Pazifischer Ozean
Antipoden-Insel (Neuseeland)
Englisch ursprünglich Isle Penantipode [Penantipodeninsel]
21 Quadratkilometer | unbewohnt
26. März 1800 entdeckt von Henry Waterhouse
Die Sehnsucht nach einem heimlichen Doppelgänger, der auf der anderen Seite der Erde lebt, kopfüber, seine Füße unseren Füßen zugewandt, von der Schwerkraft an dieselbe Kugel gekettet. Unsere Gegenfüßler wohnen in den gleichen Längen, aber entgegengesetzten Breiten, ihre Jahreszeiten sind den unseren gegenüber, ihre Stunden verschoben: Unsere Antipoden haben Sommer, wenn wir Winter, und Mitternacht, wenn wir Mittag haben. Doch hier auf der Antipodeninsel leben keine Menschen; zwischen den Felsen lungern nur ein paar Seebären und Pinguine mit buntem Schopf.
Das Land liegt dem Nullmeridian von Greenwich fast genau gegenüber, berechnet Captain Henry Waterhouse, als er auf dem Weg von Port Jackson nach England diese Inseln entdeckt. Ein gespiegelter Ort, denkt er, ein winziger Doppelgänger der Britischen Inseln. Seine Geburtsstadt London ist von hier so weit entfernt wie der Nord- vom Südpol; und es wäre völlig egal, welche Route er dorthin nimmt. Weiter weg vom Zentrum der Welt kann er nicht sein. England und dieser Ort sind zwei Endpunkte desselben Kugeldurchmessers, eine gedachte Linie durch den Mittelpunkt der Erde.
Doch die Rechnung geht nicht auf. Seine Heimat sieht anders aus. Das Land hier ist bergig und baumlos, das Klima kalt, stürmisch und rau. Es fehlt die weiche Luft des Golfstroms. Die Rinder, die hergebracht werden, sterben schnell und still in der falben Steppe aus Gras. Und in den Höhlen der ausgefransten Küste verhallt ungehört das donnernde Echo der brechenden Wogen.
Auszug aus "Atlas der abgelegenen Inseln" von Judith Schalansky
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