Alpen: Sieben Todesopfer durch Lawinen

Lawinen haben am Wochenende in den Alpen mindestens sieben Menschen verschüttet und getötet, darunter zwei Deutsche. Lawinenrucksäcke können die Überlebenschancen erheblich erhöhen: Wer mit Airbag fährt und schnell reagiert, schwimmt oben auf den Schneemassen mit.

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Weiße Gefahr: Lebendig begraben unter Lawinen
In alpinen Schneemassen sind am Wochenende mindestens sieben Menschen gestorben. Am Samstag kamen zwei deutsche Skitourengeher ums Leben, die mit einer neunköpfigen Gruppe am Tomülpass im Schweizer Kanton Graubünden unterwegs waren. In 2400 Metern Höhe löste die Gruppe ein rund hundert Meter breites Schneebrett aus, wie die Kantonspolizei mitteilte.

Die neun Tourengänger wurden verschüttet; alle waren mit einem Lawinenverschütteten-Suchgerät ausgerüstet. Sechs konnten sich selbst aus den Schneemassen befreien und Alarm auslösen, ein 38-Jähriger wurde später entdeckt und schwerverletzt ins Krankenhaus gebracht. Von Hundeführern unterstützte Retter waren ausgerückt, doch für einen 30- und einen 50-Jährigen kam jede Hilfe zu spät.

Ein weiteres Lawinenunglück ereignete sich am Samstagnachmittag oberhalb von Saxeten im Berner Oberland: Eine 34-jährige Tourenfahrerin wurde vor den Augen ihres Begleiters verschüttet. Er konnte die Frau noch vor dem Eintreffen der Rettungskräfte bergen. Sie wurde mit schweren Verletzungen von einem Helikopter ins Spital geflogen. Allein in den Schweizer Bergen töteten Lawinen in diesem Winter 17 Menschen. Das schwerste Unglück ereignete sich am 3. Januar im Diemtigtal, als sieben Menschen den "Weißen Tod" starben.

Auf der französischen Seite des Montblanc-Massivs verschütteten Schneemassen am Samstag auf 3500 Metern Höhe zwei junge Bergsteiger im Alter von 25 und 27 Jahren. Die von einem Zeugen alarmierten Retter konnten die beiden Männer nur noch tot bergen. Drei weitere Lawinenopfer gab es im italienischen Valle d'Aosta und im Trentino.

Wie auf einer Wasserrutsche

Auch die jüngsten Fälle zeigen: Das Fahren abseits präparierter Pisten, das Tourengehen und Bergsteigen erfordert höchste Vorsicht und gute Beobachtung der Schneeverhältnisse. Und selbst die Ausstattung mit Lawinensuchgeräten ist kein sicherer Lebensretter, wenn man einmal von zu Tale donnernden Schneemassen erfasst wird. Lawinenvermeidung ist natürlich die beste Möglichkeit - die zweitbeste: Lawinenrucksäcke, am besten in Kombination mit Lawinenverschütteten-Suchgerät (LVS), Schaufel und Sonde.

Beinahe 98 Prozent der Wintersportler, die bei einem Schneebrettabgang einen solchen Airbag trugen und auslösten, überlebten annähernd unverletzt, ermittelte das Eidgenössische Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) in Davos. Ohne die rund 690 Euro kostende Notfallausrüstung liege die Überlebenschance nur bei rund 50 Prozent.

"Da fragt man sich doch, wieso ein Lawinenrucksack nicht für jeden Wintersportler abseits der gesicherten Pisten eine Selbstverständlichkeit ist", sagt Daniel Buss, 34. Der Münchner verdankt dem "Avalanche Airbag-System" (ABS) sein Leben. Anfang Februar wurde der erfahrene Alpinist zusammen mit einer Freundin in der Nähe von Kitzbühel von einer Lawine fortgerissen. "Dank des ausgelösten Airbags schwamm ich wie auf einer Wasserrutsche auf den Schneemassen auf", erzählt Buss.

Dennoch war es für ihn der blanke Horror: Als die Schneemassen nach rund 250 Metern zum Stillstand kamen, steckte der versierte Tourengeher selbst zwar nur bis zum Oberkörper im Schnee, seine Begleiterin aber war verschwunden. Ohne Airbag lag die 29-Jährige eineinhalb Meter tief unter dem Schnee. Glücklicherweise gleich unter ihm. Als sich Buss selbst ausgrub, stieß er zufällig auf ihren Ski und konnte die bewusstlose Frau retten. "Ohne meinen ABS-Rucksack wären wir beide tot gewesen", so Buss.

"Völlige Sicherheit gibt es in den Bergen nicht"

"So viel Glück haben die wenigsten", sagt Peter Aschauer, 67. Der deutsche Lawinenrucksack-Pionier tüftelt seit 30 Jahren an dem System, nachdem er 1980 selbst beinahe zum Lawinenopfer geworden wäre. Damals kaufte er das Patent eines Forstmeisters, der in den siebziger Jahren entdeckt hatte, dass er in kleinen Lawinen nicht so tief einsackte, wenn er mehr Volumen durch ein erlegtes Tier auf dem Rücken trug. Erste Tests mit Kanistern und Ballons folgten. Es war die Geburtsstunde des Lawinen-Airbags.

"Wir setzten auf die effizienteste Möglichkeit, einen Lawinenabgang zu überleben - die Nichtverschüttung", bringt Aschauer den Ansatz seines ABS-Rucksacks auf den Punkt. 90 Prozent aller Todesfälle in Lawinen sind nämlich ausschließlich Folge der Verschüttung. Durch den zusätzlichen Auftrieb des ausgelösten Airbags schwimmt das Lawinenopfer auf, kann atmen und erstickt nicht unter den Schneemassen. Zwei gefaltete Ballons sind seitlich in den Rucksack integriert. Mit einem Auslösegriff - neuerdings auch per Funkfernsteuerung durch einen Begleiter - werden die Ballons blitzschnell aus einer Patrone mit Argon-Gas gefüllt.

Das Notfallsystem funktioniert. Als Freifahrtschein für Leichtsinnige will Aschauer es aber nicht verstanden wissen: "Völlige Sicherheit gibt es in den Bergen nicht." Auch mit seinem Rucksack könne man durch Sturzfolgen und die enormen Kräfte in einer Lawine zu Tode kommen. Die Überlebenschance ist aber um ein vielfaches höher als bei einer Rettung mit Hilfe von Lawinenverschütteten-Suchgeräten (LVS), Sonden und Schaufeln. Viele Verbände und Veranstalter setzen mittlerweile Lawinenrucksäcke von Aschauer oder den ähnlichen Modellen des Schweizer Unternehmens Snowpulse ein.

Die Airbags setzten sich immer mehr durch, nicht nur bei Profis. "Zum Glück", meint Daniel Buss. "Dem ersten Bergretter, der uns in Kitzbühel erreichte, haben wir einen Lawinenrucksack geschenkt. Und meine Begleiterin wird natürlich auch nie wieder ohne ins Gelände gehen."

jol/dpa/APN/AFP

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