Autokino-Motel in den USA Betten und Blockbuster

Zwölf Zimmer und eine Großleinwand: Das Fairlee Motel in den USA verfügt im Garten über ein altmodisches Drive-in-Kino mit 400 Autostellplätzen. Hier ist Amerika noch so, wie es in den fünfziger Jahren einmal war.

Von Henryk M. Broder


Gibt es etwas Schöneres, als in einem Motel auf dem Bett zu liegen, Kartoffelchips und Erdnüsse zu knabbern und dabei fern zu sehen? Vor allem dann, wenn eines der in den USA so beliebten Autorennen läuft, bei dem die Fahrer mit 200 Meilen pro Stunde auf einer ovalen Bahn so lange hintereinander rasen, bis der Erste den Letzten eingeholt hat und keiner weiß, wer vorneweg fährt und wer hinterher? Oder ein Schönheitswettbewerb für Hunde auf Animal Planet? Oder, notfalls, das Wetter in Kansas, live auf Weather Channel?

Ja, es gibt etwas Schöneres. Im Fairlee Motel auf dem Bett liegen, Kartoffelchips und Erdnüsse knabbern und dabei auf einer 27 mal 15 Meter großen Leinwand "Indiana Jones" oder "Angels and Demons" sehen. Das Motel ist eine amerikanische Erfindung, wie der Hamburger und die Blue Jeans, das Drive-in-Kino ebenso. Aber ein Motel mit einem Drive-in-Kino, das ist selbst für amerikanische Verhältnisse fast zu viel des Guten.

Das Fairlee Motel in Fairlee, am Westufer des Connecticut River, der die Grenze zwischen New Hampshire und Vermont bildet, hat zwölf Zimmer und 400 Autoplätze. Es ist nicht nur eines der wenigen verbliebenen Autokinos der USA, es ist wahrscheinlich das einzige Motel mit einem Drive-in-Kino. "Es soll noch eines in Colorado geben", sagt Peter Trapp, der Besitzer, "aber ich habe lange nichts mehr davon gehört."

Neustart auf dem Land

Peter und seine Frau Erika, nicht verwandt und nicht verschwägert mit der berühmten Familie gleichen Namens, die sich ebenfalls in Vermont niedergelassen hat, betreiben das "Fairlee Motel And Drive In" seit sechs Jahren. Der Sohn deutsch-österreichischer Einwanderer, 1952 in einer Kleinstadt in Pennsylvania geboren, hat ein College besucht und einen Abschluss in "Business Administration" gemacht. Erika ist eine diplomierte Krankenschwester.

1987 wollten die Trapps etwas Neues anfangen und kauften eine Farm im Hinterland von New York. Nach zehn Jahren verkauften sie die Farm wieder und kauften eine größere in New Hampshire. Seitdem züchten sie auf 74 Hektar Black-Angus-Rinder, Schafe, Schweine und Hühner, alles organisch und für normale Supermärkte zu teuer. Deswegen verkaufen sie ihre Produkte portioniert und tiefgefroren gleich an die Verbraucher, direkt aus vier großen Tiefkühltruhen im Keller ihres Farmhauses in Piermont. Dazu frische Eier, das Dutzend für 3,50 Dollar.

Mit der Arbeit auf der Farm wären Erika und Peter Trapp eigentlich ausgelastet. Ihre drei Söhne - Tucker, Cooper und Peejee - gehen noch zur Schule und wollen auch versorgt werden. Dass sie sich dennoch auf das Abenteuer eingelassen haben, ein altes Motel mit einem Drive-in-Kino aus den fünfziger Jahren zu kaufen, hatte zwei Gründe. "Wir wollten etwas für die Zeit haben, wenn wir zu alt sind, Kühen nachzulaufen", sagt Erika. "Ich war schon als Junge hier, wenn wir zum Campen in die Berge gefahren sind", erinnert sich Peter. "Ich dachte, meinen Jungs würde es auch Spaß machen."

Sie nahmen einen Kredit auf und machten sich an die Arbeit. Die Zimmer wurden nach und nach renoviert, die beiden alten Karbid-Projektoren durch einen neuen ersetzt, der jeden Film am Stück abspielen kann. Ein Manager wurde angeheuert, um sich um das Hotel zu kümmern, während seine Frau an der Drive-in-Kasse Karten verkaufte. Peter war für den Einkauf der Filme und die Projektion zuständig, Erika für die Hot Dogs und die Hamburger an der Snack-Bar.

Schlechtes Wetter - schlechter Besuch

"Anfangs lief es gut", sagt Peter. Mit der Rezession, die bald einsetzte, ging die Zahl der Besucher jedoch zurück. "Nur bei ganz starken Filmen haben wir noch ein volles Haus", aber wenn es regnet und stürmt, lassen sich die Leute auch vom Untergang der "Titanic" oder von "Batman" nicht ins Freie locken. "Wir sind total vom Wetter abhängig."

Am letzten Sonntag im Juli, mitten in der Ferienzeit, hat es dermaßen geschüttet, dass nur sechs Autos vor der Leinwand parkten. Dabei gab es, wie an jedem Wochenende, ein Double-Feature, also zwei Filme hintereinander. "Das ist günstig, du zahlst für einen und bekommst zwei", freute sich Carl, der mit seiner Frau Doris aus Bradford angefahren kam. Wollten die beiden wirklich Filme sehen oder nur ein paar Stunden ungestört verbringen? Jedenfalls waren sie die letzten Besucher, die kurz nach 1 Uhr mit ihrem Chevy das Drive-in verließen.

Nur Peter und Erika blieben noch länger, schlossen die Snack-Bar, machten alle Lichter aus und fuhren dann heim auf ihre Farm in Piermont auf der anderen Seite des Flusses, um fünf Stunden später wieder aufzustehen und sich um ihre Tiere zu kümmern.

"Wir arbeiten rund um die Uhr, sieben Tage die Woche", sagt Peter und macht dabei keinen unzufriedenen Eindruck. "Wir machen alles selbst, sonst bleibt am Ende nichts übrig." Der Manager musste entlassen werden, seine Frau ebenso.

Die ganze Familie hilft mit

Wer jetzt tagsüber im Motel einchecken will, was relativ selten vorkommt, greift zu einem Telefon neben der Office-Tür und wählt 000. 15 Minuten später ist Erika da, um den Gast zu begrüßen. Aber manchmal ist der Gast schon weg, und dann fährt Erika wieder zurück auf die zehn Meilen entfernte Farm. Die beiden ältesten Söhne helfen mit, morgens machen sie den Zimmer-Service, abends weisen sie die Autos ein. Aber nur in den Ferien. "Wir sind ein Familienbetrieb."

Peter Trapp rechnet nicht damit, dass sich die Wirtschaft bald erholen wird. Er ist nicht nur ein Workaholic, sondern auch ein bekennender Republikaner, einer der wenigen in Vermont, dem grünsten und progressivsten Bundesstaat, wo schon Obamas Demokraten als konservativ gelten. "Die in Washington haben keine Ahnung, was sie tun und was sie tun sollten." Ginge es nach ihm, müssten erst einmal die Steuern gesenkt und die Mindestlohn-Regelung abgeschafft werden.

Weil das aber nicht passieren wird, macht Peter Trapp weiter. Für das kommende Wochenende hat er "Harry Potter" eingekauft. "Dann stehen hier die Autos Schlange bis zur nächsten Kreuzung." Vorausgesetzt, es regnet nicht wieder.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
mbberlin, 09.08.2009
1. ...
Prima! Endlich eine sinnvolle Aufgabe für Broder! Lasst ihn bitte gleich drüben und weiterhin so lesenswerte(!) kleine Reisebeobachtungen niederschreiben. Da haben wir dann alle was davon
berlin_rotrot, 09.08.2009
2. -
Zitat von sysopZwölf Zimmer und eine Großleinwand: Das Fairlee Motel in den USA verfügt im Garten über ein altmodisches Drive-in-Kino mit 400 Auto-Stellplätzen. Hier ist Amerika noch so, wie es in den fünfziger Jahren einmal war. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,640985,00.html
Ein wirklich gelungener & interessanter Artikel im dem der Leser darüber aufgeklärt wird wie die Rezession auch das Amerikanische Provinz Kino im Hinterland heimsucht.
Schnorschel, 09.08.2009
3. Re: Autokino-Motel in den USA: Betten und Blockbuster
Würde das Kino ja gerne unterstützen, ist nur etwas weit weg zu fahren. Hoffe, daß es wenigstens bis zu meinem nächsten Roadtrip die Ostküste hoch noch existiert.
womburg 10.08.2009
4. Es gibt noch eines
>> "Es soll noch eines in Colorado geben", sagt Peter Trapp, der Besitzer, "aber ich habe lange nichts mehr davon gehört." In der Tat, in Monte Vista, Colorado gibt es das "Best Western Movie Manor". Dort haben meine Frau und ich im Sommer 2007 übernachtet. Die zwei Gebäudeflügel sind um ein Drive-In-Kino angeordnet, so dass aus jedem Zimmer der Film geschaut werden kann, was wir auch getan haben. Das Panorama der Rocky Mountains im Hintergrund ist recht beeindruckend. Laut zugehöriger Internet-Seite (http://www.bestwesterncolorado.com/hotels/best-western-movie-manor-motor-inn/) erfreut sich das Ganze auch jetzt noch guter Gesundheit.
mabo66 10.08.2009
5. Hamburger aus Amerika
Nur eine kleine Anmerkung zu dem sehr netten Artikel. Der Hamburger ist eine Erfindung der Auswanderer und damit nur indirekt der Amerikaner. Die vollständige Geschichte ist im Auswanderermuseum in Hamburg nachzuvollziehen, sehr empfehlenswert. Dort findet man dann auch, dass tatsächlich der Name durchaus was mit der Stadt zu tun hat.
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