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Auf Heyerdahls Spuren: Deutscher will mit Schilfboot den Atlantik überqueren

Von Stephan Orth

Ein Abenteurer aus Chemnitz glaubt, dass schon vor 14.000 Jahren Seefahrer den Atlantik überquerten. Den Beweis will er mit einem selbstgebauten Schilfboot antreten – ein Erfolg würde die "Ra"-Expeditionen von Thor Heyerdahl in den Schatten stellen.

New York – Dominique Görlitz hat keinen Segelschein, aber einen Traum: Mit einem Schilfboot prähistorischer Bauart will der Chemnitzer den Atlantik von West nach Ost überqueren. Die zwölf Tonnen schwere und 12,5 Meter lange "Abora III" soll von New York aus über die Azoren nach Portugal und Spanien segeln – und damit beweisen, dass es schon vor 14.000 Jahren möglich war, den Atlantik zu überqueren.

"Es wurden Derivate von Tabakpflanzen und Kokain in Ägypten gefunden, beispielsweise in den Gräbern von Ramses II. und Tutanchamun – die stammen definitiv aus der Neuen Welt", sagte Görlitz zu SPIEGEL ONLINE. Viele wissenschaftliche Hinweise sprächen dafür, dass ein transatlantischer Austausch zwischen prähistorischen Kulturen stattgefunden habe. Er vermutet, dass es schon Jahrtausende vor Kolumbus Handelsbeziehungen zwischen Nordamerika und dem nordwestlichen Spanien gegeben hat – von dort könnten Waren weiter nach Afrika gelangt sein. 14.000 Jahre alte Höhlenzeichnungen aus Spanien belegen laut Görlitz genaue Kenntnisse über Meeresströmungen im Atlantik.

"Arbora III" will "Ra II" übertreffen

Görlitz' Vorbild ist der 2002 verstorbene norwegische Ethnologe Thor Heyerdahl, den der Chemnitzer schon als Kind bewunderte. Heyerdahl wollte mit den berühmten Fahrten auf der "Kon-Tiki" und der "Ra II" beweisen, dass es vorzeitliche Hochseefahrten gegeben hat. Bei der Wissenschaft stieß er jedoch trotz erfolgreicher Überfahrten auf Zweifel, die Genforschung widerlegte seine Theorien von der Vermischung südamerikanischer und polynesischer Kulturen.

Auch der ehemalige Sport- und Biologie-Lehrer Görlitz erntet Kritik von Forschern und ist sich der beschränkten Aussagekraft seiner Expedition bewusst: "Wir können nicht beweisen, dass es tatsächlich solche Fahrten gegeben hat, aber wir können beweisen, dass es technisch möglich gewesen wäre", sagt der 40-Jährige, dessen Projekt Teil seiner Doktorarbeit an der Universität Bonn ist. Anders als Heyerdahl, der mit der "Ra II" vor 37 Jahren von Marokko nach Amerika gelangte, musste Görlitz ein Boot bauen, das dank stabiler Seitenschwerter auch bei Gegenwind vorwärtskommt. Seine Konstruktion erlaubt Fahrten in einem Winkel von 70 Grad zur Windrichtung. "Thor Heyerdahl ist immer nur von Ost nach West vor dem Wind gesegelt – man könnte in Marokko auch einen Kühlschrank ins Wasser werfen, und der würde irgendwann in Amerika ankommen", sagt Görlitz.

Solange das Boot hält, ist eine Atlantiküberquerung in diese Richtung einfacher als manche Mittelmeerreise. "Dort wussten schon phönizische Seefahrer, wie man gegen den Wind kreuzt", sagt Görlitz. "Die Überfahrt von Spanien nach Ägypten verlangt mehr von den Seglern als eine Reise von Afrika nach Amerika."

Probefahrt auf dem Hudson River

Genau wie Heyerdahl seine "Ra II" von bolivianischen Indianern am Titikakasee bauen ließ, vertraut auch Görlitz auf die handwerklichen Fähigkeiten des dort lebenden Aymara-Stammes, der heute noch Schilfboote verwendet. Nach langjährigen Untersuchungen von Felszeichnungen und Fachliteratur versuchte er, ein möglichst authentisches Boot zu bauen, das optisch stark Heyerdahls "Ra" ähnelt. Im Mai wurde der Bootsrumpf nach New York gebracht, wo derzeit die Aufbauten fertig gestellt werden und der Stapellauf vorbereitet wird. Mitte Juni soll die "Abora III" auf dem Hudson River probesegeln, bevor sie Anfang Juli in See sticht, "sobald gutes Wetter ist".

Mit hohem Seegang, plötzlichen Windveränderungen und starken Stürmen ist die über 6000 Kilometer lange Strecke auf dem Nordatlantik eine besondere Herausforderung für Görlitz und seine elfköpfige Crew. Einige davon sind Veteranen von Fahrten mit den Vorgängerbooten "Abora I" und "Abora II", den Rest heuerte er über Anzeigen in Magazinen, im Internet und im Fernsehen an.

Görlitz beschreibt seine Begleiter als gewöhnliche Leute aus fünf verschiedenen Ländern, von denen er glaubt, dass sie die Charakterstärke haben, um zwei Monate auf engstem Raum in den beiden extrem engen Korbkabinen durchzustehen – in einem drei Meter breiten Raum müssen fünf Leute nebeneinander schlafen, den Luxus einer Bordtoilette gibt es ebensowenig wie ein Begleitboot für Notfälle. Bei der Navigationsausstattung dagegen verzichtet Görlitz auf prähistorische Authentizität: Hochmodernes GPS-Equipment hilft bei der Orientierung auf hoher See.

Fast wäre das Abenteuer übrigens schon beim Transport des Bootes in die USA vorbei gewesen. Der Zoll fand im Schiffsrumpf einen Käfer - erst als ein Zoologe nachwies, dass dieser aus den USA und nicht aus Bolivien stammte, durfte die ungewöhnliche Fracht die Grenze passieren.

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"Abora III": Im Schilfboot über den Nordatlantik


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