Anti-Terror-Maßnahme USA geben Flugpassagieren heimlich Risikonoten

Wer eine schlechte Note erhält, wird bei der Einreise gezielt überprüft: Die USA errechnen aus der Flut an angeforderten Daten das individuelle Sicherheitsrisiko von Flugpassagieren. Bisher ohne das Wissen der Reisenden und ohne die Möglichkeit der Betroffenen, sie einzusehen oder anzufechten.


Flughafen Los Angeles: Einreisende in die USA erhalten Risikonoten
DPA

Flughafen Los Angeles: Einreisende in die USA erhalten Risikonoten

Washington - Bisher haben die US-Behörden Millionen von Flugpassagieren aus dem Ausland benotet. Dies ergaben Recherchen der Nachrichtenagentur AP zu dem System, das als "Automated Targeting System" (ATS) bezeichnet wird. Die Noten beruhen auf einer Vielzahl von gesammelten Daten wie Herkunftsort, frühere Reisen oder die Art der Ticketbezahlung. Ein Computerprogramm berechnet aus der gigantischen Flut an Informationen eine Note, die das Risiko eines terroristischen oder kriminellen Hintergrunds bewertet.

Die Daten werden anhand der Passagierlisten vor der Landung in den USA erhoben und geprüft. Airlines, die die USA anfliegen, müssen 34 Daten über ihre Fluggäste den dortigen Behörden übermitteln.Nach Angaben des Ministeriums für Heimatschutz (Homeland Security) treffen jährlich 87 Millionen Menschen auf dem Luftweg in den USA ein. Ihre Daten gehen in die ATS-Analyse ein, wie Jayson Ahern von der Zoll- und Grenzschutzbehörde des Heimatschutzministeriums bestätigte. Die Reisenden dürfen diese Noten weder einsehen noch anfechten, und die Daten sollen 40 Jahre lang aufbewahrt werden.

Das ATS-System erlaube es den Grenzbeamten, gezielt auf Reisende zu achten, die zuvor noch nicht als potentielle Terroristen oder Kriminelle aufgefallen seien, sagte Ahern gestern der Nachrichtenagentur AP in Washington. Diese könnten dann gezielt durchsucht und befragt werden. Das ATS-System ersetze nicht das Urteil der Beamten.

Die Existenz des vor vier Jahren eingeführten Programms war bisher öffentlich nicht bekannt. Einen ersten Hinweis gab es Anfang November im "Federal Register", einer Sammlung von Verordnungen und Bestimmungen des Bundes. Juristen, Kongressmitarbeiter und selbst Beamte der Exekutive gaben an, sie seien zunächst der Auffassung gewesen, dass es sich bei ATS nur um ein Kontrollsystem für das Frachtwesen handle.

Betroffene dürfen das Register nicht einsehen

Nachdem er über die tatsächliche Reichweite des Programms unterrichtet wurde, sagte der Anwalt der Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation (EFF), David Sobel: "Das ist gemessen an der Zahl der betroffenen Personen wahrscheinlich das am meisten in die Privatsphäre eingreifende System, das die Regierung eingerichtet hat." Bill Anthony von der Zoll- und Grenzschutzbehörde gab an, dass täglich etwa 45 kriminellen Ausländern die Einreise verweigert werde. In welchem Umfang Erkenntnisse aus dem ATS-System dazu beitragen, konnte er nicht sagen.

Nach der Erklärung der Regierung zu ATS im "Federal Register" können die Daten an einzelne US-Staaten, an Gemeindeverwaltungen und auch an ausländische Stellen weitergegeben werden. "Alle können es einsehen, nur die Betroffenen nicht", sagte der auf Einwanderungsrecht spezialisierte Dozent an der Cornell Law School, Stephen Yale-Loehr.

Von Michael Sniffen, AP



Forum - Passagier-Benotung – ein Weg zu mehr Sicherheit?
insgesamt 89 Beiträge
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Seite 1
Umberto, 01.12.2006
1.
---Zitat von sysop--- Aus der Flut der angeforderten Daten errechnen die USA Risikonoten für Flugpassagiere. Eine notwendige und effektive Sicherheitsmaßnahme oder ein zu weit reichender Eingriff in die Privatsphäre? ---Zitatende--- Das ist sicher ein weitreichender Eingriff in die Privatsphäre, aber m.E. nicht zu weitreichend. Ich lasse schließlich auch nicht jeden in mein Haus.
nas, 01.12.2006
2.
Nur ein weiteres Puzzle auf dem vorgezeichneten Weg zum "Unrechtsstaat Nr. 1" - denn bei kaum einem anderen Land der Erde differieren Schein und Sein stärker als bei den USA.
Rage, 01.12.2006
3.
Find ich ist ein logischer Schritt. Die ganzen Daten werden ja jetzt eh gespeichert und irgendwie müssen sie ja auch ausgewertet werden. Und ich seh das so: Bin ich nicht "Terror-Verdächtig", dann kann es mir egal sein, bin ich es, so wird eben mein Gepäck durchsucht und gut ist. Gepäck wurde schon öfters durchsucht, auch früher schon. Wegen dem Einsehen der Daten: Ist doch logisch, sonst könnten Terroristen gezielt die angegebenen Daten so fälschen, dass sie eben eine niedrige Note bekommen.
wimajoe, 01.12.2006
4. george orwell
und wieder ein kleiner schritt in richtung 1984. es gibt viele solcher kleinen schritte: automatisierte datenabgleiche, antiterrordatei, fall des bankgeheimnisses, überwachung des Handys (sehr einfach, sehr effektiv, selbst wenn das Handy aus ist, kann man geortet werden -außer man nimmt die batterie raus), speicherung aller telefondaten/nummern euweit, jetzt flugdatensammlung, biometrischer Pass und bald biometrischer ausweis, Krankenkarte, auf der alle krankheiten usw. gespeichert sind, schufa...... Leute, seht ihr das nicht: die summe ist größer als die summe der einzelteile, verfallsprozesse verlaufen auch nicht von heute auf morgen, sondern über Jahr(zehnt)e. Klar braucht man auch überwachung, und nichts gegen den Fortschritt. Aber für mich gibt es folgendes Problem: sollte es eine clique geben, die sich diese überwachungsinstrumente aneignet, zentralisiert und für ihre Zwecke missbraucht, dann war die ddr nur ein schwacher vorgeschmack auf das was man dann alles so machen kann. Wir werden uns noch wundern....
zurück auf den Teppich, 01.12.2006
5.
Habe ich gar kein Problem mit. Die potentiellen Gefährder sind das Problem, und die haben bisher noch nichts ausgelassen, was zivilisierten Menschen respektieren: Olympische Spiele, Botschaften, Weihnachtsmarkt (wenigstens versuchsweise: Strasbourg), Züge, Flugzeuge, Kirchen, Tempel und, und, und. Wieso sollte ich mich da aufregen, wenn um meiner Sicherheit willen solche Daten angefordert werden? Um ehrlich zu sein, ich hätte gedacht, dass das schon längst der Fall sei. Und dabei bestens geschlafen.
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