Anschläge in Indonesien: Angriff auf die Symbole der Dekadenz

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Indonesien steht nach den Anschlägen von Jakarta unter Schock. Dass zwei Luxushotels zum Ziel der Attacken wurden, ist kein Zufall. Die Edelherbergen sind leichte Ziele für Terroristen - und ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.

48 Stockwerke, 35 Suiten, zwei Villenanlagen, Designer-Bäder, ein Spa-Bereich mit 19 Behandlungsräumen und modernsten Fitnessstudios: Das Hotel Ritz-Carlton mit seinen insgesamt 333 Zimmern ist in der Zehn-Millionen-Metropole Jakarta eine Parallelwelt der Wohlhabenden, der Geschäftsreisenden und der Ausländer. Das 212 Meter hohe Fünf-Sterne-Haus wirbt damit, die größten Zimmer der Stadt anzubieten, ein 1600 Quadratmeter großer Ballsaal steht für rauschende Feste zur Verfügung.

Das Airlangga-Restaurant mit seinen kegelförmigen Designerleuchten und holzvertäfelten Wänden im zweiten Stockwerk war den ganzen Tag lang Treffpunkt der Gäste, vom Frühstücksbuffet ab 6 Uhr morgens bis zum Meeresfrüchte-Dinner am Abend. Jetzt ist der Raum eine Schuttruine, die Scheiben sind zersplittert - am Freitagmorgen explodierte im Restaurant eine Bombe, fast zeitgleich gab es eine Detonation im nahegelegenen Marriott-Hotel. Neun Menschen kamen ums Leben, mehr als 50 wurden verletzt.

Die Anschläge auf die beiden Luxushäuser sind ein herber Rückschlag für die Sicherheitspolitik eines Landes, das fast vier Jahre lang frei von Terroranschlägen auf Touristen war. Nachdem es in Jakarta und auf Bali zwischen 2000 und 2005 mehrfach zu islamistischen Attacken gekommen war, schienen die verschärften Sicherheitsmaßnahmen endlich den gewünschten Erfolg zu bringen, die Stabilität des Landes schien weitgehend wiederhergestellt.

Metalldetektoren am Hoteleingang

Die USA und Australien halfen im Anti-Terror-Kampf mit Know-how und Training. Hunderte militante Islamisten wurden in den vergangenen Jahren verhaftet, noch vor wenigen Wochen vermeldeten die Behörden Erfolge bei Razzien. In den Luxushotels wurden Sicherheitsschleusen mit Metalldetektoren für die Gäste eingeführt, bei der Einfahrt ins Parkhaus wurden die Kofferräume der Autos durchsucht und sogar die Fahrzeugböden mit Spiegeln geprüft.

Doch Luxushotels stehen im Gegensatz etwa zu Flughäfen immer vor dem Dilemma, dass sie den Gästen einen möglichst unbeschwerten Aufenthalt ermöglichen wollen. Dazu gehört auch ein einfacher Zugang zum Zimmer und ein eher diskretes Auftreten der Wachleute. Wer 400 Dollar für eine Übernachtung zahlt, will nicht schon in der Lobby durch Sicherheitskräfte in Kampfmontur daran erinnert werden, dass er ein Gebäude betritt, das als Ziel für terroristische Angriffe taugt.

Denn für islamistische Extremisten sind Fünf-Sterne-Hotels aus Stahlbeton und Glas errichtete Symbole der westlichen Dekadenz. Dort sind viele Ausländer versammelt, dort können sie mit einem Anschlag die Angst schüren und die Tourismusindustrie des Landes für Wochen und Monate massiv schädigen.

Kampagne für den Tourismus

Der Anschlag trifft das Land auch in wirtschaftlicher Hinsicht hart. Trotz Globalrezession vermeldete Indonesien im ersten Quartal 2009 noch einen Anstieg der Touristenzahl um 1,53 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Seit 2000 kamen jährlich im Schnitt etwa fünf Millionen Besucher in den Staat, der aus etwa 17.000 Inseln besteht. Die im Jahr 2007 gestartete Kampagne "Visit Indonesia" sollte die Zahl langfristig auf sieben Millionen erhöhen. Indonesien bietet für Besucher ein ganzjährig tropisches Klima, spektakuläre Tempelanlagen und schöne Strände. Aktivurlauber schätzen die riesigen die Nationalparks und die Tauchreviere.

Doch viele Touristen könnten nun ihre Reisepläne ändern. Nach dem Anschlag von Freitag reagierte Australien als erstes Land mit Konsequenzen. Das Außenministerium verschärfte nur wenige Stunden nach den Explosionen seinen Sicherheitshinweis. Von Reisen in die betroffenen Regionen der Stadt wird abgeraten. "Wir empfehlen, Reisepläne nach Indonesien inklusive Bali noch einmal zu überdenken, weil die Bedrohung durch einen Terroranschlag sehr hoch ist", heißt es in einer Mitteilung des Außenministeriums. Es gebe Hinweise, dass Terroristen weitere Anschläge in dem Land planen könnten.

"Dieser Anschlag hat starke Auswirkungen auf unsere Wirtschaft, das Interesse von Investoren, die Tourismusindustrie und unser weltweites Image", sagte der indonesische Präsident Susilo Bambang Yudhoyono. Der Kampf gegen den Terror war in den vergangenen Jahren zentraler Bestandteil seiner Politik gewesen, erst vor zehn Tagen war er wiedergewählt worden.

Auch nach diesem Freitag dürfte sich also das wiederholen, was etwa die Anschläge auf das Taj Mahal Palace und das Oberoi im indischen Mumbai und die Bomben im Radisson und Grand Hyatt im jordanischen Amman bewirkten: dass deutlich weniger Touristen ins Land kommen.

Vielleicht werden auch die ausländischen Besucher und Geschäftsreisenden irgendwann den Glauben an die Sicherheit von Fünf-Sterne-Hotels verlieren, zumindest in einigen Städten und Regionen der Welt. Der geschäftliche Super-GAU für die sowieso schon von der Wirtschaftskrise gebeutelten Edelhotels wäre es, wenn die Kunden schließlich lieber Drei- oder Vier-Sterne-Häuser buchen, um sich sicherer zu fühlen. Denn dort sind gewöhnlich weniger Betten, die Gebäude sind weniger spektakulär und haben keinen Symbolcharakter für die Skyline der Stadt - all das macht sie für Terroristen weniger interessant.

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