Baltikum Nordöstliche Schönheiten

Die EU-Beitrittsländer Estland, Lettland und Litauen werden als Reiseziele immer beliebter. Auf einer Reise durch das Baltikum lässt sich die jahrhundertealte Verbindung der Ostsee-Anrainer mit Deutschland neu entdecken.


Die lettische Hauptstadt Riga: Enge Verbindung mit der Hansestadt Bremen
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Die lettische Hauptstadt Riga: Enge Verbindung mit der Hansestadt Bremen

Riga/Vilnius - Gisela Heinrich ist überrascht. "Das sind doch die Bremer Stadtmusikanten!", ruft sie und bleibt mit ihrer Reisegruppe vor einer mannshohen Bronzeskulptur stehen. In der lettischen Hauptstadt Riga gibt es so manche Parallele zur Hansestadt Bremen zu bestaunen. Neben den Stadtmusikanten hat Riga auch eine Petrikirche aus rotem Backstein, der steinerne Roland auf dem Rathausplatz und der Schlüssel im Wappen erinnern an die sehr weit zurückreichende Verbindung der beiden nordischen Städte, die durch eine Städtepartnerschaft seit 1985 wieder enger verbunden sind. Wie in Riga können deutsche Urlauber aber auch in anderen Städten der baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen, die am 1. Mai der Europäischen Union beitreten, immer wieder deutschen Spuren begegnen.

In Riga hat die Verbindung nach Deutschland eine gut 800-jährige Geschichte. 1201 wurde die Stadt vom Bremer Bischof Albert von Buxhoeveden gegründet. Nach Besuchen in Dänemark und verschiedenen norddeutschen Regionen segelte er mit 23 Schiffen im Sommer 1200 der livländischen Küste entgegen. Den Angriffen der dortigen Einwohner begegnete er mit Gewalt und List. Beraten durch die Kaufleute eignete er sich den Grund und Boden für den Bau einer Stadt an: Riga. In der Folge entwickelte sich Riga zum wichtigen Zentrum für den Handel zwischen Russland und Westeuropa.

Litauische Trachtengruppe: Die alten Traditionen werden gerne präsentiert
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Litauische Trachtengruppe: Die alten Traditionen werden gerne präsentiert

Die zugewanderten deutschen Kaufleute und Handwerker bestimmten Jahrhunderte lang die Stadtpolitik. Die stummen Zeugen des einstigen Einflusses sind heute noch überall sichtbar. Die hansische Geschichte schaffte Verbindungen die noch über Jahrhunderte hinweg hielten, auch als die große Zeit der Hanse längst vorbei war. "Dass wir eine deutsche Vergangenheit haben, wissen die meisten Urlauber. Aber bei den einzelnen Sehenswürdigkeiten muss ich dennoch viel erklären", sagt die Reiseleiterin Ingune Bumane.

Ganz ähnlich ist es in Estlands Hauptstadt Tallinn. Auch dort zählen das Schwarzhäupterhaus und die Große Gilde aus dem Jahr 1410 zu den historischen Schätzen der Altstadt. Einer der mächtigen Türme der in Tallinn komplett erhaltenen Stadtmauer trägt bis heute den plattdeutschen Namen "Kiek in de Kök". Von seiner Spitze aus konnten die Wachen in die umliegenden Küchen spähen, heißt es. Heute ist in dem dickleibigen Turm ein Museum zur Stadtgeschichte unterbracht.

Zweistellige Zuwachsraten

Tallinn: Auf dem Domberg residierten einst die Ritter des Deutschen Ordens
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Tallinn: Auf dem Domberg residierten einst die Ritter des Deutschen Ordens

Tallin war früher in Ober- und Unterstadt aufgeteilt, die das ständische Leben des Mittelalters repräsentierte. Lebten unten Händler und Handwerker, so residierten auf dem Domberg die Ritter des Deutschen Ordens, die Anfang des 13. Jahrhunderts Nordestland erobert hatten. Auch die Provinzen Kurland und Livland westlich und nördlich von Riga waren einst Gutsherrenland. Die vielfältigen deutschen Spuren im Baltikum sind ein Grund für den stetig steigenden Besucherstrom aus Deutschland. "Die Leute haben durch den bevor stehenden EU-Beitritt ihre Skepsis vor diesen ehemaligen Ländern der Sowjetunion verloren", sagt Ulla Sperling von der Baltikum Tourismus Zentrale in Berlin. "Wir haben in den letzten Jahren zweistellige Zuwachsraten. Das wird sich auf jeden Fall fortsetzen." 2002 wurden in Estland, Lettland und Litauen mehr als 300 000 deutsche Touristen gezählt. Viele besuchten alle drei Länder.

Die Kurische Nehrung in Litauen: Vielbesungene Schönheit der Dünenlandschaft
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Die Kurische Nehrung in Litauen: Vielbesungene Schönheit der Dünenlandschaft

"Hauptziele sind die Hauptstädte Tallinn, Riga und Vilnius. Im Sommer haben wir besonders viele Kunden, die an die Kurische Nehrung fahren wollen", sagt Sandy Handt vom Baltikum-Anbieter Schnieder Reisen in Hamburg. Die Kurische Nehrung war einst der nordöstlichste Vorposten Preußens und später des Deutschen Reiches. Die weitläufige Schönheit der Nehrung hat es in der Vergangenheit deutschen Dichtern, Malern und Musikern angetan. Darunter auch Thomas Mann. "Wir verbrachten einige Tage in dem Fischerdorf Nidden (Nida) und waren so erfüllt von der unbeschreiblichen Eigenartigkeit und Schönheit dieser Landschaft, dass wir beschlossen, in dieser fernen Gegend ein Sommerhaus errichten zu lassen", schrieb der Literatur-Nobelpreisträger 1931. Drei Sommer verbrachte Thomas Mann hier, bevor ihn die Nationalsozialisten aus Deutschland vertrieben.

Information

Informationen:
Baltikum Tourismus Zentrale, Katharinenstraße 19, 10711 Berlin (Tel.: 030/89 00 90 91, Fax: 030/89 00 90 92)
Internet:
www.baltikuminfo.de
www.visitestonia.com
www.latviatourism.lv

Mit dem Nationalsozialismus und den Zerstörungen des zweiten Weltkrieges endet die deutsche Geschichte im Baltikum blutig. Trotz der belasteten Vergangenheit ist die kurische Nehrung heute wieder "fest in deutscher Hand" - und ganz auf deutsche Touristen eingestellt. Die Menüs der vielen kleinen Lokale sind zweisprachig, deutsche Schilder wie "Fahrräder zu mieten" gehören zum Straßenbild.

Von Jakob Lemke, gms



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