesucht habe, die mich langsam wieder auf die Spur gebracht hat."

Free Solo ist für Huber heute ausgereizt. Nicht wegen der Familie mit Lebensgefährtin und Tochter, sondern weil der knapp 45-Jährige seine früheren Leistungen mit zunehmendem Alter nicht mehr toppen kann. "Ich bin beim Free-Solo-Klettern absolut an meine Grenzen gegangen", sagt er. "Die Große Zinne brauche ich nicht zu wiederholen. Das erste Erlebnis war das Original." Jede Wiederholung könne nur blasser sein. Klettern sei der Sprint, sagt er. Jetzt komme der Ausdauersport, der Marathon: Höhenbergsteigen. "Die Kondition ist noch da."

Im Himalaja und im Karakorum an den großen Bergen der Welt sieht er seine Zukunft, mit seinem Bruder Thomas, aber auch allein. Ganz besonders reizt ihn "ein richtig schwerer Berg im Alleingang." Die Angst wird dann sicher wieder mit dabei sein.

Sabine Dobel/dpa/sto



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Seite 1
rompipalle 14.10.2013
1. Fast blöder Artikel....
Was Huber selber angeht so wünsche ich ihm das Glück, welches Rainhard Karl und Wolfgang Güllich leider nicht gehabt haben. Der Jungsporn von heute,idealisiert das persönliche Risiko medienwirksam. Was das Klettern als Free climbing angeht,so hat er "eben,weil er ein Jungsporn ist" den Intellektuellen Hintergrund der Bewegung nie verstehen können. Was absolut kein Vorwurf ist! Dennoch, das nach Ahnen "und dieser zur show Stellung von extrem Leistungen" kann den Sarg mit sich bringen -für die Jugend,welche durch reine geile Gedanken im Extremsport nur Medien wirksam aufgegeilt wird,ohne die wirklichen Risiken mit einzukalkulieren. Die Free Climber Bewegung wollte nie solche Super Stars herstellen. Sie wollten einfach nur Free Climbing ausüben, auch eben ohne die fetten Sponsoren Verträge etc. . Und das ist der Spirit am richtigem Klettern,für sich selber und nicht für eine medienwirksame Vermarktung.
sappelkopp 14.10.2013
2. Interessant...
Zitat von sysopDPAOhne Seilsicherung bestieg er schwierigste Felswände: Der Extremkletterer Alexander Huber hat am Berg immer wieder sein Leben riskiert. Jetzt hat er ein Buch über die Angst geschrieben - und über die Zeit, als sie ihn fast besiegt hätte. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/alexander-huber-der-extremkletterer-und-die-angst-a-927708.html
...sind die Brüder allemal und sein Buch über die Angst hilft sicherlich auch in ganz alltäglichen Situationen. "Die Free Climber Bewegung wollte nie solche Super Stars herstellen." heißt es von rompigalle. Meinen Sie? Ich denke nicht, dass Sie sagen können, "was eine Bewegung will". Überall, in jedem Sport, im Beruf, in der Politik, einfach überall, werden sich Eliten herausbilden, das stand fest, als der erste Sportler sagte, er wäre Free Climber und einen zweiten von dem Sport überzeugte. Also, wo ist das Problem? Das er es geschafft hat, damit Geld zu verdienen und Sie vielleicht nicht?
susi_123 14.10.2013
3. Vielleicht hatte Huber
auch immer einen stets wachen Schutzengel dabei? Mein Schutzengel gönnt sich öfters mal ne Auszeit und deshalb lass ich das Freiklettern auch...
antje.b 14.10.2013
4. @rompipalle
Richtigstellung: Wolfgang Güllich ist bei einem Autounfall zu Tode gekommen - wegen Übermüdung. Als Free Climberin (die im Übrigen die von Ihnen reklamierten Ziele der "Bewegung" nicht als einzige mögliche Herangehensweise an das Klettern erkennen kann) finde ich es gut, dass es Einzelne gibt, die auch Nicht-Kletterern einen Einblick in das ermöglichen, was innendrin vorgeht. Wer Alex Hubers überlegte, ungeschönte Art übersieht und nur das Reißerische herauspickt und vielleicht sogar nachahmen will, ohne es zu können, ist nun wirklich selbst Schuld. Zudem sterben jedes Jahr viel zu viele "normale" Bergwanderer jeden Alters (vor allem aber Ältere) in den Alpen an profaner Selbstüberschätzung, ohne jemals einen - wie Sie schreiben - "geilen Gedanken" an Extremsport verschwendet zu haben.
antje.b 14.10.2013
5. Free Climbing (Freiklettern) ist nicht Free Solo!
@susi_123: "Freiklettern" oder Free Climbing bedeutet, gesichert mit Seil zu klettern. Das "frei" bezieht sich auf "frei von künstlichen Hilfsmitteln" wie künstlichen Griffen und Tritten, man greift und tritt ausschließlich den Fels, wie ihn die Natur zur Verfügung stellt - aber eben gesichert. Nur "Free Solo" ist völlig ungesichert, wobei sich "solo" darauf bezieht, dass man alleine klettert, also keine zweite Person einen sichert. Diese Unterscheidung ist in der allgemeinen Öffentlichkeit meist nicht bekannt und wurde auch im Artikel wieder einmal nicht abgegrenzt.
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