Bayern Rätien soll leben!

Bayern gehörte einst zu einer wohlhabenden und sicheren römischen Provinz mit Namen Rätien. Doch dann drohte Gefahr: Marodeure aus dem Norden überrannten das Voralpenland. So könnte der Bericht eines Legaten an Kaiser Claudius II. gelautet haben. Von Klaus-Peter Lieckfeld


Das blieb: Die "Via Claudia Augusta" von Venedig an die Donau (Hier im österreichischen Lemoos)
DDP

Das blieb: Die "Via Claudia Augusta" von Venedig an die Donau (Hier im österreichischen Lemoos)

Heil Dir, o göttlicher Claudius, Triumphator von Naissus, Bezwinger der Goten und Heruler! Leicht wird es mir nicht, Dir, göttlicher Lenker unserer Geschicke, Bericht über die Zustände in Raetien zu liefern. Wie gern berichtete ich von den wohl geordneten Kontoren in Augusta, in denen Handelsherrn aus Lugdunum (Lyon) und Belgica ihre Geschäfte betreiben, und deren Villae rusticae im Vorland der civitas Augusta die Stätten festlichen Wohllebens sind. Ach, sagte ich "sind"? Sie waren es. Denn, den Göttern sei es geklagt, die Zeiten schlagen deinen Untertanen blutige Schrammen!

Wie gern würde ich, wie andere zuvor an meiner Stelle, von der Ausbreitung von Schrift, lateinischer Sprache und Gesinnung in der Provinz Raetien berichten. Doch mit den wüsten Heeren aus Norden, deren sich unsere Truppen nur mühsam noch erwehren können, kehren die rauen, barbarischen Zungen zurück, die weder für Lied noch für Handel und Gerichtsbarkeit tauglich sind.

In Augusta (Augsburg) wurde die westliche Stadtmauer in einer einzigen Nacht von Marodeuren niedergerissen, Juthungen und Alamannen, wie mir Cornelius Publius, Stadthalter von Augusta, versicherte. Unter den stürzenden Mauern wurde ein erheblicher Teil der Auxiliartruppen begraben, die zur Verteidigung eingesetzt wurden. Lautes Wehklagen erfüllte die Plätze und den Haupttempel am Heiligtum des Jupiter.

Und dennoch! Anderer Städte künftiges Unglück war Augustas Glück: Die Marodeure zeigten sich nämlich entschlossen, gen Süden weiterzuziehen. So sehr in Eile schienen sie, dass sie sogar auf Plünderung verzichteten. Und ihr Anführer, ein fürchterlicher Barbar, der anstelle der Nase nur eine häßliche rote Narbe mit zwei Löchern trägt, ließ sich gegen zwei Kampfhelme, gefüllt mit Goldmünzen, von Brandschatzung abhalten.

Die noch immer vorzüglichen Wege Raetiens, vor allem die viae publicae, aber auch die viae privatae und schließlich die viae agrariae - vor gut eines Menschen Lebenszeit noch Adern in Rätiens wohl genährten Leib - all diese Wege erweisen sich jetzt als Einfallstraßen. Die Verringerung unserer Reiterei erscheint mir, angesichts der meist gut berittenen räuberischen Barbaren, eine unpassende Maßnahme zu sein, deren Korrektur ich bescheiden, aber nachdrücklich empfehle.

Den Marodeuren zu wehren, fehlt es allenthalben an Schutztruppen. Ich benenne in diesem Zusammenhang nur das dringlichste Problem: Schon seit langem wird der Zerfall der Kastelle am großen Donaufluss beklagt, ein Übelstand, der den Barbaren ihr freches Vordringen leicht werden lässt.

Die viel gelobte große Straße von Augusta ans Süße Meer (Bodensee) nach Brigantium (Bregenz) ist über weite Strecken von allen Schutztruppen entblößt. Auch ist mir bekannt, dass sich römische Bürger, ferner Freie sowie Freigelassene, die weit entfernt von Garnisonen leben müssen, versteckte Fluchtburgen in den Wäldern bauen und ihre Häuser den Marodeuren überlassen, sobald deren Nahen vermeldet wird. Ein rühmenswertes und zugleich armseliges Beispiel für die Versuche, den dieser Tage schmerzlich vermissten Schutz der Pax Romana selbst zu organisieren, begegnete mir bei Murnau, wo die Menschen auf einem moosigen Hügel Torfwälle aufschütteten, in der Hoffnung, durchziehende Marodeure würden es als zu mühsam erachten, durch derlei Dreck hindurchzuwaten.

Klenzes klassisches Meisterstück: Die Glyptothek auf dem Königsplatz in München ist einer der steingewordenen Träume des kunst- und antikbegeisterten Königs Ludwig I.
C. Schmitt

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Überland fahrend gewahrte ich viele offen gelassene villae rusticae, einige schon wieder vom Wald bedrängt. In etliche habe ich vorsichtig den Fuß gesetzt und war entzückt über die Schönheit von Mosaiken und Statuetten, Zeugnisse römischen Kunstsinns und unsterblicher Geistesgröße, von denen dieser Tage nur noch Vögel und wurzelnde Gräser Besitz ergreifen. Den Unsterblichen sei es geklagt!

Und ist denn nicht dies das Land, in dem die Messerförmige Eisensechs erfunden wurde, der rätische Pflug, von dem der große Plinius schrieb, dass sein dolchartiger gladius (Pflugschar) den Boden aufwirft und gleichzeitig das Unkraut schneidet?

Wohl sah ich noch große Roggen-, Emmer- und Zwergweizenfelder. Aber allenthalben fehlt es an Sklaven - auch um die Getreidemühlen zu bedienen. Lein-, Mohn-, Leindotter- und Hanfanbau fand ich noch in beachtlicher Häufung, doch die Preise sind in Verfall begriffen, da den Händlern der Transport in die Städte zu riskant erscheint. In Augusta mussten Soldaten die Kornspeicher schützen, um darbende Bürger davon abzuhalten, sie zu stürmen. Und was hätten sie gefunden? Kaum genug für die nächste Aussaat!

Vor allem in ländlichen Regionen werden Trachten ganz selbstverständlich getragen
A. Riedmiller

Vor allem in ländlichen Regionen werden Trachten ganz selbstverständlich getragen

Mit nur geringer Übertreibung lässt sich sagen, dass im nördlichen Raetien nur Reginum (Regensburg) und zum weitaus geringeren Teil Augusta leidlich sicher erscheinen. Allenfalls noch Cambodunum (Kempten) erfreut sich dank seiner sorgsam instand- gesetzten Befestigung einer gewissen Sicherheit. Nur im Schatten dieser drei Befestigungen mag ich mich in Rätien dieser Tage ruhig dem Schlaf überantworten.

Für genannte und andere Misslichkeiten wurden, wie allseits bekannt, die Brüchigkeit des Raetischen Limes und der Verlust der Gebiete nördlich der Donau als die Hauptursachen benannt. Da jedoch mit erneuter Festigung des Limes nicht allzu bald zu rechnen ist, wird allein die Verstärkung der raetischen Grenzauxilarien ein wenig mehr an Sicherheit schaffen können. Dazu sei mir in aller Bescheidenheit ein eigenständiger Gedanke erlaubt:

Ältere Berichtete vermeldeten stets das Murren ob der Lasten, die Rom seiner Provinz Rätien aufbürdet. Davon ist jetzt nichts zu hören: "Lieber tausend Sesterzen an Rom geben als eine einzige Nacht unter den Beilen und Brandfackeln der Marodeure", sagen die Freien und die Bürger. Daraus ließe sich leicht der Schluss ziehen, dass eine Aufstockung der Schutztruppen durch moderate Erhöhung der Steuern finanzierbar erscheint; ich meine, die allgemeine Not und Unsicherheit gebietet nachgerade eine solche Entscheidung.

Wie stets in Notzeiten ist die Opferbereitschaft groß. Doch da viele Priester ins sichere Gallien abgewandert sind - der Rhein schafft Sicherheit, so hört man die verängstigten Menschen allenthalben sagen - verkommt der Dienst an den Göttern bisweilen erbarmungswürdig. So sah ich jüngst einen Mann, der immerhin vier Jahre für Erhebung und Einsammeln des Brückenzolls in Augusta verantwortlich war, einen guten Mann, der ein wortreiches Latein spricht, der mehr als manch ein gebürtiger Ritter Roms der Schrift mächtig ist und dessen Söhne den römischen Adler in Hispania hoch halten, diesen Mann also sah ich auf seinem Hausaltar einen Widder opfern und dabei das Feuer mit allerlei Unrat nähren, dessen er sich gleichzeitig entledigen wollte. Dies nur als Zeichen dafür, dass die äußere Unsicherheit auch zur Verwirrung des Gemütes führt.

Zu Deinem Ruhme, o göttlicher Claudius, um des Friedens, um des unvergänglichen Roms willen, und für Raetien: Wandel tut Not! Rätien soll leben!


Aus "Merian extra"-Heft "Deutschland", Dezember 2004



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