Vier Tage Ausstand Lokführer beginnen Streik im Personenverkehr

Seit 2 Uhr haben die Lokführer der Regional- und Fernzüge ihre Arbeit niedergelegt, auch Güterzüge stehen still. Die Logistikbranche schlägt Alarm: Raffinerien könnten Probleme bekommen, Tankstellen zu beliefern.


Berlin - Aller Hoffnung auf eine Lösung in letzter Minute zum Trotz: Um 2 Uhr in der Nacht zu Donnerstag haben die Lokführer ihren Streik auf den Personenverkehr ausgeweitet. Bis Montag um 4 Uhr wird der Ausstand zum Ausfall Tausender Züge führen - es ist der bislang längste Streik seit Bestehen der Deutschen Bahn.

Betroffen sind der Fern- und Regionalverkehr, S-Bahnen und, schon seit Mittwochnachmittag, auch der Güterverkehr. Die Bahn reagierte mit Ersatzfahrplänen, um die wichtigsten Verbindungen aufrechtzuerhalten. Jeweils 24 Stunden im Voraus soll ein Notfallfahrplan veröffentlicht werden, der alle fahrenden Züge auflistet.

Der Streik fällt zusammen mit den Feiern zum 25. Jahrestag des Mauerfalls, zu denen in Berlin Hunderttausende Besucher erwartet werden, und mit dem Ferienende in Bremen und Niedersachsen. Befürchtet werden zudem Lieferengpässe in Unternehmen - und bei der Kraftstoffversorgung.

Produktionsausfälle in Auto-, Stahl- und Chemiebranche

Gunnar Gburek vom Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) sagte dem Sender MDR Info, bei der Kraftstoffversorgung werde es "auf jeden Fall Engpässe geben, zumal ja auch das Aufkommen im Individualverkehr erhöht sein wird". Raffinerien hätten Probleme, die Tankstellen zu beliefern, "spätestens Sonntag oder Montag" werde es zu Engpässen kommen.

Besonders hart werde der Ausstand die Auto-, Stahl- und Chemiebranche treffen, so Gburek. Es werde "auf jeden Fall Produktionsausfälle" geben.

Claus Weselsky, Chef der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), gab sich zum Streikauftakt kampfbereit. "Wir werden zu keinem Zeitpunkt unsere Grundrechte an der Garderobe abgeben, um dem Arbeitgeber Deutsche Bahn einen Gefallen zu tun", sagte er. Es ist bereits die sechste Streikaktion im laufenden Tarifkonflikt.

"Davon werden sicherlich Millionen Reisende betroffen sein", sagte Bahn-Personenverkehrsvorstand Ulrich Homburg. Er geht davon aus, dass im Fernverkehr ein Drittel der Züge nach Plan fahren kann. Im Regionalverkehr in Westdeutschland sollen es 40 bis 60 Prozent sein, im Osten Deutschlands aber nur 20 Prozent. Dort ist die GDL am besten organisiert.

Ansturm auf Fernbusse

Erneut setzen viele Reisende auf Fernbusse und Mitfahrzentralen. Die Anbieter verzeichnen Rekordanfragen - die Preise stiegen. Wer zunächst kein Ticket mehr für eine bestimmte Strecke bekommen hat, braucht etwas Geduld. "Interessenten sollten immer wieder im Internet nachschauen, weil weitere Kapazitäten aktualisiert werden", sagte der Sprecher des Bundesverbandes Deutscher Omnibusunternehmen in Berlin.

Die Bahn hatte vergeblich versucht, die Arbeitnehmerseite zu einer Schlichtung in dem festgefahrenen Tarifkonflikt zu bewegen. Sie kritisierte den Streik als maßlos, respektlos und verantwortungslos. Auch Mahnungen der Bundesregierung änderten nichts.

Noch am Mittwoch hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu Lösungen aufgerufen, "die auch für uns als Land einen möglichst geringen Schaden haben". Streiks müssten verhältnismäßig sein.

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Überblick: Der Tarifkonflikt bei der Bahn
Was will die GDL?
Die GDL fordert fünf Prozent mehr Lohn bei kürzeren Arbeitszeiten. Zusammengerechnet ergibt sich eine Steigerung von 15 Prozent. Weselsky will zudem künftig nicht nur Tarife für die rund 19.000 Lokführer aushandeln, sondern auch für die Zugbegleiter und Rangierführer unter den GDL-Mitgliedern. Bislang wurden diese von der Eisenbahn und Verkehrsgewerkschaft (EVG) vertreten.
Was bietet die Bahn?
Die Bahn bietet eine dreistufige Einkommenserhöhung um fünf Prozent, verteilt auf 30 Monate. Dazu eine Einmalzahlung von rund 325 Euro. Konkurrierende Tarifverträge innerhalb einer Berufsgruppe will der Konzern aber in jedem Fall vermeiden. Die Bahn hatte angeboten, bei Tarifgesprächen künftig parallel mit GDL und EVG zu verhandeln. Sollte dann nur eine Gewerkschaft einem Kompromiss zustimmen, soll dieser auch nur für ihre Mitglieder gelten. Die andere Gewerkschaft soll nach Willen der Bahn dann aber nicht mehr streiken dürfen.
Was kosten Bahnstreiks die Wirtschaft?
Streiks bei der Deutschen Bahn kosten die Wirtschaft nach Prognose von Forschern schnell einen dreistelligen Millionenbetrag, abhängig von Länge und Intensität. "Bei durchgängigen Streiks von mehr als drei Tagen sind in der Industrie Produktionsunterbrechungen zu erwarten", schreibt das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW). "Die Schäden können dann schnell auf mehr als 100 Millionen Euro pro Tag steigen."

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abl/dpa



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insgesamt 96 Beiträge
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Seite 1
gubben 06.11.2014
1. Es muss weh tun!
Wenn es nicht weh tut kümmert es niemanden. Richtig so! Wie soll man sonst den kapitalistischen Hochnasen - die das 5fache eines Arbeiters verdienen - zeigen das jetzt mal andere dran sind. Viel Erfolg und Gruss aus Schweden
swpi 06.11.2014
2. ich ziehe meinen Hut
vor dem streikenden und der Gewerkschaft die sich nicht von unseren lobbygeilen Politiker und den gewinnorientierten konzernbossen einschüchtern lassen. geht auf die strasse und zeigt euren Unmut. diesmal kann man die streikenden wenigstens nicht als rechte verunglimpfen. es wird Zeit für eine neue Revolution. Bürger steht auf um gegen die Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft und die massenhafte Propaganda der Presse zu wehren.
rkinfo 06.11.2014
3. Grundgesetz für GDL ?
Gewerkschaft der Lokführer steht im Namen also verhandeln die auch 'nur' für Lokführer ! Es ist nur für Juristen eine theoretische Frage ob auch andere Tätigkeiten nun Tarifvertrag - Recht ergibt. Und was ist mit GDL - Mitgliedern in Mutterschaft oder Rente ? Absurde Ideen bei GDL ...
hatschon 06.11.2014
4. Liebe Frau Merkel
seit wann sprechen Sie von Verhältnismäßigkeit wo sie so nett zu den Banken sind ?
Login 06.11.2014
5. Lokführer beginnen Streik im Personenverkehr
"Lokführer beginnen Streik im Personenverkehr"...und das ist gut so. Kollegen, lasst Euch nicht von der gesteuerten und medial willig aufgeblasenen Dreckskampangne gegen Eure Rechte entmutigen. Die, die sich jetzt aufregen, dass in Deutschland mal RICHTIG gestreikt wird, werden am Ende feststellen, dass sie es für ihren beruflichen Lebensweg besser auch getan hätten. Weiter so und viel Glück!
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