EU-Gerichtshof: Entschädigung bei starker Flugverspätung ist rechtens

Verspätet sich der Flieger um mehrere Stunden, haben Kunden Anspruch auf eine pauschale Ausgleichszahlung von bis zu 600 Euro - diese Regelung gilt seit Jahren. Der Europäische Gerichtshof hat die entsprechende Verordnung in einem Grundsatzurteil bestätigt.

Warten auf den Abflug: Bei mehrstündiger Verspätung muss Airline zahlen Zur Großansicht
DPA

Warten auf den Abflug: Bei mehrstündiger Verspätung muss Airline zahlen

Luxemburg - Wer auf seinem Flug mehr als drei Stunden Verspätung hat, kann bei der verantwortlichen Airline auch in Zukunft eine Entschädigung einfordern. Der Europäische Gerichtshof (EuGH) bestätigte am Dienstag die bisher gültige Rechtsprechung, wonach betroffenen Fluggästen je nach Länge der Reisestrecke eine pauschale Ausgleichszahlung von 250, 400 oder 600 Euro zusteht.

Ihre Situation sei vergleichbar mit der von Passagieren, deren Flug "in letzter Minute" annulliert wurde, hieß es im Urteil, "da sie ähnliche Unannehmlichkeiten hinnehmen müssen, nämlich einen Zeitverlust".

Zugleich wiesen die Luxemburger Richter darauf hin, dass der Anspruch entfällt, wenn die Verspätung auf "außergewöhnliche Umstände" wie Terroranschläge, heftige Gewitter oder ähnliche Gründe zurückzuführen sei, die nicht im Verantwortungsbereich der Airline lägen.

Auf das gültige Entschädigungsrecht können sich demnach alle Passagiere berufen, die nach Inkrafttreten der entsprechenden EU-Verordnung am 17. Februar 2005 von erheblichen Verspätungen betroffen waren - sofern dem keine nationalen Vorschriften, etwa zur Verjährung, entgegenstehen. In der Praxis beklagen Verbraucherschützer allerdings immer wieder, dass die Fluggesellschaften sich weigern, bei Verspätung Entschädigungen zu zahlen.

Im konkreten Fall hatten das Amtsgericht Köln und der englische High Court of Justice den EuGH um Auslegung des Unionsrechts gebeten, um in anhängigen Klagen entscheiden zu können. Unter anderem Kunden der Deutschen Lufthansa hatten geklagt. Ihr Flug kam erst mit über 24 Stunden Verspätung am Ziel an. Das Amtsgericht wollte nun wissen, ob solch eine lange Verspätung anders zu beurteilen ist, als bei Flügen, die "in letzter Minute" annulliert werden.

Im zweiten Fall hatten sich die British Airways, TUI Travel, easyJet Airline und die International Air Transport Association (IATA) gegen die Anordnung der britischen Behörde für die Zivilluftfahrt gewandt, Ausgleichszahlungen bei Verspätungen zu leisten. Die Behörde hatte angegeben, an das EuGH-Urteil vom 19. November 2009 gebunden zu sein. Dieses legte erstmals Ausgleichszahlungen bei Verspätungen fest.

Bereits vor gut drei Wochen hatten die EU-Richter Verbrauchern den Rücken gestärkt. In zwei Urteilen schrieben sie fest, dass Airlines Entschädigung zahlen müssen, wenn sie Kunden aus betrieblichen Gründen nicht auf dem gebuchten Flug mitnehmen. Dies betrifft etwa Umbuchungen auf einen anderen Flug als Spätfolge eines Streiks. Der Anspruch gelte auch dann, wenn eine Fluggesellschaft Passagiere auf einen deutlich späteren Anschlussflug umbuche, obwohl die Kunden den Flugsteig rechtzeitig erreichten.

EuGH: Aktenzeichen C-581/10 und C-629/10

jus/dapd/jur

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 18 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Missachtung auf der Linie
atipic 23.10.2012
Lufthansa und Germanwings missachten seit Jahren ein Urteil des EUGH vom 16.10.2008 in der Rechtssache C-298/07 Das neue Urteil wird auch missachtet, weil niemand in Deutschland kontrolliert, was die Airlines tun......
2. Ich warte seit einem dreiviertel Jahr
iffel1 23.10.2012
auf die Entschädigung von AirLingus, nun geht auch dieser Fall zum Gericht - als ob die Richter nichts besseres zu tun haben. Dabei hatte AirLingus sogar zugegeben, dass ein Defekt am Flugzeug vorlag, der zu einer vierstündigen Verspätung führte.
3. Hinhaltetaktik bei Air Berlin
boberg0909 23.10.2012
Nach Flugüberbuchung und verspätetem Alternativflug hat Air Berlin monatelang eine Hinhaltetaktik vollzogen. Erst der Hinweis auf eine Zivlklage mit Hilfe von www.flightaware.de (auch: www.flightright.de) mit Fristsetzung führte zur sofortigen Zahlung. Ebenso sollte eine Meldung an das Luftfahrtbundesamt (LBA) erfolgen. Ein Beschwerdeformular gibt es auf deren Homepage. Viel Erfolg!
4. Alles nur Augenwischerei
earl grey 23.10.2012
Damit (techn. Defekt) hat sich die Lufthansa bisher bei mir immer heraus geredet. Außerdem gilt das Ganze eh nur bei Airlines, die in der EU ihren Hauptsitz haben. Eine indische Airline hat bei einem Flugausfall und einer Verspätung von über 24 Std. nichts bezahlt, weil sie ihren Sitz und Gerichtsstand in Indien hat und nicht an EU Recht gebunden ist (so die offizielle Begründung der Ablehnung). Alles nur Augenwischerei, wenn eine Airline nicht zahlen will, dann findet sie immer einen (Aus)Weg.
5. Und Turkish Airlines - angeblich Europas Beste?
stiller_genießer 23.10.2012
TK ist da fein raus. Die werben im Spiegel damit, "Europas beste Airline" zu sein. Weigern sich aber, die Entschädigung zu zahlen, da - wie selbst erlebt - der Flug ja ab dem asiatischen Teil Istanbuls gestartet sei. Der Service selbst war europäisch, nichts von türkischer Gastfreundschaft. Niemand wußte was Genaues, die Warteschlangen wurden im länger, kein zusätzlicher Schalter. Der Start war schließlich sechs Stunden verspätet. Es gab 0,3 l irgendeines Mulitvitamin-Saftes und ein pappiges, in Plastikfolie eingewickeltes Sandwich für die gesamte Wartezeit.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Aktuell
RSS
alles zum Thema Reiserecht
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 18 Kommentare
Getty Images
Wie viel Geld bringt eine Kakerlake? Was tun, wenn nach dem Bad im Pool die Haare grün sind? Wenn Touristen vor Gericht gehen, müssen immer wieder bizarre Fälle verhandelt werden. Kennen Sie Ihr Recht im Urlaub? Finden Sie es heraus im Reisequiz von SPIEGEL ONLINE!