Streik bei der Bahn "Das ist eine Gemeinheit!"

Die Lokführer streiken - und Zweidrittel der Fernzüge stehen still. Schon Stunden vor Beginn des Ausstandes warteten viele Passagier vergeblich auf Züge. Der Andrang bei Taxis und Fernbussen ist dementsprechend groß.

DPA

Berlin - Wer noch rasch bei der Bahn nach einem Zug für Mittwochvormittag suchte, musste vielfach feststellen, dass auch eine frühere Verbindung kein Ausweg war. Bereits kurz nach Mitternacht fielen Züge aus, weil der Konzern mit einem abgespeckten Ersatzfahrplan auf den für 14 Uhr angekündigten Lokführerstreik reagierte.

Immerhin konnte nach Bahnangaben jeder dritte ICE, Intercity oder Eurocity fahren. Im Regionalverkehr gab es teilweise jedoch größere Probleme. Wie ein Sprecher sagte, gab es starke Beeinträchtigungen in Sachsen und Sachsen-Anhalt. Teilweise sei der Verkehr dort komplett zum Erliegen gekommen. "Punktuelle Ausfälle" gab es demnach in Bayern und Hamburg, auch Fahrgäste an Rhein und Ruhr hätten mit Einschränkungen zu kämpfen.

Statt auf fahrende Züge zu hoffen, setzten viele Fahrgäste auf Busse oder Taxis. Wer nicht mit anderen Verkehrsmitteln ans Ziel kam, musste Gelassenheit mitbringen. Das gelang nicht allen, im Gegenteil. "Ich finde es eine Unverschämtheit", schimpfte Ingelore Pochert in Hannover. "Wir haben überhaupt keine Möglichkeit, etwas dagegen zu tun, obwohl wir ja dafür bezahlen", sagte die 57-Jährige, die sich gemeinsam mit ihrer Tochter Anna auf einen Kurztrip nach Berlin gefreut hatte.

"Das ist eine Gemeinheit!", sagte ein älterer Mann in Osnabrück, der seinen Namen nicht nennen will. "Ich habe mir als Landwirt 40, 50 Jahre lang das Schwarze unter den Fingernägeln erarbeiten müssen." Der Streik werde auf dem Rücken der Bürger ausgetragen.

Lokführer: "Wir wollen niemanden stören"

Viele Reisende fühlten sich von dem Ersatzfahrplan der Bahn überrumpelt. In Erfurt strandete eine Frau, weil am Vormittag kein Fernzug mehr ging. Sie habe kein Verständnis für den Streik: "Ich arbeite in der häuslichen Pflege. Wenn ich einfach streike, bleiben meine Patienten den ganzen Tag ohne Betreuung im Bett liegen", sagte sie.

Eine Herausforderung war der Tag für Reisende mit kleinen Kindern. "Für uns ist heute schon der zweite Zug ausgefallen, deswegen müssen wir nun anderthalb Stunden warten", sagte eine verärgerte 38-Jährige, die mit ihren drei kleinen Kindern am Hauptbahnhof in Hannover gestrandet war.

Die Mitarbeiter am Informationsstand des Hauptbahnhofs waren oft selbst ratlos. Welche Züge noch fahren werden - das konnte sich jede Minute wieder ändern. "Wir können keine verlässlichen Angaben machen", sagt ein Mitarbeiter. Er sollte diesen Satz an diesem Tag noch oft wiederholen.

In Hamburg warben Mitglieder des Lokführergewerkschaft GdL am Mittag bei einer Kundgebung um Verständnis. "Wir wollen doch niemanden stören", sagte einer von ihnen. Das sahen einige Fahrgäste anders: "Eine kleine Gruppe von Egoisten legt ganz Deutschland lahm", rief ein Demonstrant verärgert.

Erfreute Taxifahrer, Andrang bei Fernbussen

Viele Reisende mieden die Bahngleise gleich und wichen auf Fernbusse und Taxen aus. Wer in München auf einen Mietwagen umsteigen wollte, hatte schlechte Karten. "Ohne Reservierung geht bei uns gar nichts mehr", sagte ein Mitarbeiter der Sixt-Filiale am Hauptbahnhof. Auch bei Hertz waren die Mietwagen knapp. "Ich weiß selbst nicht, wie ich heute Abend nach Hause kommen soll", sagte ein Mitarbeiter.

"Wir sind nicht traurig, dass gestreikt wird", meinte ein Taxifahrer am Hauptbahnhof Hannover. Sein Kollege erzählt von Taxifahrern, die bei dem Lokführerstreik vergangene Woche von Hannover nach Stuttgart, Berlin und sogar Paris fuhren. "Eine solche Fernfahrt und man hat die Einnahmen von einer Woche."

Freude herrschte auch bei Fernbus-Anbietern: "Seit Dienstag verzeichnen wir zeitweise eine Verdopplung der Buchungseingänge", sagte MeinFernbus-Geschäftsführer Torben Greve und kündigte an, zusätzliche Busse einsetzen zu wollen. Auf Twitter wurde die Entwicklung so kommentiert: "@DB_Bahn dank dem Streik teste ich mal Fernbusse jetzt. So können die Lokführer ihre Jobs auch vernichten. #Streik #deutschebahn".

Was Sie wissen müssen, um während des Streiks doch zum Ziel zu gelangen, lesen Sie in unserem Serviceartikel.

Alles zum Bahnstreik am 15. Oktober

Sarah Lena Grahn/dpa/abl

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 93 Beiträge
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Seite 1
k.hauser.15 15.10.2014
1. Dieser Streik ist leider bitter notwendig...
...und außerdem noch viel zu moderat. Es muss endlich SCHLUSS sein mit überbordenden Managergehältern und für die, die letztlich die Leistungen erbringen mit denen die Konzerne ihre Gewinne erwirtschaften, bleiben Löhne in einer Größenordnung für die schon jemand aus der mittleren Führungsebene nicht mal mehr ans Telefon gehen würde!. Das kann, das darf so nicht bleiben, deshalb STREIK bis die 15% mehr Lohn durchgesetzt sind, denn das ist das mindeste! Und wer jetzt meint sagen zu müssen, dass man doch auch an den Konzern denken muss, der soll sich mal die Augen reiben und dann mal in unserem Grundgesetz die Artikel 14 und 15 lesen! Beste Grüße, Euer Kaspar
piperisch 15.10.2014
2. Wann wird endlich ein Schlichter eingesetzt?
Da bewegt sich doch keiner einen Millimeter, sowohl Bahn als sich GDL sind die Kunden egal.
SemperFildeles 15.10.2014
3.
Auch wenn ich den Ärger der betroffenen Reisenden verstehen kann. Wann solllten die Bahner denn sonst streiken? Wenn es keinen trifft, oder nur solange es mich nicht trifft (alle anderen sind ja egal)? Streiken ist ein Grundrecht, auch wenn die Auswirkungen manchmal ärgerlich sind.
magenbitter 15.10.2014
4.
Zitat von SemperFildelesAuch wenn ich den Ärger der betroffenen Reisenden verstehen kann. Wann solllten die Bahner denn sonst streiken? Wenn es keinen trifft, oder nur solange es mich nicht trifft (alle anderen sind ja egal)? Streiken ist ein Grundrecht, auch wenn die Auswirkungen manchmal ärgerlich sind.
Das Problem ist doch folgendes: ständig wird einem eingebläut, wie schädlich doch das Auto ist, und man doch gefälligst auf öffentliche Verkehrsmittel ausweichen soll. Wie soll man bei solchen Zuständen aufs Auto komplett verzichten? Völlig undenkbar! Also solange man als ÖPNV-Benutzer jederzeit bei einem Streik dumm aus der Wäsche schauen kann, möge man die Leute doch bitte mit den Umerziehungsversuchen weg vom Auto verschonen, so ein ÖPNV ist, zumindest für mich, weitestgehend nutzlos - Streikrecht hin oder her. Ich lasse mich ungern als Druckmittel in Auseinandersetzungen zwischen zwei Parteien benutzen, denen ich nicht angehöre. Konsequenz für mich: Bahn und andere öffentliche Verkehrsmittel meiden, wo es nur irgendwie geht.
marietta292 15.10.2014
5.
Zitat von k.hauser.15...und außerdem noch viel zu moderat. Es muss endlich SCHLUSS sein mit überbordenden Managergehältern und für die, die letztlich die Leistungen erbringen mit denen die Konzerne ihre Gewinne erwirtschaften, bleiben Löhne in einer Größenordnung für die schon jemand aus der mittleren Führungsebene nicht mal mehr ans Telefon gehen würde!. Das kann, das darf so nicht bleiben, deshalb STREIK bis die 15% mehr Lohn durchgesetzt sind, denn das ist das mindeste! Und wer jetzt meint sagen zu müssen, dass man doch auch an den Konzern denken muss, der soll sich mal die Augen reiben und dann mal in unserem Grundgesetz die Artikel 14 und 15 lesen! Beste Grüße, Euer Kaspar
Ach was - streiken die Lokführer für die Reduktion von Manager-Gehältern? Ich dachte die es ginge eigentlich darum, außer den Lokführern auch noch die Zugführer etc. mit zu vertreten? Mensch, sieh mal einer an. Die GDL ist die Sperrspitze im Kampf für soziale Gerechtigkeit. Ob Herr Weselsky wohl für das Gehalt eines Lokführers ans Telefon gehen würde? Also, wenn ich so ein Klassenkampf-Gesülze höre, geht mir die Hutschnur hoch! Ich bin treue Bahnkundin, habe seit 10 Jahren eine BC 50 First, zwischendurch sogar 2 Jahre lang BC 100 - jetzt ist Schluss. Meine schon gebuchten Tickets für eine Bahnfahrt nächsten Sonntag hin und Dienstag zurück sind storniert, ich fahre Auto, das streikt nämlich nicht. Und nächsten Monat mach ich die dreitägige Dienstreise ebenfalls mit dem Auto - aber nur, weil ich an den Zielort Kempten schlecht mit dem Fernbus hinkomme. Ich fahre erst wieder Bahn, wenn die Regierung per Gesetz diesen wild gewordenen Mikro-Gewerkschaften mit ihren größenwahnsinnigen machtgierigen Vorgesetzten das Handwerk legt. Macht nur weiter so, Lokführer. Ihr werdet Euch auf die eine oder andere Weise selbst überflüssig machen. Und glaubt mir: die Bevölkerung ist auf EUCH und die GDL sauer - nicht auf die Bahn...
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