Von Julia Stanek
Erich Honecker würde sich im Grab umdrehen, wenn er wüsste, dass die Berliner Mauer in Las Vegas zum Pissoir-Halter verkommen ist. Die Urinale im Kasino "Main Street Station" sind fest an eine mit Graffiti besprühte Mauerplatte geschraubt, über ihnen ermuntert ein Schild die Herren zum hemmungslosen Pinkeln am Relikt des Kalten Krieges: "Pee at the Berlin Wall!"
Im Laufe der vergangenen 20 Jahre hat sich in den USA eine beeindruckende Zahl von Originalmauerstücken angesammelt: Mehr als 50 Exemplare der L- oder T-förmigen Elemente aus Beton sind über den nordamerikanischen Kontinent verteilt - auch wenn sich wohl nur ein Herrentoilettenausstatter an ihnen vergriffen haben dürfte. Sie sind in Botschaften, Unternehmenszentralen und Schulen zu finden, in Parks, Privathäusern, Regierungsgebäuden, Museen und Bibliotheken, von Kalifornien bis nach Boston.
Und die Vereinigten Staaten sind nicht das einzige Land, in dem die Berliner Mauer ein beliebtes Importgut geworden ist: 50 Jahre nach ihrem Bau stehen weit über hundert Fragmente in mehr als 40 Ländern der Erde. Wie viele es genau sind, weiß niemand: Kein Mensch, keine Behörde hat jemals Buch geführt über die Wege, die die Mauerstücke zurückgelegt haben.
"Den Deutschen konnte es mit dem Abriss der Mauer gar nicht schnell genug gehen", sagt Anna Kaminsky, Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. "Die Grenzrelikte wurden teilweise zu Schutt zerschreddert - und plötzlich war die Mauer weg."
Heute vermisst die ehemalige DDR-Bürgerin einen echten Erinnerungsort, an einem Originalmauerstück im Zentrum der Stadt. Abgesehen von der Gedenkstätte an der Bernauer Straße seien die Spuren der Teilung hier fast vollständig getilgt worden, sagt Kaminsky, und ein Abschnitt wie die East Side Gallery gehörte zur damaligen Hinterlandmauer, die den Grenzstreifen im Osten markierte und nicht gen Westen zeigte.
Anna Kaminsky hat vor zwei Jahren das Buch "Die Berliner Mauer in der Welt" herausgebracht. Dafür haben sie und ihre Kollegen in jahrelanger Recherchearbeit Orte ausfindig gemacht, an denen die Mauerstücke heute an den Kalten Krieg und das unmenschliche Grenzregime der DDR erinnern.
Die Idee dafür kam ihr bereits um das Jahr 2000. Sie war zu einem Vortrag nach Washington eingeladen und stieß gleich am Eingang des Woodrow-Wilson-Zentrums auf ein Originalteil der Berliner Mauer. Sie fragte sich, ob es weitere Orte gab - und fing an zu suchen.
Die von den Kommunisten als "antifaschistischer Schutzwall" bezeichnete Grenzanlage war wie kein zweites Bauwerk der Welt Symbol für die Teilung zwischen Ost und West. Sie galt 28 Jahre lang als unüberwindbar, stand für Unfreiheit und Gräueltaten - in den Poren des Betons schien der Dritte Weltkrieg zu lauern.
"In Russland ist uns nur ein einziges Stück bekannt", sagt Kaminsky. Es steht im Moskauer Andrej-Sacharow-Zentrum, das dem berühmten Dissidenten und Friedensnobelpreisträger gewidmet ist. Die Geschäftsführerin wundert es nicht, dass es in dem Land so wenige Gedenkstätten gibt. "Die Freiheitstradition ist auf der Verliererseite natürlich nicht die gleiche wie im Westen." Kein anderer Staat habe die Mauer so sehr als Symbolbild für den Kalten Krieg und die Überwindung der kommunistischen Diktaturen verinnerlicht wie die USA - logisch, dass hier die meisten Originalteile stehen.
"Die US-Amerikaner haben sich mit dem Import der Mauerstücke Erinnerungsorte geschaffen, um dem Leid der Unfreien zu gedenken, aber auch um ihren Siegerstatus zu zelebrieren." Selbst ein Amerikaner, der nichts mit Deutschland am Hut habe, denke mit Schrecken an die Mauer zurück, an die Bilder von Menschen, die aus dem Fenster springen; oder an die Szenen aus Wim Wenders Film "Himmel über Berlin", der in minutenlangen Kamerafahrten die ausrasierten Stellen der geteilten Stadt zeigt.
Manche von Kaminskys Fundstücken in aller Welt sind reine Gedenkstätten, die mahnen, welch kostbares Gut die Freiheit ist. An vielen anderen der grauen Betonwände haben sich Künstler ausgetobt: Sprayer und Maler wie der Franzose Thierry Noir, der unter anderem auf einem Element in New York Graffitis hinterließ; das Mauerteil in Moskau ist mit Schmetterlingen verziert und mit einem großen Loch versehen, das an die Grenzöffnung erinnert; im US-Bundesstaat Kansas steht eine Betonskulptur, die zu kippen droht - ein Sinnbild für den Fall der Mauer.
Den überraschendsten Fund machte Kaminsky vor Jahren bei einem Urlaub in Portugal. An der Pilgerstätte Fátima, rund hundert Kilometer nördlich von Lissabon, steht gut geschützt durch eine Glasscheibe ein graues Mauerelement. Kaminsky staunte nicht schlecht, als sie auf der Erklärungstafel las, dass Papst Johannes Paul II. dieses Stück Beton im Jahr 1991 gesegnet hat.
Die Kolosse über die Weltmeere zu transportieren war kein leichtes Unterfangen. 3,60 Meter hoch und rund 2,6 Tonnen schwer sind die einzelnen Mauersegmente - nicht gerade ein Souvenir, das ins Handgepäck passt. Ihre sperrigen Ausmaße, Einfuhrformalitäten, Zollbestimmungen und extrem hohe Transportkosten stellten all jene vor große Herausforderungen, die sich Beton gewordene deutsche Geschichte in den Garten oder vor die Unternehmenszentrale stellen wollten: japanische Geschäftsleute, US-Präsidenten, ein Schulleiter aus Mexiko, Kunstsammler sowie Privatleute, deren persönliche Schicksale mit der Teilung zwischen Ost und West zu tun haben.
"Zerbrochene Mauer" auf dem Mars
Vielleicht ist es das, was Anna Kaminsky so rührt, wenn sie bei einer Reise feststellt, in welch fernen Ländern heute Mauerstücke zu finden sind: Die Betonplatten haben es nicht nur nach Ibiza, Buenos Aires, Kapstadt und in die australische Hauptstadt Canberra geschafft, sondern auch bis nach Hawaii, Usbekistan und in die Südsee. "Der Weg nach Westen aus der DDR heraus war mir bis 1989 versperrt - wie so vielen anderen auch", sagt Kaminsky. Bei ihren Recherchen zur Weltreise der Mauerteile habe sie immer wieder eine große Erleichterung darüber verspürt, dass "diese Geschichte nicht vergessen ist".
Am meisten beeindruckt habe sie, dass selbst auf dem Mars an die Schrecken der SED-Diktatur erinnert wird. Nachdem die Oberfläche des roten Planeten 1997 erstmals mit Hilfe einer Sonde kartografiert worden war, hatte ein internationales Forscherteam die Aufgabe, den markantesten neu entdeckten Gesteinsformationen Namen zu geben. Damals wurde ein Felsbrocken "Broken Wall" (auf Deutsch: "Zerbrochene Mauer") genannt.
Bei einer weiteren Marsexpeditionen acht Jahre später ließen sich Wissenschaftler zu den Namen "Montagsdemo", "Wiedervereinigung" und "Nikolaikirche" hinreißen. "Noch hat zwar niemand ein Originalelement der Mauer auf den Mars geflogen", sagt Anna Kaminsky. "Aber es bewegt mich, dass Weltraumforscher an die deutsche Einheit denken, wenn sie einmal in ihrem Leben die Ehre haben, einen Stein im weiten Universum taufen zu dürfen."
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Reise | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Aktuell | RSS |
| alles zum Thema Mauerbau | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH