Sanfter Wintertourismus Zwei Lifte nur, wie zauberhaft

Beim Wettstreit um die größte Skiarena machen sie nicht mit: Zehn Dörfer in den Alpen, die Wert auf Ursprünglichkeit und Regionales legen - und oft noch günstig geblieben sind.

SRT

Die Pisten sehen nicht aus wie Autobahnen und die Skihütten nicht wie Raststätten. Dafür bieten diese Orte, was viele Wintersportler jetzt wieder suchen: Urlaub ohne Hektik, mit kleinen Pensionen und Lokalen, in denen man abends in aller Ruhe seinen Wein trinken kann. Und drumherum eine noch weitgehend intakte Landschaft.

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Sanfter Tourismus: Skidörfer mit Flair

DEUTSCHLAND

Ramsau: Skitouren statt Schneekanonen

Kein Neubau stört: Ramsau beweist, dass Tourismus auch ohne immer neue Wellnesshotels funktioniert. Die Pensionen servieren zum Frühstück regionale Produkte - den Bauern im Dorf wird so eine Perspektive gegeben. Als erster bayerischer Ferienort hat sich Ramsau im Berchtesgadener Land 2015 der Initiative der "Bergsteigerdörfer" angeschlossen. Das Prädikat vergibt der Alpenverein an Orte, in denen das Dorfleben noch intakt ist und die im Winter Rodeln und Skitouren propagieren statt neuer Lifte und Schneekanonen.

Der Nationalpark beginnt vor der Haustür, die Loipen ebenso, und sogar ein kleines Alpinskigebiet gibt es. Aber die Lifte laufen dort nur, wenn es genügend Schnee gibt. Der sanfte Skitourismus ist in Ramsau zu vernünftigen Preisen möglich: Ein Bett am Bauernhof gibt es bereits ab 26 Euro.

Balderschwang im Allgäu: Bayerns Schneeloch

Der Spitzname Bayerisch-Sibirien kommt nicht von ungefähr: Balderschwang ist Bayerns höchstgelegene Gemeinde, das Dorf versteckt sich im Oberallgäu an der Grenze zu Österreich. Erst seit den Sechzigerjahren gibt es die Straße nach Deutschland, oft ist der Ort nur mit Schneeketten zu erreichen. Das Pistenangebot umfasst lediglich 36 Kilometer, ein paar Kilometer länger ist das Loipennetz. Abwechslung bieten Hotelhallenbäder und Rodelbahn.

Abends hocken Einheimische und Gäste im Wirtshaus beisammen, während die Jüngeren in der Schelpenalp tanzen. Stammgäste und junge Familien schätzen die günstigen Preise des schneesicheren Skidorfs, wo ein Zimmer auf dem Bauernhof ab 35 Euro pro Tag und Person kostet.

Sulden
Südtirol Marketing

Sulden

ITALIEN

Pflerschtal: Hinterm Brenner rechts ab

Am Brennerpass stauen sich die Lastwagen, nur wenige Kilometer weiter, im Pflerschtal, ist es still. Auf den weißen Hängen stehen nur ein paar Bauernhöfe, dazu kommen zwei, drei Hotels und das kleine Skigebiet Ladurns mit seinen gerade mal zwei Skiliften: Eine Vierersesselbahn fährt zur Mittelstation und von dort eine zweite zum Gipfel.

Nach Süden erheben sich die Zacken des Telfer Weißen, und im Norden liegt der Alpenhauptkamm mit dem mächtigen Felsstock des Tribulaun. Die Bergbahn setzt voll und ganz auf Familien, in der Talstation hat sie einen Skikindergarten eingerichtet, das "Fichti Kinderland Ladurns". Anderen Verlockungen hat sie bisher widerstanden: Seit 15 Jahren will die Gemeinde Sterzing draußen im geschäftigen Eisacktal ihr Skigebiet Rosskopf mit den Pisten von Ladurns verbinden. Es bräuchte nicht viel: zwei Lifte. Dann hätte man plötzlich dreimal so viele Pisten. Aber ob das wirklich ein Vorteil wäre?

Sulden am Ortler: Bergpanorama mit Yak-Herde

Über Sulden ragt der Ortler in den Südtiroler Himmel. Den Bergsteigerort in Südtirol hat Reinhold Messner auch in Deutschland bekannt gemacht: Der weltbekannte Kletterer lässt in Sulden wie in Tibet eine echte Yak-Herde weiden. Sonst hält es das gemütliche Bergdorf am Fuß des Ortlers eher mit der Tradition. Abseits von jedem Tagesausflugstourismus gelegen, muss man an den Liften kaum warten. Besonders Tiefschneefahrer sind hier richtig: Bis weit ins Frühjahr können sie in Pulverschnee schwelgen. Das Pistenangebot umfasst 40 Kilometer. Wer danach noch fit ist, der tanzt in der Skialm oder im Café Ilse oder wagt sich in Toni Pichlers Bärenhöhle.

Vent
Anton Brey/ TVB Vent Brey

Vent

ÖSTERREICH

Filzmoos: Unter der Bischofsmütze

Der gewaltige Pistengroßraum Ski Amadé im Salzburger Land besteht vorwiegend aus modernen Liftdrehkreuzen wie Wagrain, Flachau und Zauchensee. Leicht zu übersehen ist dabei das ruhige Filzmoos mit seinen 13 Pistenkilometern, das sich wenige Kilometer entfernt in einem ruhigen Seitental des Dachsteins duckt.

16 Bauernhöfe bieten am Fuß der Bischofsmütze Zimmer für Gäste, denen Hütten und Bergpanorama wichtiger sind als eine riesige Liftauswahl. Skifahrer beweisen ihr Standvermögen auf der Michaela-Kirchgasser-Rennstrecke; Langläufer schätzen die Höhenloipe Rossbrand auf 1600 Meter und Familien das Skikinderland. Nicht-Skifahrer lassen sich von Pferdeschlitten zu Hofalmen kutschieren. Und Feinschmecker kehren bei Österreichs berühmtester Haubenköchin Johanna Maier ein, die mitten im Dorf das Restaurant Hubertus betreibt.

Alpbach in Tirol: Tirols schönstes Dorf

Drei Dutzend dunkelbraune Häuschen liegen an einen weiten Sonnenhang um das barocke Kirchlein von Alpbach - zweimal schon war der Ort "schönstes Dorf Tirols". Seine Ursprünglichkeit hat er bewahrt, obwohl das Tal vor einigen Wintern durch die Skischaukel mit der - ebenfalls sehr dörflichen - Wildschönau skifahrerisch zu den Top Ten Tirols aufgeschlossen hat. Auf 93 Kilometer Pisten kommen die Orte nun. Die Krönung aber bleiben doch ein Winterspaziergang oder die Pferdeschlittenfahrt zum 800 Jahre alten Gasthaus Rossmoos.

Vent im Ötztal: Unter der Wildspitze

In dem Bergsteigerdorf zu Füßen der Tiroler Wildspitze wurde der alpine Skitourismus vor mehr als 150 Jahren erfunden: vom Pfarrer und Alpenvereinsgründer Franz Senn. Doch bereits in den Achtzigerjahren haben die Venter beschlossen, beim Wettstreit um die größte Skiarena auszusteigen. Und so sind heute die 15 Kilometer leichter bis mittelschwerer Pisten eher Nebensache.

In Vent geht es wie einst um das Skifahren ohne Aufstiegshilfen - sprich: Lifte. Die Gäste erkunden samt Führer Tirols höchsten Berg, sie steigen auf zum Ramoljoch und zur Fundstelle der Gletschermumie Ötzi. Die 900 Fremdenbetten des Dorfes verteilen sich auf wenige Hotels, Gasthöfe und Pensionen, die Zimmerpreise sind bodenständig geblieben.

St. Jakob im Defereggental
picture alliance/ KUNZ/ Augenklick

St. Jakob im Defereggental

St. Jakob in Osttirol: Pistenzauber ohne Rummel

Bereits auf der Südseite des Alpenhauptkamms liegt der Ort mit der Wallfahrtskirche St. Leonhard im Defereggental. Rundherum breitet sich der Nationalpark Hohe Tauern aus. Sprossenfenster und verwittertes Holz sind in diesem Tal, das als eines der unberührtesten Hochgebirgstälern der Alpen gilt, noch echt. Durchgangsverkehr gibt es im Winter keinen, deshalb fühlen sich Familien mit Kindern besonders wohl.

Frühstückspensionen gibt es in St. Jakob schon für 44 Euro pro Nacht. Ausgeglichen ist das Angebot für Skifahrer und Langläufer: 25 Kilometer Pisten stehen 70 Kilometer Loipen gegenüber. Zwei Natureislaufplätze und die zwei Kilometer lange Rodelbahn von der Alpe Stalle können genutzt werden, wenn das Skifahren mal langweilig wird.

Rußbach im Tennengau: Spatzennest und Jodlerhütte

Rußbach, zwischen Dachsteinmassiv und Wolfgangsee gelegen, bildet zusammen mit Gosau in Oberösterreich das Skigebiet Dachstein-West. Der Ort zu Füßen des gezackten Gosaukammes hat immerhin 51 Kilometer Pisten, und auch Langläufer finden ihre Loipe. Eher rustikal-gemütlich ist das Après-Angebot: Die meisten Skifahrer bleiben gleich in den Hütten, später geht es auf ein Bier zum Waldwirt oder in den Kirchenwirt. Das sonnige Schneeloch hat sich auf Familien spezialisiert: Im Kinderclub Spatzennest werden die Kleinen bereits ab einem Jahr betreut - und das mit Gästekarte sogar kostenlos.

Warth am Arlberg: Schneereich mit Anschluss

Das Walserdorf am Hochtannbergpass behauptet von sich, der schneereichste Skiort der Alpen zu sein. Elf Meter Schneehöhe werden dort jeden Winter gemessen. Vor knapp 60 Jahren surrte dort der erste Lift, seit fünf Jahren ist das Skirevier mit dem mondänen Lech verbunden. Das schadet der dörflichen Struktur Warths aber bisher nicht. Zu den rund 60 Kilometer eigener familiärer Pisten sind eben jenseits des Auenfelds weitere 240 gekommen. Familien fühlen sich schnell wohl in dem überschaubaren Ort, der auch eine Kinderskischule und einen Skikindergarten besitzt.

Hans-Werner Rodrian, srt

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hman2 02.01.2019
1. "Beim Wettstreit um die größte Skiarena machen sie nicht mit"
Gewagte These, wenn man sich ansieht, dass - um nur ein Beispiel zu nennen- das erwähnte Warth Teil der Skiarena Arlberg wurde, also eben diese Arena VERGRÖSSERT hat. Eigenwerbung: "Größtes zusammenhängedes Skigebiet Österreichs, 88 Lifte und Bahnen, 305 Skiabfahrtskilometer, 200 Tiefschneekilometer".
olli0816 02.01.2019
2. Das ist auch nur Marketing
Der Großteil der Alpen wird radikal vermarktet, machen wir uns nichts vor. Die Ortschaften leben vom Tourismus, auch die in dem Artikel genannten. Sie werben nur für eine andere Zielgruppe als die lauten Orte. Im Grunde ist es begreiflich. Es gibt ansonsten keine qualifizierten Arbeitsplätze mangels Industrie in den Gebieten. Da bleibt eben nur dieses Geschäft. Aber ganz real hat das nichts mit Naturschutz zu tun. Wir leben halt in keiner idealen Welt. Die Alpen sind behangen mit viel zu viel Bergbahnen, Gondeln und wenn man im Sommer wandert, dann sieht man an jeder Ecke die kreisrunden kleinen Seen für die Schneekanonen. Wir sind einfach zu viele Menschen. Von daher wäre die Überschrift des Artikel besser: Hier haben Sie noch die Illusion intakter Natur und mit ein bisschen Glück begegnen Sie nicht den Massen wie z.B. auf der Zugspitze.
Darwins Nightmare 02.01.2019
3. Und übrigens
gibt ea auch solche Skigebiete in der Schweiz. Scheint man beim Spiegel nicht zu kennen.
kamber 02.01.2019
4. Wie zauberhaft!
Vals, Tenna, Chur-Brambüesch, Bosco Gurin, Mythenregion, Maloja, Gemsstock, Bellwald, Grächen, Braunwald. Wer die kleinen Perlen in den Alpen sucht und weiter als 10 zählen kann, erschliesst sich so eine beachtlich grosse Liste von Ortsnamen. Das hier sind bloss ein paar randomisiert herausgefischte Nennungen die sich beliebig fortschreiben liessen. Kleine Perlen zu finden ist nun mal etwas für erfahrene Perlentaucher die wirklich in die Tiefe eintauchen können und die hintersten Winkel dieser zerklüfteten Topographie beherrschen.
StefanBassing 02.01.2019
5. Bayerisch Siberien
ist Hof/Saale. Und das auch zurecht, sowohl klimatisch als auch als Straflager...
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