Brüssel - Die Aschewolke eines isländischen Vulkans bringt die Reisepläne von Hunderttausenden Passagieren durcheinander. Nach Angaben der europäischen Flugsicherheitsbehörde Eurocontrol werden am Freitag 60 Prozent aller Flüge in Europa ausfallen. Auch werde die Wolke mindestens noch für die nächsten 24 Stunden den Flugverkehr lähmen, teilte die Behörde in Brüssel mit. Zwölf Länder in Europa haben ihren Luftraum ganz oder teilweise gesperrt, darunter Großbritannien, Frankreich und Deutschland.
Während skandinavische Länder wie Schweden die Sperrung ihres Luftraums nach und nach wieder aufheben, beeinträchtigt die Aschewolke nun den Flugverkehr in den südlicheren Regionen. In Deutschland sind inzwischen das Drehkreuz Frankfurt und 13 weitere Flughäfen geschlossen - von den großen Flughäfen ist nur noch München geöffnet. Österreich sieht einer Sperrung des Luftraums am späten Nachmittag entgegen, und Polen hat bereits den Flugverkehr in weiten Teilen eingestellt.
Zunächst hieß es, dass wegen der massiven Luftverkehrsstörungen auch die Trauerfeier für den verunglückten polnischen Präsidenten Lech Kaczynski und seine Frau verschoben werden könnte. Eine Verschiebung sei eine "ernsthafte Option", teilte die polnische Präsidentschaft mit. Auf dem Krakauer Flughafen werden am Sonntagvormittag mehr als 80 ausländische Flugzeuge mit Spitzenpolitikern erwartet, darunter US-Präsident Barack Obama und Russlands Staatsoberhaupt Dmitrij Medwedew. Nur jeder zweite Transatlantikflug wird am Freitag nach Einschätzung der europäischen Flugsicherung stattfinden können.
Obamas Polen-Flug zum Wochenende gerät in Gefahr, Kanzlerin Angela Merkel bekam die Auswirkungen des Vulkanausbruchs schon auf einem Rückflug von ihrer viertägigen USA-Reise zu spüren. Ursprünglich war ihre Landung für 15.30 Uhr auf dem Flughafen Tegel geplant - der allerdings ist momentan wie alle Berliner Flughäfen gesperrt. "Wenn die Flugsicherung es für erforderlich hält, wird die Flugroute angepasst", sagte ein Regierungssprecher dazu.
Ebenfalls auf dem Rückweg nach einem Besuch in den USA ist Norwegens Ministerpräsident Jens Stoltenberg. Vor dem Start in New York sagte er im Fernsehen, dass es für ihn das Wichtigste sei, möglichst schnell wieder mit einem Flugzeug von Nordamerika nach Europa zu kommen. Hier könne er nach je nach Lage entweder mit der Bahn oder dem Auto die Heimreise nach Norwegen fortsetzen. Statt in Oslo jedoch musste er nun in Madrid landen. Die Entfernung zwischen den Hauptstädten Spaniens und Norwegens beträgt 3000 Kilometer.
Die Situation auf den europäischen Flughäfen reicht von gelassen bis chaotisch. Während in London-Heathrow schon seit Sperrungsbeginn am Donnerstagmittag nur noch wenige Menschen auf den Flughäfen eintreffen, sind am Flughafen Amsterdam Schiphol Tausende Passagiere gestrandet. In der Nacht seien 1500 Notbetten aufgestellt worden, teilte das niederländische Rote Kreuz mit. Verärgert zeigten sich viele Menschen über die Hoteliers der Umgebung: Die Preise selbst der billigsten Hotelzimmer seien sofort in die Höhe geschossen, berichtete der Nachrichtensender NOS. Eine Übernachtung habe teils statt 60 bis zu 200 Euro gekostet.
14 Flughäfen in Deutschland geschlossen
In Deutschland ist bisher unklar, wann die zwölf internationalen Flughäfen wieder in Betrieb gehen können: "Wann An- und Abflüge wieder möglich sind, können wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen", sagte eine Sprecherin der Deutschen Flugsicherung (DFS) am Freitagmorgen. Auch der Münchner Flughafen meldete, dass am Freitag 360 Starts und Landungen gestrichen werden müssen. Das sei ein Ausfall von mehr als 25 Prozent der geplanten 1200 Flüge. Passagiere wurden gebeten, sich im Internet zu informieren und bei ihren Fluggesellschaften nachzufragen.
Vulkanausbruch verliert an Wucht
Entstanden war die Aschewolke nach dem Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull. Experten zufolge kann die Vulkanasche, die sich in einer Höhe von sechs Kilometern befindet, die Triebwerke der Flugzeuge beschädigen und die Sicht der Piloten beeinträchtigen. Angesichts solcher Risiken müssen die Maschinen am Boden bleiben.
Am Donnerstag stößt der isländische Vulkan im Vergleich zum Vortag weniger gefährliche Stoffe in die Atmosphäre und hat an Kraft verloren. Das ergab ein nächtlicher Überwachungsflug der Küstenwacht mit Messungen über dem Vulkangebiet im südlichen Island.
abl/dpa/AP/AFP/Reuters
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Reise | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Aktuell | RSS |
| alles zum Thema Eyjafjallajökull | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH