Probleme im Flugverkehr Scheuer verspricht Maßnahmen gegen Flugchaos

Stornierungen, Verspätungen und ewige Wartezeiten: Fliegen hat schon mal mehr Spaß gemacht als in diesem Sommer. Das Chaos am europäischen Himmel hat nun Verkehrsminister Scheuer veranlasst, konkrete Maßnahmen anzukündigen.

Andreas Scheuer
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Andreas Scheuer


Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hat sich für Verbesserungsmaßnahmen im Flugverkehr ausgesprochen. "Ich kann nicht akzeptieren, dass es so viele technische Probleme, Verspätungen und auch Abfertigungsprobleme gibt", sagte er der "Passauer Neuen Presse". Es brauche klare Botschaften für die Flughäfen und die Fluggesellschaften. "Es hakt etwas an diversen Schnittstellen."

Reisende erleben in diesem Jahr an deutschen Flughäfen mehr Ärgernisse als sonst. Annullierungen und Verspätungen häufen sich, hinzu kommt der aktuelle Streik bei Ryanair, bei dem in dieser Woche Hunderte Flüge in Europa gestrichen wurden.

Der Verbraucherzentrale Bundesverband begrüßte "nach zwei verheerenden Sommern" den Vorstoß. "Reisende erwarten zu Recht schnellere Sicherheitskontrollen und verlässliche Flugpläne", sagte die Leiterin des Mobilitätsteams, Marion Jungbluth. "Falls der Flug nicht reibungslos läuft, muss die Abwicklung von Entschädigungsansprüchen durch die Fluggesellschaften verbraucherfreundlicher werden. Zum Beispiel durch eine automatisierte Online-Beschwerdemöglichkeit."

Konkrete Maßnahmen für Verbesserungen

Der Flughafenverband ADV wie auch der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) sicherten Scheuer ihre Mitarbeit zu. Sie hatten bereits an dem Luftverkehrskonzept mitgewirkt, dessen Umsetzung die FDP-Fraktion anmahnte.

ADV-Geschäftsführer Ralph Beisel erneuerte die Forderung, die Sicherheitskontrollen der Passagiere künftig von den Flughäfen und nicht mehr von der Bundespolizei organisieren zu lassen. Modellversuche und Erfahrungen im europäischen Ausland hätten gezeigt, dass bei gleichem Personaleinsatz doppelt so viele Passagiere kontrolliert werden könnten als derzeit.

Die Kapazität des Luftraums müsse zudem erhöht und die Infrastruktur der Flughäfen ausgebaut werden, erklärte der BDL-Präsident und Chef der Deutschen Flugsicherung, Klaus-Dieter Scheurle. Er wies auf aktuelle Anstrengungen hin, um den Flugbetrieb zu stabilisieren.

Einer Eurocontrol-Studie zufolge wird sich die Zahl der um bis zu zwei Stunden verspäteten Flüge in Europa bis zum Jahr 2040 versiebenfachen. Die meisten Probleme sind allerdings nicht allein auf nationaler Ebene zu lösen.

Die Hauptprobleme im europäischen Flugverkehr:

  • Die Flugsicherung in Europa ist nach wie vor zerklüftet, das Projekt eines einheitlichen Luftraums (Single European Sky) gescheitert. 28 nationale Flugsicherungen nutzen mögliche Synergien und neue Technologien zu wenig und sind zudem streikanfällig. Allein die französischen Lotsen legen regelmäßig einen Großteil des Urlauberverkehrs nach Westeuropa lahm. Mehrere Fluggesellschaften haben bei der EU-Kommission dagegen Klage eingelegt. Zudem ist Personal unter anderem auch in Deutschland extrem knapp, da der aktuelle Boom von niemandem vorhergesagt worden war. Da es vor einigen Jahren noch zu viele Lotsen gab, sind nun nach EU-Vorgaben weniger ausgebildet worden.
  • Die Sicherheitskontrollen an den deutschen Flughäfen sind deutlich ineffizienter als beispielsweise in den Niederlanden oder in der Schweiz. Es zeichnet sich in Berlin ein Konsens ab, dass die Bundespolizei die von privaten Dienstleistern durchgeführten Kontrollen nicht mehr selbst organisiert. Die Flughäfen wollen auch die technischen Hilfsmittel in eigener Regie anschaffen. Unklar bleibt, ob die Sicherheitskosten weiterhin komplett auf die Airlines und damit auf die Passagiere abgewälzt werden oder ein Teil vom Staat übernommen wird.
  • Die Infrastruktur für den Luftverkehr in Deutschland wächst nur langsam. Der Hauptstadt-Flughafen BER wird nicht fertig, in Frankfurt und Düsseldorf sind die Terminals an ihren Kapazitätsgrenzen. Am zweitgrößten deutschen Flughafen in München gibt es zwar ein neues Terminal, dafür kommt aber die von der Industrie dringend geforderte dritte Landebahn nicht voran.
  • Die Air-Berlin-Pleite hat den deutschen Luftverkehrsmarkt durcheinandergewirbelt. Flugzeuge und Verkehrsrechte gingen an die Lufthansa-Tochter Eurowings, den britischen Billigflieger Easyjet, Condor und an die Ryanair-Beteiligung Laudamotion. Die Vielzahl der rund 140 Flugzeuge konnte wegen begrenzter Kapazitäten im Luftfahrtbundesamt nicht so schnell übertragen werden wie eigentlich nötig.
  • Die Airlines haben ihre Flugpläne darauf ausgerichtet, die Verkehrsrechte der Air Berlin zu wahren und andererseits das Angebot zu erhöhen, um sich zusätzliche Marktanteile zu sichern. Reservemaschinen werden kaum noch vorgehalten und Mietjets sind ebenfalls äußerst knapp, sodass die auf Kante genähten Pläne nicht komplett abgeflogen werden können. Insider erwarten hier erst im kommenden Sommer Verbesserungen.
  • Die Arbeitsbedingungen des fliegenden Personals sind beim größten europäischen Billigflieger Ryanair immer wieder Anlass zu Streiks. Auf den leer gefegten Arbeitsmärkten der Ballungsräume tun sich zudem die deutschen Flughäfen und Dienstleister schwer, geeignetes Personal zu den angebotenen Konditionen zu finden.

kry/dpa

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Sportzigarette 27.07.2018
1. Fliegen muß teurer werden!
Fliegen hat schon mal mehr Spass gemacht? War aber auch schon mal erheblich teurer. Aber die selben Leute, die auf die Autofahrer einprügeln, haben nichts dagegen, dass Flugbenzin immer noch subventioniert wird, egal was das für die Umwelt bedeutet. Hauptsache wir fliegen preiswert mal zum shoppen nach London und zum Party machen nach Malle. Und am WE nochmal rasch innerdeutsch nach Köln oder München, kostet ja nicht viel. Und dann wundern, wenn diese ganzen Drecksbilligflieger ihren Leute miese Löhne zahlen und nichtmal ne Entschädigung zahlen, wenn die Mitarbeiter streiken! Wir brauchen höhere Preise, dann regelt sich das auch wieder....
view3000 27.07.2018
2.
Die meisten Menschen sind leider ignorant. Sie wollen oft und billig fliegen, es ist ihnen egal, dass viele Mitarbeiter, die ihnen den Flug erst ermöglichen, unter dem Modell "Billigflug" zu leiden haben. Die betroffenen Mitarbeiter streiken ja nicht aus Spaß, sondern weil sie auf einem anderen Weg ihre Rechte nicht mehr durchsetzen können. Darüber hinaus ist die ganze Billigfliegerei im Zeitalter der Klimaveränderung eigentlich nicht mehr akzeptabel. Jeder Billigflug bzw. jeder Flug sollte mit einer hohen Umweltabgabe belegt werden. Dieses Geld sollte dann zweckgebunden wieder in Umweltschutzmaßnahmen investiert werden. Denn jeder sollte für seinen ökologischen Fußabdruck selbst bezahlen. Wehr viel fliegt, zahlt dann auch viel. Dadurch könnte man die Massenfliegerei etwas einschränken und das organisatorische Chaos wieder in den Griff bekommen. Nicht mehr organisierter Flugverkehr ist die Lösung, sondern weniger.
caipi83 27.07.2018
3. Wir ernten was wir sähen
Wenn man möchte dass Airlines wieder Ersatzmaschinen rumstehen haben und Fliegen wieder zuverlässiger und angenehmer wird, dann muss man dafür auch zahlen. Will aber Niemand. Fliegen ist so billig wie noch nie und das Ergebnis sind nun extrem eng gestrickte Flugpläne die absolut keinen Raum für Verspätungen oder kleinere Reparaturen lassen, es ist teilweise wirklich ein Wunder dass die Passagiere ihr Ziel überhaupt noch mehr oder weniger pünktlich erreichen. Das ständige Gestreike der französischen Flugsicherung zerstört jeden penibel erstellen Flottenflugplan. Die europäischen Airlines leben bereits seit vielen Jahren von der Substanz, es wurde an allen Ecken bis zur absoluten Schmerzgrenze und manchmal darüber hinaus gespart und Personal abgebaut um überhaupt noch irgendwie mit den Billig Irern mithalten zu können. Wenn Menschen meinen, dass sie für einen zweistelligen Betrag kostendeckend durch Europa jetten können, dann müssen sie auch in Kauf nehmen können dass das nur mit Kompromissen funktioniert. Und das sag ich als einer dieser "Insider" der tagtäglich das Drama mitausbaden muss.
Stäffelesrutscher 27.07.2018
4.
»Die Kapazität des Luftraums müsse zudem erhöht und die Infrastruktur der Flughäfen ausgebaut werden, erklärte der BDL-Präsident und Chef der Deutschen Flugsicherung, Klaus-Dieter Scheurle. Er wies auf aktuelle Anstrengungen hin, um den Flugbetrieb zu stabilisieren.« Genau das führt weiter in die Irre und in die Klimakatastrophe. Die Zahl der Flüge muss verringert werden. Das geht ganz einfach: keine Subventionen für die Fliegerei mehr. Sondern Kerosinsteuer, Energiesteuer, Umsatzsteuer, eigenwirtschaftliche Flughäfen ... all das, was von der Bahn verlangt wird, worauf aber bisher bei der Fliegerei verzichtet wird.
skygirl 27.07.2018
5. naja...
...ob einer unserer Schmalspurminister da was machen kann? Bei den Airlines wird er ja kaum offene Türen einrennen, die LH hat ein Klarstandsproblem und es fehlt an Ersatzteilen, bei vielen ex-AB Fliegern stimmt die technische Dokumentation nicht, EW, Ryanair und andere Billigairlines haben ein Personalproblem (muss man sich mal vorstellen, die zweitgrößte deutsche Airline macht zu, aber die LH und andere schaffen es nicht, Piloten für ihre Lowcost Ableger zu rekrutieren, weil man einfach zu geizig ist bzw. das Porzellan zerschlagen hat. So gehen exAB'ler lieber zu WOW, oder nach China... Was die Politik machen könnte, wäre das seit jeher unterbesetzte LBA personell aufzustocken. Dazu kommt die übliche europäische Kleinstaaterei wenn es um die nationalen Lufträume geht - vom single european sky sind wir noch immer ein ganzes Stück entfernt. Ach ja, und wenn der Brexit irgendwann kommt, könnten über Nacht sämtliche in GB ausgestellten Pilotenlizenzen ihre Anerkennung in der EU verlieren - das wäre ein Spaß bei easyJet...
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