Bahn-Unfall Staatsanwalt bezweifelt Notbremsung als Grund fürs Entgleisen

Der ICE 518 wäre in Köln auch ohne Notbremsung entgleist. Das ist nach Informationen des SPIEGEL der Stand der Ermittlungen. Demnach ragten schon vor dem Unfall Metallteile aus der defekten Achse. Bahnreisende müssen sich am Wochenende auf massive Verspätungen einstellen.


Hamburg - Die Entgleisung des ICE 518 am Mittwoch im Kölner Hauptbahnhof hängt nach derzeitigem Stand der Ermittlungen offenbar nicht mit der kurz zuvor erfolgten Notbremsung des Zugs zusammen. "Das war nicht die Ursache der Entgleisung", sagte der Kölner Oberstaatsanwalt Günther Feld dem SPIEGEL.

Warten auf den nächsten Zug (in Köln): Bahn überprüft 61 ICE-3-Züge
AP

Warten auf den nächsten Zug (in Köln): Bahn überprüft 61 ICE-3-Züge

Die Deutsche Bahn AG hatte zuvor erklärt, das Fahrpersonal habe den Zug mit einer Notbremsung gestoppt, um eine drohende Gefahr abzuwenden. Tatsächlich hatten sich Zugreisende nach ersten Vernehmungsergebnissen der Staatsanwaltschaft offenbar bereits kurz hinter Frankfurt beim Zugpersonal über verdächtige Geräusche beschwert - eine Fahrstunde von Köln entfernt. Ein Fahrgast soll sich sogar noch beim Aussteigen in Siegburg, also gut 15 Fahrminuten vor Köln, beim Zugpersonal gemeldet haben.

Die Notbremse im Zug des Typs ICE 3 wurde nach Erkenntnissen der Ermittler gezogen, weil im Kölner Hauptbahnhof bereits Metallteile der kaputten Achse herausstanden und über Gleise und deren Verschraubungen schleiften. Experten der Technischen Hochschule Aachen wurden von der Justiz mit der Untersuchung der gebrochenen Achse beauftragt.

Die Bahn will sich wegen des laufenden Verfahrens derzeit nicht zu Einzelheiten äußern, versichert aber, den Vorfall zügig und rückhaltlos aufklären zu wollen. Der Zugtyp ist das Flaggschiff der Bahnflotte und fährt bis zu 300 Stundenkilometer schnell, beispielsweise auf der Strecke zwischen dem Frankfurter Flughafen und Köln.

Bahnreisende müssen sich auch am Wochenende wegen der Inspektion der ICE-3-Züge auf starke Behinderungen im Schienenverkehr einstellen. Durch den Einsatz von Ersatzzügen würden nur rund 60 Prozent der Fahrten mit dem ICE 3 bedient, sagte eine Bahnsprecherin. Erst am Montag soll sich der Verkehr weitgehend normalisieren. Stark betroffen ist der Verkehr aus dem Ruhrgebiet über Köln und Frankfurt nach München beziehungsweise Stuttgart sowie die ICE-Verbindung von Frankfurt nach Paris. Bereits am Freitag hatte es massive Behinderungen im Reiseverkehr gegeben, insbesondere im süddeutschen Raum.

Von Verspätungen und ausgefallenen Verbindungen betroffene Passagiere könnten ihre Fahrkarten kostenfrei umtauschen oder sich erstatten lassen, teilte die Bahn mit. Außerdem können Tickets mit Zugbindung für die nächstgelegene Reiseverbindung gültig geschrieben werden. Reisende mit ICE-Fahrkarten, die aufgrund des geänderten Fahrplans lediglich InterCity- oder EuroCity-Züge nutzen können, erhalten den Differenzbetrag erstattet.

Aktuelle Reiseinformationen gibt es im Internet auf der Seite www.bahn.de/aktuell oder bei der Service-Hotline 08000-996633.

Der Fahrgastverband Pro Bahn sieht wegen des Vorfalls keinen Grund zur Panik. Verbandschef Karl-Peter Naumann sprach in der "Bild"-Zeitung in Zusammenhang mit der defekten Radsatzwelle von einem "Einzelfall". Die Wartungsaktion der Bahn für die 61 ICE-3-Züge sei eine reine Vorsichtsmaßnahme. Die Bahn überprüfe ihre Züge regelmäßig und mit großem Aufwand. "Wir haben keine Bedenken, was die technische Seite angeht", sagte Naumann.

Der Unfall hätte in einer Katastrophe enden können, sagte dagegen Markus Hecht, Professor für Schienenfahrzeuge an der Technischen Universität Berlin, dem "Tagesspiegel". "Ein solcher Defekt ist das Gefährlichste, was es gibt." Im schlimmsten Fall hätte die Achse in einer Kurve brechen können, dann wäre der Zug entgleist und womöglich von der Strecke abgekommen. Die Achse des ICE müsse schon länger beschädigt gewesen sein. "Stahl reißt nur langsam - der Schaden muss also schon länger vorhanden gewesen sein", sagte Hecht. Es gebe keine automatischen Systeme bei den ICE-Zügen, um solche Schäden frühzeitig zu erkennen.

kaz/AP/dpa



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Meinungsmarktbeiträger 11.07.2008
1. Erfahrungen mit der Bahn
Zitat von sysopService, Sicherheit, Komfort: bei der Bahn stets Argumente, auf der Schiene zu reisen. Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Bahn?
Über "Service, Sicherheit, Komfort" konnte ich mich nie beklagen. Wenn ich - meist wiederwillig und aus beruflichen Gründen - mit dem ICE unterwegs war, dann fand ich es im nachherein immer wieder sehr angenehm. Bahnfahren ist nach meinem Empfinden allerdings nach wie vor viel zu teuer und deswegen so wenig attraktiv.
der_durden 11.07.2008
2. Nichts gelernt...
Zitat von sysopService, Sicherheit, Komfort: bei der Bahn stets Argumente, auf der Schiene zu reisen. Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Bahn?
Die DB hat nichts gelernt. Der arrogante Abschluss von Eschede ist das Eine, dass die Bahn aber ein weiteres Mal gewillt ist, solche Risiken auf Kosten der Reisenden auf sich zu nehmen verschlägt mir die Sprache...
Rochus 11.07.2008
3. Entgleisung in Köln
Zitat von sysopService, Sicherheit, Komfort: bei der Bahn stets Argumente, auf der Schiene zu reisen. Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Bahn?
Da ist die Bahn mal wieder erwischt worden: Profit geht über Sicherheit. Radreifen werden erneuert, wenn sie den Kunden um die Ohren fliegen, verrottete Bahnschwellen, wenn sie endlich zerbröseln und defekte Lager, wenn's nicht anders mehr geht. Bahnkunden brauchen einen sehr guten Draht zu einem leistungsfähigen Schutzengel. Jeder anderer Spediteur hätte schön längst seine Lizenz verloren. Rochus
derweise 11.07.2008
4. Würzburg, Köln
Vor Würzburg entgleiste der Hochgeschwindigkeitszug (!) ICE, weil einige Schafe auf dem Gleis waren. Das hätte schon stutzig machen müssen bezüglich der Erfüllung von sicherheitstechnischen Anforderungen. Nun ist wieder eine Engleisung: wegen Materialproblemen. Hier scheint die Routineüberprüfung nicht ausreichend. Gab es bei der Konstruktion des ICE überhaupt ein Sicherheitskonzept? Gibt es eine laufende Überwachung von Materialverschleiß usw.? Der ICE stellt eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit dar!
fraunicole 11.07.2008
5.
Zitat von der_durdenDie DB hat nichts gelernt. Der arrogante Abschluss von Eschede ist das Eine, dass die Bahn aber ein weiteres Mal gewillt ist, solche Risiken auf Kosten der Reisenden auf sich zu nehmen verschlägt mir die Sprache...
Mit der Privatisierung wird das Risiko noch größer werden. Profit ist Profit. Sicherheit kostet...
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