Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Viertägiger Ausstand: Bahn geht juristisch gegen Streik vor

Regionalzüge in München: Zwei Drittel der Verbindungen fallen wegen Streik bei der Bahn aus Zur Großansicht
DPA

Regionalzüge in München: Zwei Drittel der Verbindungen fallen wegen Streik bei der Bahn aus

Der Streik der Lokführer-Gewerkschaft GDL erreicht die Gerichte. Die Deutsche Bahn will den Ausstand per einstweiliger Verfügung verbieten lassen. Das Frankfurter Arbeitsgericht wird noch am Donnerstag darüber entscheiden.

Berlin - Die Deutsche Bahn geht juristisch gegen den Streik der Lokführer vor. Es werde eine einstweilige Verfügung beim Arbeitsgericht Frankfurt am Main beantragt, teilte das Unternehmen in Berlin mit. Wie das Gericht bekannt gab, soll über den Antrag um 16.30 Uhr mündlich verhandelt, werden. Eine Entscheidung über einen vorzeitigen Stopp des Ausstandes wird daher noch am Donnerstag fallen.

Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) hat am Mittwochnachmittag mit der Arbeitsniederlegung im Güterverkehr begonnen und sie am Donnerstag auf den Personenverkehr ausgeweitet. Erst nach vier Tagen, am Montag, sollen die Züge wieder normal rollen.

Die GDL lehnte am Mittwoch ein Schlichtungsangebot der Deutschen Bahn ab - nach Einschätzung der Deutschen Bahn "postwendend und offenbar ohne ernsthafte Prüfung". Das habe das Unternehmen mit "großem Unverständnis" zur Kenntnis genommen, teilte die Bahn in einer Presseerklärung mit. Der Vorstand befürchtet großen Schaden, auch für die Kunden und dem Wirtschaftsstandort Deutschland.

"Wir wollen nichts unversucht lassen und haben uns schweren Herzens entschieden, jetzt auch mit juristischen Mitteln gegen diesen Streik vorzugehen", sagte Bahn-Personalvorstand Ulrich Weber. "Dabei sind wir uns durchaus bewusst, dass die Richter in der Vergangenheit zumeist gegen die Arbeitgeber entschieden haben. Dieses Risiko nehmen wir aber in Kauf und haben dem Gericht umfangreich dargelegt, welch zahlreiche substanzielle Angebote wir der GDL in der Vergangenheit unterbreitet haben."

Teilweise fallen wegen des Streiks fast alle Regionalzüge aus

Seit dem Beginn des Streiks um 2 Uhr fahren die Züge "ausgedünnt, aber weitgehend stabil", teilte die Deutsche Bahn am Morgen mit. Reisende und Pendler seien dennoch von massiven Beeinträchtigungen betroffen. Im Fernverkehr fallen zwei Drittel der Verbindungen aus. Im Regionalverkehr sind die Streikauswirkungen unterschiedlich spürbar - während in Süddeutschland etwa 60 Prozent der Züge nicht fahren, sind es in Westdeutschland 70 Prozent und in Ostdeutschland sogar bis zu 85 Prozent. Dort ist die GDL am besten organisiert.

Vor allem auf den Straßen rund um und in den Großstädten ist das Verkehrsaufkommen zurzeit deutlich erhöht, sagt Klaus Reindl vom Verkehrsklub ADAC. Betroffen seien von Hamburg über Hannover bis München alle Ballungsgebiete, vor allem aber Nordrhein-Westfalen. Im Osten Deutschlands sehe die Lage normal aus. Pendelnde Autofahrer müssten mit deutlich längeren Fahrzeiten rechnen. Anders sieht es auf den Fernstraßen aus, dort macht sich laut Reindl der Streik wenig bemerkbar.

Ausmaß des Streiks: Kritik auch vom Beamtenbund

Kritik an dem Vorgehen der GDL im Tarifstreit kommt auch vom Deutschen Beamtenbund (DBB), der bislang hinter der GDL stand und deren Streik finanziell unterstützt. Die Ablehnung der Schlichtung mit der Bahn durch die GDL "war nicht abgestimmt mit uns", sagte DBB-Chef Klaus Dauderstädt im ARD-"Morgenmagazin". "Ich hätte der GDL empfohlen, sich auf eine Schlichtung einzulassen."

Dauderstädt hält ein sofortiges Einlenken der Lokführergewerkschaft für möglich, sobald die Bahn "faire Verhandlungen auf Augenhöhe" zusage. Er könne sich dann einen Vorschlag der GDL vorstellen, "den Streik auf der Stelle zu beenden". Der Chef des Beamtenbundes kritisierte auch die Bundesregierung. Die hätte das Staatsunternehmen dazu drängen müssen, der Gewerkschaft "endlich ein faires Verhandlungsrecht einzuräumen, dann wäre der ganze Streit gar nicht entstanden".

Die Konkurrenz-Gewerkschaft EVG befürchtet eine zunehmende Radikalisierung durch die GDL-Streikaktionen. "Ich bin entsetzt, dass es in den sozialen Medien zwischenzeitlich Gruppen gibt, die sich beispielsweise 'Hooligans gegen Lokführer' nennen und die zu Gewalt gegen unsere Kollegen aufrufen", sagte EVG-Vorsitzender Alexander Kirchner in einer Pressemitteilung. Hier werde eine Grenze überschritten.

"Die inakzeptable Politik der Spaltung" wirke sich zwischenzeitlich nicht nur negativ auf die Beschäftigten aus, sondern sei mittlerweile auch in der Gesellschaft angekommen. Kirchner habe zwar auch kein Verständnis für die Führung der GDL, die ihren Machtbereich durch den massiven Arbeitskampf ausdehnen wolle. Das sensible Recht des Streiks werde dadurch überstrapaziert. Aber "wir sind nach wie vor der Auffassung, dass es möglich ist, gemeinsam mit der GDL für alle Beschäftigten erfolgreich zu verhandeln".

Wie Sie trotz des Streiks an Ihr Ziel kommen? Hier finden Sie den Service zum Streik.

Überblick: Der Tarifkonflikt bei der Bahn
Was will die GDL?
Die GDL fordert fünf Prozent mehr Lohn bei kürzeren Arbeitszeiten. Zusammengerechnet ergibt sich eine Steigerung von 15 Prozent. Weselsky will zudem künftig nicht nur Tarife für die rund 19.000 Lokführer aushandeln, sondern auch für die Zugbegleiter und Rangierführer unter den GDL-Mitgliedern. Bislang wurden diese von der Eisenbahn und Verkehrsgewerkschaft (EVG) vertreten.
Was bietet die Bahn?
Die Bahn bietet eine dreistufige Einkommenserhöhung um fünf Prozent, verteilt auf 30 Monate. Dazu eine Einmalzahlung von rund 325 Euro. Konkurrierende Tarifverträge innerhalb einer Berufsgruppe will der Konzern aber in jedem Fall vermeiden. Die Bahn hatte angeboten, bei Tarifgesprächen künftig parallel mit GDL und EVG zu verhandeln. Sollte dann nur eine Gewerkschaft einem Kompromiss zustimmen, soll dieser auch nur für ihre Mitglieder gelten. Die andere Gewerkschaft soll nach Willen der Bahn dann aber nicht mehr streiken dürfen.
Was kosten Bahnstreiks die Wirtschaft?
Streiks bei der Deutschen Bahn kosten die Wirtschaft nach Prognose von Forschern schnell einen dreistelligen Millionenbetrag, abhängig von Länge und Intensität. "Bei durchgängigen Streiks von mehr als drei Tagen sind in der Industrie Produktionsunterbrechungen zu erwarten", schreibt das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW). "Die Schäden können dann schnell auf mehr als 100 Millionen Euro pro Tag steigen."

Video-Aufruf: Sie stehen am Bahnsteig oder stecken im Verkehrschaos? Dann schicken Sie uns einen Zehn-Sekunden-Clip mit Ihrem Kommentar an: bahnstreik@spiegel.de

SPIEGEL ONLINE

abl/dpa/Reuters

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 435 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Zu Recht
vantronje 06.11.2014
Richtig so. Was die GDL veranstaltet, hat nichts mehr mit gewerkschaftlichen Kampf zu tun, sondern nur noch mit Abzocke und Böswilligkeit.
2.
slmn 06.11.2014
Die legendäre Geldgier der Bahn.
3.
Postscriptum_B 06.11.2014
Die Menschen haben ihre letzten Rechte in diesem Lande verloren. Die parasitäre deutsche Regierung träumt davon, dass die Bürger ihre miserablen 1000 Euro verdienen und schweigen, während sie selber zige Tausenden fürs Nichtstun (und ihre Herren aus Banken und Konzernen Millionen) kassieren. Es kommt Zeit, und alle ehrlichen Bürger gehen auf die Strasse. Abwarten!
4. Ausbeuterbetrieb
jgb 06.11.2014
Statt Ihre Mitarbeiter anständig zu bezahlen, geht sie jursitisch gegen sie vor. Ich fuhr bis jetzt sehr gerne mit der Bahn. Aber diesen Ausbeuterbetrieb werde ich jetzt meiden, genauso wie ich Geschäfte meide die Zeitarbeitsfirmen beschäftigen.
5. Endlich,
heinrich4449 06.11.2014
Das wurde aber auch höchste Zeit, dass man sich gegen diesen Egomanen wehrt. Die Massenhaft der Bahnkundschaft sowie der Schaden für die Wirtschaft sind durch die Interessen einer radikalen Minderheit nicht zu rechtfertigen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Tweets zu #Uglygirlsclub