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15. November 2012, 15:02 Uhr

Tückische Technik bei der Bahn

"Die Lok, die dät et nimmie!"

Ohrenbetäubend laut, aber pfeilschnell: In den Dreißigern stellte der Schienenzeppelin auf deutschen Gleisen einen Weltrekord auf. Allerdings hatte das luftige Gefährt so einiges an Macken. Fast wie seine Nachfolger, die ICE, IC und TGV von heute, wie SPIEGEL-ONLINE-Leser berichten.

Ein Spantengerüst aus Aluminium, umhüllt von silbernem Segeltuch und ein Propeller aus Eschenholz am Heck: Der "Flugbahn-Wagen" von Franz Kruckenberg sah aus wie ein Zeppelin, aus dem man Luft abgelassen hat und der auf Schienen gelandet war.

Der Prototyp war, als er 1931 vorgestellt wurde, nicht weniger als eine Revolution. Bisher hatten im Wesentlichen Lokomotiven mit riesigen Stahlrädern das Bild von der Eisenbahn geprägt, jetzt wollte ein Schiffs- und Flugzeugbauingenieur einen 26 Meter langen Leichtbau-Schnelltriebwagen mit knapp 20 Tonnen Gewicht auf Reisen schicken.

Das Publikum war enthusiastisch, die Direktoren der damals noch jungen Deutschen Reichsbahn reagierten trotz erfolgreicher Probefahrten skeptisch. Daher musste ein enormer Aufwand an Sicherungsmaßnahmen betrieben werden, bevor der 48-jährige Kruckenberg am Steuer seines "Schienenzeppelins" einen Rekordversuch starten durfte.

Am frühen Morgen des 21. Juni 1931 ruhte sämtlicher Zugverkehr auf der Strecke von Hamburg nach Berlin. Alle Schranken waren doppelt gesichert, und Polizisten wehrten Schaulustige ab, die dem Gleisbett zu nahe kamen.

"Das silbergraue, in seiner stromlinienförmigen Gestaltung pfeilschnelle Fahrzeug macht den Eindruck technischer Vollendung", schrieben die "Hamburger Nachrichten". Und pfeilschnell war der Luftikus mit dem 600-PS-Flugzeugmotor auch: Die 257 Kilometer lange Strecke legte er in 98 Minuten zurück und erreichte zwischen Karstädt und Dergenthin eine Höchstgeschwindigkeit von 230,2 km/h.

Weltrekord! Erst 23 Jahre später wurde er gebrochen. Und schneller als das technische Wunder der Dreißiger konnte die beiden Großstädte erst der ICE im Jahr 2004 verbinden, allerdings lediglich um acht Minuten.

Franz Kruckenberg und seinem "Torpedo auf Schienen" war allerdings kein Erfolg beschert. Denn der schnittige Triebwagen hatte ein paar entscheidende Macken: Er war ohrenbetäubend laut, konnte nicht rückwärts fahren, benötigte zum Rangieren eine Batterie - und er konnte keine Waggons ziehen. Mehr als 24 Passagiere zugleich hätten den wilden Ritt nicht erleben können.

Schon 1932 wurde der Zeppelin durchgesägt, dann mehrmals umgebaut, bevor er 1939 kurzerhand verschrottet wurde. Das Regiment auf den Schienen übernahmen dann weniger visionäre Entwürfe - doch der schlanke Schienenzeppelin blieb der Urahn von ICE, Shinkansen und TGV.

Ihre Macken haben aber auch diese modernen Hightech-Züge - bestenfalls kann das zu lustigen Erlebnissen führen, wie die folgenden Anekdoten berichten:

Vor ein paar Jahren im Hamburger Regionalzug S4 (jetzt R10) Richtung Ahrensburg: "Achtung, eine Durchsage! Aufgrund einer defekten Lautsprecheranlage wird es heute keine Durchsagen geben."

Matthias Kluth

Im Jahr 1998 fuhr ich im Interregio von Hannover nach Magdeburg. Es war kalt im Abteil, also drehte ich die Heizung hoch. In dem Moment ging das Licht aus, und der Zug blieb für bestimmt zehn Minuten stehen. Ich fragte mich, ob das mit meiner Heizung zusammenhing. Also habe ich den Schalter wieder ausgedreht - da ging doch tatsächlich das Licht wieder an und der Zug fuhr weiter. Weitere Experimente (Heizung wieder anschalten) habe ich mir verkniffen.

Thomas Wille

Auf einer Fahrt von Bergisch Gladbach nach Dormagen hatte die S-Bahn einen Defekt und fuhr nicht weiter. Nach kurzer Zeit meldete sich der Zugführer über die Lautsprecher im breitesten Kölsch: "Sehr verehrte Damen und Herren, die Lok, die dät et nimmie!"

Erik Wolter, Kerpen

Als mein ICE von München nach Stuttgart mit einiger Verzögerung losfuhr, war folgende Durchsage zu hören: "Liebe Fahrgäste, aufgrund einer Störung am Triebfahrzeug haben wir bereits zehn Minuten Verspätung. Da wir unsere geplante Höchstgeschwindigkeit nicht erreichen können, wird sich die Verspätung im Laufe der Fahrt noch ausweiten. Wir bitten um Entschuldigung." In der irrigen Annahme, dass er das Mikrofon ausgeschaltet habe, unterhielt der Fahrer anschließend in breitestem Bayerisch die Fahrgäste weiter: "Dreckskarren, verreckter! Scheißkisten, blede! Oiwei fehlt was anders. Do kannst ja besser mim Traktor fahrn!" Ein Knacksen im Lautsprecher. Schweigen. Dann eine erneute Durchsage: "Liebe Fahrgäste, Sie haben eben etwas zu hören bekommen, das nicht für Ihre Ohren bestimmt war. Das tut mir Leid. Aber zum Inhalt stehe ich!" Die Reaktion war spontaner Beifall der Fahrgäste.

Michael Erhard, München

Wir fuhren mit der S1 von Essen aus in Richtung Dortmund. Die Fahrt verlief ganz normal, vielleicht ein bisschen ruckelig. Dann hielten wir plötzlich auf offener Strecke an, und der Lokführer meldete sich per Funk zu Wort: "Sehr geehrte Damen und Herren, nicht dass Sie denken, dass ich nicht fahren kann. Wir haben hier momentan ein technisches Problem, so dass ich entweder nur Vollgas geben oder bremsen kann." Der ganze Zug lachte, und kurz darauf ging die Fahrt ruckelig weiter.

Jan Peter H., Bottrop

Kurz vor Münster hielt der Intercity an. Man konnte den Bahnhof schon sehen, geschätzt wären es zehn Minuten zu Fuß auf den Gleisen gewesen. Mein Blick auf die Uhr verriet mir, dass es knapp wurde mit meinem Anschlusszug - ich hatte nur 20 Minuten zum Umsteigen. Nach circa 15 Minuten kam eine Durchsage, die gut in die TV-Sendung "Verstehen Sie Spaß?" passen würde. Mit einer Stimme, die stark an Helge Schneider erinnerte, sagte der Zugführer: "Wir haben einen Fasan in der Bremszuleitung! Eine Weiterfahrt ist bis auf weiteres nicht möglich!" Diese Stimme, diese Art der Betonung und dann noch der Text: Ich war mir sicher, Helge Schneider persönlich sitzt vorne am Mikrofon. Den Anschluss in Münster hab ich nicht mehr gekriegt - aber fast war es das wert!

Kathrin Hoffmann, Köln

Ich hatte schon beim Einsteigen in die Regionalbahn von Trier nach Saarbrücken gemerkt, dass das Schild "Defekt" an der einzigen Toilette hing. Wir sind dann losgefahren, und kurz vor dem planmäßigen Halt in Merzig kam eine Durchsage: "Sehr geehrte Fahrgäste, aufgrund einer defekten Toilette an Bord machen wir in Merzig zehn Minuten Pinkelpause. Wer mal muss, soll sich bitte beim Triebfahrzeugführer kurz abmelden." Das Lachen im Zug war großartig!

Johannes Kuchlbauer, Völklingen

Im Regionalexpress von Leipzig nach Cottbus war ein älterer Herr als Zugbegleiter eingesetzt. Hektisch rannte er durch das Abteil, die Schiebetür fiel hinter ihm zu, kurz darauf schrie eine laute männliche Stimme über die Lautsprecher: "Eins, zwei, drei" und "Test, Test, Test". Die Leute im Abteil schauten einander verdutzt an. Die Stimme war noch einmal zu hören: "Eins, zwei, drei" - "Test, Test". Dann Ruhe. Kurze Zeit später kam der Zugbegleiter wieder ins Abteil: "Und? Haben Sie mich gehört?"

Sabine Lindemann

Auf einer Fahrt von Frankfurt nach Dresden mussten einige Mitfahrer schon bei der obligatorischen Begrüßung schmunzeln, da die Ansage im schönsten Sächsisch gehalten wurde. Allerdings wurden alle, die meinten, dass dies schon tiefster Dialekt wäre, schnell eines Besseren belehrt. Man merkte, dass der Bahnmitarbeiter sich durchaus um das Hochdeutsche bemüht hatte. Denn er vergaß nach der Ansage, das Mikrofon auszuschalten und ging mit einem Kollegen gut gelaunt eine Checkliste durch. "Tschägg, Lämmbschen äins läuschted grün, Lämmbschen zwai läuschted ouch. Tschägg, ölles wunnderboar" Diese zwei Minuten trugen ungemein zur Heiterkeit auf dieser Zugfahrt bei, und ich war froh, dass "alle Lämmbschen grün läuschtedden".

Andreas Kappl, Fulda

Dies ist eine gekürzte Version eines Kapitels aus dem Buch "Sorry, wir haben uns verfahren" von Stephan Orth und Antje Blinda, kürzlich erschienen im Ullstein-Verlag.

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