Berliner Großflughafen Baumängel waren bereits 2010 bekannt

Die Blamage um den Berliner Flughafen wird immer größer: Nach SPIEGEL-Informationen war bereits seit Jahren absehbar, dass der Zeitplan wegen erheblicher Baumängel nicht einzuhalten ist. Die Flughafengesellschaft hat trotzdem bis zuletzt die Augen verschlossen.

Baustelle des Flughafens Berlin-Brandenburg:
dapd

Baustelle des Flughafens Berlin-Brandenburg:


Berlin - Im Zusammenhang mit der verschobenen Eröffnung des Berliner Großflughafens werden immer neue Patzer bekannt: Nach Informationen des SPIEGEL hatte die staatliche Berliner Flughafengesellschaft bereits vor knapp zwei Jahren ernsthafte Hinweise, dass der Eröffnungstermin für den Hauptstadt-Airport im Juni wegen erheblicher Baumängel nicht einzuhalten war.

Ein "enormer Performanceabfall der Bautätigkeit" sowie "qualitative Ausführungsmängel (Brandschutz)" hätten die "Bautätigkeit nahezu zum Erliegen gebracht", schrieb die Gesellschaft im Herbst 2010 an die Planungsgruppe und drohte mit "Schadensersatzansprüchen in Höhe von 500.000 bis 1.000.000 Euro pro Verzugstag".

Auch in den vergangenen Wochen verlief die Planung des Hauptstadtflughafens Berlin Brandenburg laut SPIEGEL chaotisch und unrealistisch: Am 26. April, zwei Wochen bevor der Eröffnungstermin gekippt wurde, hielten die Manager der Flughafengesellschaft laut einem internen Protokollentwurf noch an der geplanten Eröffnung fest, obwohl "die Bauarbeiten derzeit etwa zwei Monate im Rückstand sind". Nach der damaligen Planung wollten sie die Unterlagen für das Genehmigungsverfahren für den Brandschutz erst am 15. Mai einreichen. Für Abnahme, TÜV-Bescheid und Genehmigung kalkulierten die Manager damit gerade mal zwei Wochen.

In Zeltpavillons sollen "hauptsächlich Türkeiverkehre abgewickelt werden"

In dem Protokollentwurf steht außerdem, wer künftig in den "Alternativterminals in Zeltbauweise", die die Check-in-Schalter in der Haupthalle entlasten sollen, abgefertigt werden soll. In den Zelten sollten "hauptsächlich Türkeiverkehre (touristisch wie auch ethnisch) abgewickelt werden". Den Fluggesellschaften Lufthansa, Air Berlin und Easyjet wurde versichert, dass für sie "keine Abfertigung in diesen Terminals" geplant sei.

Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) wirft der Flughafengesellschaft Versagen vor. "Durch das Missmanagement des Flughafens steht die Hauptstadtregion nun blamiert da", sagte Ramsauer dem SPIEGEL. Gemeinsam mit der Luftverkehrswirtschaft, sagte er, "kämpfen wir jetzt mit den Folgen und betreiben Schadensbegrenzung".

Ein neuer Termin für die Eröffnung des Flughafens ist derweil weiterhin nicht in Sicht. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sagte am Samstag bei einem Tag der offenen Tür auf der Flughafenbaustelle in Schönefeld, er hoffe, dass nach der Aufsichtsratssitzung am Mittwoch ein "neuer, belastbarer Termin" bekanntgegeben werden könne. Wowereit entschuldigte sich noch einmal für die Probleme bei der Fertigstellung, die er als "mittlere Katastrophe" bewertete. Der SPD-Politiker ist zugleich Aufsichtsratschef der Flughafengesellschaft. Ursprünglich war die Nennung eines neuen Termins für Anfang nächster Woche angekündigt worden.

Lufthansa kündigt Schadensersatzforderungen an

Personelle Konsequenzen schloss Wowereit nicht aus. Man werde die gemachten Fehler aufarbeiten "und gegebenenfalls müssen auch Konsequenzen gezogen werden." Es werde aber nicht passieren, dass ein Mitarbeiter aus dem "unteren Bereich" für die Chefs geopfert werde.

Flughafen-Chef Rainer Schwarz, der ebenfalls auf der Veranstaltung sprach, drückte sein Bedauern über die Verzögerung aus. Man habe das Flughafen-Fest "unter anderen Vorzeichen geplant".

Wegen Mängeln beim Brandschutz war die für den 3. Juni geplante Eröffnung auf zunächst unbestimmte Zeit verschoben worden. Die Fluggesellschaften rechnen nun nicht mit einer Öffnung vor dem Herbst. Die Lufthansa kündigte bereits Schadensersatzforderungen gegenüber der Flughafengesellschaft an.

"Am Ende wird eine große Rechnung auf die Berliner Flughäfen zukommen", sagte Vorstandsmitglied Carsten Spohr der "Berliner Morgenpost" vom Samstag. Womöglich müssten Beschäftigte von anderen Standorten zeitweise in Berlin aushelfen, um Passagiere umzubuchen und zu betreuen. "Das alles kostet Geld", sagte Spohr. Eine eigene Versicherung habe man nicht für solche Fälle. "Unsere Versicherung heißt in diesem Fall Berliner Flughafen GmbH."

Spohr plädierte für eine Eröffnung des Flughafens frühestens zum Beginn des Winterflugplans, also Anfang November. "Wenn es nach uns geht, kann der Termin auch noch weiter nach hinten gelegt werden", sagte Spohr. Wichtig sei, dass dann bei der Eröffnung alles einwandfrei funktioniere. Spohr warnte vor zu großer Hektik bei der Datumsfindung. "Die Blamage ist ohnehin da."

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anr/AFP/dapd/dpa



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