Ruderrennen Atlantic Challenge 67 Tage, vier Frauen, ein Boot

Die Idee kam beim Glas Wein: Vier britische Mütter wollten den Atlantik bezwingen. Dafür suchten sie sich ausgerechnet das härteste Ruderrennen der Welt aus. Ihre Männer erklärten sie für verrückt.

Yorkshire Rows

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"Vor der Atlantic Challenge sahen wir so aus…." Helen Butters zeigt auf ein Foto, das vier Frauen Mitte vierzig zeigt, die rund und proper in die Kamera lachen. "Wir mussten vorher Gewicht zulegen." Sie deutet auf ein anderes Bild: "Und so sahen wir nach 67 Tagen auf dem Meer aus" - erleichtert, tränennah, deutlich schlanker - und immer noch lachend. "Unser oberstes Ziel war, als Freundinnen loszufahren und als Freundinnen anzukommen."

Janette Benaddi, Frances Davies, Helen Butters, Niki Doeg (v.l.n.r.) am Ziel in Antigua (Februar 2016)
Ben Duffy

Janette Benaddi, Frances Davies, Helen Butters, Niki Doeg (v.l.n.r.) am Ziel in Antigua (Februar 2016)

Das scheinen die Engländerinnen aus Yorkshire geschafft zu haben - und das, obwohl sie rund 5500 Kilometer nonstop auf einem winzigen, wackeligen, weißen Kunststoffboot über den rauen Atlantik gerudert sind, einen drei Tage dauernden Hurrikan und bis zu zwölf Meter hohe Wellen überstehen mussten. Der Toiletteneimer thronte auf dem Deck, gerudert wurde in Zwei-Stunden-Schichten - und Blasen, offene Wunden und technische Schwierigkeiten gab es zur Genüge.

Helen Butters, Frances Davies, Niki Doeg und Skipper Janette Benaddi sind das Team "Yorkshire Rows" und nahmen vor über einem Jahr an der Atlantic Challenge von der Kanareninsel Gomera bis Antigua in der Karibik teil. "Das härteste Ruderrennen der Welt" nennt es der Veranstalter. Rund 500 haben die Ozeanüberquerung bisher geschafft, davon waren etwa 100 Frauen.

Die vier Britinnen kamen nach über zwei Monaten ans Ziel und stellten einen Guinnessbuch-Rekord auf als "ältestes rein weibliches Team, das je über einen Ozean gerudert ist". Vor Kurzem haben sie - jede berufstätig und Mutter von zwei Kindern - einen Film und ein Buch über ihre Abenteuer veröffentlich: "Four Mums in a Boat" ist jeweils der Titel.

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Janette Benaddi, Helen Butters, Niki Doeg, Frances Davies:
Four Mums in a Boat

Harlequin (UK), 384 Seiten; Gebundene Ausgabe ab 18,18 Euro. (Eine deutsche Übersetzung erscheint im Frühjahr 2018 im Malik Verlag.)

SPIEGEL ONLINE: Helen Butters, 67 Tage zu viert auf engstem Raum überstehen und hinterher weiter befreundet sein. Wie haben Sie das geschafft?

Butters: Wir haben vorher viel Zeit in mentales Training investiert, haben Persönlichkeitsprofile von uns erstellt und analysiert, wie wir in Stresssituationen reagieren. Und dann sind wir mit einen Vorsatz gestartet: Jede gibt auf die anderen drei acht, statt nur für sich selbst zu sorgen. So wusste jede von uns, dass es drei Menschen gibt, die auf einen aufpassen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind das älteste Frauenteam, das die Challenge je geschafft hat. Hilft oder hindert ein höheres Lebensalter, bei Schwierigkeiten durchzuhalten?

Butters: Das ist keine Frage des Alters, eher der Erfahrung. Teilnehmer, die schon mal dabei waren, hielten besser durch und waren schneller - wie etwa das jüngste Frauenteam, die insgesamt die zweitschnellsten waren. Und es ist eine Frage der Fokussierung: Viele Männer haben vor allem körperlich trainiert, dabei sind es zu 80 Prozent mentale Fähigkeiten, die wichtig sind. Wir haben sehr viel geredet, auch wenn jemand Angst hatte. Das hat uns geholfen, vielleicht ist das eine Frauensache. Manche Männer haben unterwegs viel geweint, sahen im Ziel fürchterlich aus. Wir nicht.

Fotostrecke

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Ruderrennen Atlantic Challenge: "Singend durch den Sturm"

Der Auftakt

Die vier Frauen aus Yorkshire kannten sich über die Schule ihrer Kinder. Samstagmorgens trafen sie sich im Guy Fawkes Boat Club in York beim Rudern. 2012 brachte Frances Davies, zu der Zeit unzufrieden mit ihrem Job als Anwältin, die Idee ins Rollen. "Ich weiß, es klingt töricht, aber ich denke wirklich, dass wir dieses Rennen machen können", schrieb sie in einer Mail an ihre Freundinnen, die zuvor bei einem Glas Wein darüber rumgesponnen hatten. "Es wird fantastisch und lebensverändernd sein." Und: "Mein Mann denkt, ich bin verrückt. Natürlich."

Training in England
Yorkshire Rows

Training in England

SPIEGEL ONLINE: Sie ließen sich von Frances Davies mitreißen, Frau Butters. Hatten Sie eine Midlife-Krise?

Butters: Naja, ich war ja erst 40, als wir die Idee hatten. Aber ich hatte damals das britische Dschungelcamp gesehen - und gedacht: Auf eine Herausforderung hätte ich auch Lust. Janette ging es ähnlich, sie dachte damals über den Verkauf ihres Unternehmens nach. Und Niki suchte neben Familie und Arbeit nach Selbsterfahrung.

Ein erster Regattaversuch in der Heimat endete mit der Disqualifizierung: "Sie sind eine Gefahr für sich und alle anderen!", rief der Schiedsrichter per Megafon über den Fluss, dann wurden die vier Frauen von einem Rettungsboot abgeschleppt.

Erst Übung, die Überquerung der Nordsee und ein BBC-Interview brachte ihnen die nötige öffentliche Aufmerksamkeit für ihr Projekt: Immerhin mehr als 100.000 Pfund (119.000 Euro) mussten sie von Sponsoren und Spendern einsammeln.

Die vier Frauen absolvierten Überlebenstrainings, lernten an Schweinebauch, Wunden zu nähen, trainierten körperlich und psychisch. "Wir wussten aber: Auch wenn wir uns gut vorbereiten, wird auf dem Atlantik alles anders sein", sagt Butters. Bis die vier mit ihrem 8,5 Meter langen Ruderboot "Rose" in San Sebastián auf Gomera an den Start gingen, dauerte es nach der ersten Idee fast drei Jahre.

Überlebenstraining
Yorkshire Rows

Überlebenstraining

Auf dem Atlantik

Der Anfang auf See war hart: Doeg brach sich das Steißbein an und bekam in der engen Schlafkabine Platzangst. Alle hatten mit offenen Scheuerstellen und der Trennung von ihren Ehemännern und Kindern zu kämpfen. Und Helen Butters litt massiv unter Seekrankheit: Alle halbe Stunde überfiel sie die Übelkeit, tagelang sprach sie kein Wort.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie ans Aufgeben gedacht?

Butters: Nein, nie. Ich war zwar sehr seekrank, aber mental ging es mir gut. Ich musste es einfach durchstehen, nach vier Tagen wurde es besser. Ironischerweise hat es mir auf lange Sicht geholfen: Alles andere scheint danach so viel leichter.

SPIEGEL ONLINE: Was war denn Ihr schlimmster Moment auf See?

Butters: Eines Nachts hatten wir kompletten Stromausfall, der den Autopiloten und das GPS-Tracking-System lahm legte, und mussten mit der Hand steuern und einen Kompass nutzen. Das war gefährlich, weil wir immer wieder vom Kurs abkamen, das Boot drehen mussten und die Gefahr bestand, umzukippen.

Yorkshire Rows

SPIEGEL ONLINE: Und die schönsten Augenblicke?

Butters: Nachts, wenn es ruhig war, wir eins mit der Umgebung wurden und in den Mond schauten, empfanden wir uns als sehr privilegiert. Toll war auch, dass wir Tweets von Tim Peake bekamen, dem britischen Astronauten, der genau zu der Zeit auf der ISS war. Er konnte den Atlantik sehen und grüßte uns.

Ausgerechnet zur Atlantic Challenge zog über die insgesamt etwa 60 Teilnehmer ein Hurrikan auf: "Alex" schüttelte auch die "Rose" durch. 70 Stunden lang konnten die Frauen die engen Kabinen nur für den Toilettengang verlassen, hohe Wellen schleuderten das Boot umher. Die Crew war auf sich allein gestellt: Die Rennregularien verbieten jegliche Hilfe unterwegs, Begleitboote gibt es nicht. Nur per Satellitentelefon und Funk hielten die Frauen Kontakt zum Rest der Welt, ihr Boot aber konnte jederzeit per Ortungssender lokalisiert werden.

Weihnachten feierten die Britinnen mit einer Schokoladenorange, Mango-Gin und Gesprächen mit den Familien. Ansonsten herrschte auf der über zwei Monate langen Überfahrt eher Monotonie: "Wir hatten immer den gleichen Blick, die ganze Zeit", sagt Butters.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie sich die Zeit vertrieben?

Butters: Wir haben Spiele gespielt, um der Langeweile zu entkommen. Und ich habe Comedy-Hörbücher gehört. Außerdem haben wir viel gesungen - vor allem zum Soundtrack zu "Mamma Mia". Wenn wir in einen Sturm gerieten, sind wir singend hindurchgepaddelt.

       Skipperin Janette        Benaddi
Yorkshire Rows

Skipperin Janette Benaddi

Das Ankommen

67 Tage, fünf Stunden, zwei Minuten nach dem Start fuhr das Team "Yorkshire Rows" im Februar 2016 in den Hafen von Antigua ein. Das schnellste Team hatte 37 Tage benötigt. Schiffshörner tuteten, ihre Familien warteten am Kai. "Es ist wie ein Traum, dass wir angekommen sind", sagte Janette Benaddi, "es fühlte sich an, als ob wir gegen den Ozean gekämpft haben."

SPIEGEL ONLINE: Nach der ersten Freude über das Ankommen - wie haben Sie sich in der Zeit danach gefühlt?

Butters: Untergründig bin ich seitdem immer leicht unglücklich.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann das sein?

Butters: Adrenalin-Kater nenne ich es. Nachdem man so lange in einer extrem gefährlichen Situation war, reagiert das Gehirn anders - auch wenn man in Sicherheit ist. Es wird zwar langsam leichter, aber ich bin unruhig, Auch der Organisator der Challenge sagt immer: Die Menschen, denen er in Gomera Goodbye sagt und jene, die er in Antigua begrüßt, sind verschiedene Menschen. Das glaube ich auch.

SPIEGEL ONLINE: Gut ein Jahr nach Ihrem Weltrekord - hat sich Ihr Leben verändert?

Butters: Ich habe gelernt, das weniger mehr ist. Auf dem Boot hatten wir nur sehr wenig Klamotten und keinen Kram. Um das Leben zu bereichern, muss man Sachen weglassen, statt noch welche hinzufügen.

Der Film "Four Mums in a Boat" von Simon Tucker ist im Rahmen des Banff-Filmfestivals zu sehen. Nächster Termin ist am 18. Juli in München.

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Seite 1
hamock 15.05.2017
1. Tolle Leistung!
Aber “Manche Männer haben unterwegs viel geweint, sahen im Ziel fürchterlich aus. Wir nicht.“ Männer dürfen also nicht weinen (sie sehen sonst fürchterlich aus) und Frauen müssen immer hübsch sein? Überflüssig und öde, dieser Sexismus.
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