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Betrug am Mount Everest: "Es ist ein lebensgefährliches Spiel"

Unbarmherzige Naturgewalten und skrupellose Verbrechen: Am Mount Everest lauern Betrüger und Diebe auf Bergsteiger und ihre Ausrüstung. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt der Outdoor-Experte und Autor Michael Kodas, wie das Dach der Welt zum Gipfel von Verbrechen und Abzocke wurde.

SPIEGEL ONLINE: Herr Kodas, in Ihrem Buch beschreiben Sie ein hohes Maß an Kriminalität auf dem Mount Everest. Wie macht sich das bemerkbar?

Kodas: Wer zum Everest kommt, muss sich auf Diebstahl einstellen. Im Gebirge ist das fatal: Der Verlust der Ausrüstung kann den Tod eines Bergsteigers bedeuten. Wenn einem Alpinisten auch nur eine billige Flasche für seinen Gaskocher geklaut wird, hat er keine Hitze, um Schnee zu schmelzen. Und gerade bei der Höhenkrankheit, die hier oft auftritt, muss man viel trinken.

SPIEGEL ONLINE: Was sind das für Menschen, die Bergsteiger bestehlen?

Kodas: Es gibt unterschiedliche Motive: Touristen, die billige Trips gebucht haben, sehen sich oft zum Klauen gezwungen. Sie haben nicht genug Seile und Sauerstoffflaschen. Jeder Bergsteiger sollte beim Aufstieg mindestens vier bis fünf dabeihaben. Manche Leute stehlen auch, damit sie selbst nicht so viel tragen müssen. Eine weitere Gruppe der Diebe sind die Sherpas, Einheimische, die als Bergführer arbeiten. Ein Sherpa kann mit einer geklauten Sauerstoffflasche bis zu 450 Dollar verdienen. Das ist mehr als das Doppelte von dem, was diese Menschen sonst pro Jahr bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Touren zum Everest sind Big Business. Welche Auswirkungen hat das?

Kodas: Am Berg ist eine richtige Wirtschaftsstruktur entstanden. Der Handel mit Sauerstoffflaschen ist ein eigener Industriezweig. Jedes Jahr kommt Sauerstoff im Wert von weit über einer Million Dollar am Everest an.

SPIEGEL ONLINE: Worauf sollten Bergsteiger achten, die vor Ort Sauerstoff kaufen?

Kodas: Man muss wissen, ob er direkt aus der Fabrik kommt oder selbst abgefüllt ist. Das sagt viel über die Zuverlässigkeit aus. Es gibt dort Menschen wie Henry Todd, einen Briten, der mit Sauerstoff handelt. Er befüllt benutzte Flaschen selbst, und es gab immer wieder Vorwürfe, dass einige nicht funktionieren.

SPIEGEL ONLINE: Was war Ihr erster Eindruck, als Sie zum Mount Everest kamen?

Kodas: Das Erste, was man sieht, wenn man auf der tibetischen Seite ankommt, sind unzählige tibetanische und chinesische Zelte. Lkw bringen Bergsteiger und alle Menschen, die für sie arbeiten ins Camp. In den Zelten bieten Einheimische ihre Dienste an: Übernachtung, Essen, Schnaps oder in einigen Fällen die Gesellschaft einer Dame. Ich wurde von einem Herrn in ein solches Zelt gebeten. Dort saßen mehrere Frauen - es war wie in einem Bordell. Nach meiner Beobachtung sind es vor allem Sherpas und chinesische Soldaten, die die Dienste der Prostituierten in Anspruch nehmen.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch schreiben Sie, dass die Regierungen von China und Tibet zu den Problemen beitragen.

Kodas: Natürlich. Die umliegenden Länder verdienen an den Gipfelpässen, die Bergsteiger kaufen müssen. Es gibt Stimmen, die sagen, dass das chinesische Militär an der organisierten Prostitution im Basislager beteiligt ist. Mir gegenüber hat das niemand zugegeben. Ein Großteil des Bruttoinlandsprodukts in Nepal hängt vom Geld der Touristen ab.

SPIEGEL ONLINE: Wie vertrauenswürdig sind die Unternehmen, die Touren zum Gipfel anbieten?

Kodas: Am Everest arbeiten die besten und die schlechtesten Bergführer der Welt. Es ist ein sehr riskantes Spiel für jeden von ihnen, Kunden auf den Everest zu bringen. Der Service, den sie anbieten, ist für ihre Klienten lebensgefährlich. Jahr für Jahr sinkt das Fitness- und Erfahrungsniveau der Menschen, die auf den Berg wollen. Es gibt auf dem Everest keine bestimmten Anforderungen an die Bergführer. Jeder, der möchte, darf sich dort so nennen. Es gibt Bergführer, die keine Erfahrung darin haben, Menschen sicher wieder nach unten zu bringen, die nie gelernt haben, Lawinen vorauszusagen oder das Wetter zu deuten. Oft beherrschen sie nicht einmal Grundlagen in Erster Hilfe.

SPIEGEL ONLINE: Achten Unternehmen darauf, dass ihre Kunden fit genug sind, um den Aufstieg zu überstehen?

Kodas: Es gibt sogenannte "Gipfel-Boni". Jeder, der daran beteiligt ist, den Kunden auf den Gipfel zu bringen, bekommt tausend Dollar oder mehr. Das ist ein riesiger Anreiz für die Bergführer und die Sherpas. Manche Unternehmen haben strenge Vorgaben. Andere tun alles, um zahlende Kunden auf den Gipfel zu bringen - ganz egal, wie fatal die Konsequenzen sind.

SPIEGEL ONLINE: Was kostet es, einen Bergführer zu beauftragen?

Kodas: Die Preise sind sehr unterschiedlich. Im Jahr 1996 lagen sie bei 65.000 Dollar. David Sharp, ein Brite, der 2006 auf der Nordseite des Everest starb, zahlte nur noch 6400 Dollar. Diese Sparversion der Expedition hat ihn umgebracht. Er hatte zu wenig Sauerstoff, keine Sherpas und während er starb, liefen 40 Menschen an ihm vorbei, die auf dem Weg nach oben waren.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie inspiriert, dieses Buch zu schreiben?

Kodas: Meinen ersten Versuch den Everest zu besteigen, musste ich abbrechen, weil es Differenzen in meinem Team gab. Durch Zufall verschwand am selben Tag auf dem Everest ein Arzt aus den USA, der auch auf dem Weg zum Gipfel war. Seine Tochter reiste aus den Staaten an, um ihn zu suchen. Der Bergführer ihres Vaters hatte sich aus dem Staub gemacht, nachdem er seinen Kunden auf dem Berg verloren hatte. Ich habe die Geschichte und den Hintergrund des Bergführers recherchiert - und nur Betrug und Diebstahl gefunden. Er hatte Urkunden gefälscht, um sich als Bergführer auszugeben und so den Arzt dazu gebracht ihn einzustellen. Für mich war klar: Das ist kein Einzelfall, das ist ein Trend.

SPIEGEL ONLINE: Wie würden Sie die Menschen beschreiben, die den Everest bezwingen wollen?

Kodas: Am Everest sind eine Menge gequälter Egos unterwegs. Inzwischen ist der Berg überlaufen. Im Jahr 1996 stiegen 98 Leute auf den Gipfel. Im letzten Jahr waren es gut 530 Menschen. Der Berg ist die ultimative Trophäe geworden. Er ist ein Prominenter, den unerfahrene Bergsteiger bezwingen wollen, um ihn auf ihrer Liste abzuhaken. Oft haben sie gerade eine schwere Krankheit besiegt, sind erfolgreiche Geschäftsleute, Politiker oder Sportler aus anderen Bereichen. Sie fühlen sich nicht vollkommen, wenn sie den Everest nicht auch noch besiegt haben.


Das Interview führte Anna Starke

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Nord Seite gesperrt
laomu 12.03.2008
Ab sofort und voraussichtlich bis 10. Mai wird die Nordseite des Everest mit dem Base Camp und den umliegenden Kloestern fuer jeglichen Tourismums gesperrt sein. Der Grund liegt im olympischen Fackelumzug, da die Fackel von Nepal aus ueber den Everest nach Tibet getragen wird.
2. Bis hier her.
straff&locker 12.03.2008
Jaja die Chinesen. Jetzt trinken sie nicht nur unsere Milch und fördern unser Öl (Sudan) jetzt machen sie auch noch unsere Berge mit Massentourismus kaputt.
3. Um jeden Preis
Stefan Albrecht, 12.03.2008
Wenn jemand meint, mit Geld auf den Mount Everest steigen zu können obwohl er phyisch eigentlich gar nicht dazu in der Lage ist, nur um sein Ego zu befriedigen und anzugeben fällt es mir schwer ihn zu bemitleiden, wenn er diese Aktion nicht überlebt.
4. leichentreck
sysiphos, 12.03.2008
Es gibt soviele schöne Berge und Gipfel die nicht in der Todeszone liegen das man das Streben nach dem höchsten eigentlich nur als absurd oder als Gipfel der Eitelkeit verstehen kann. Mount Everest der lieblings Berg lebensmüder Narzisten. Grade die guten Bergführer werden wissen wie schnell ein Versuch tödlich enden kann und das es kein Spiel ist.
5. Faszinierend...
kamillentee 12.03.2008
...wie manche Menschen in ihrer egozentrischen Sucht ihr Leben aufs Spiel setzen. Mir würde ein nettes Plätzchen in der Antarktis reichen, um mal "die Natur" zu spüren... Im Öffentlich Rechtlichen TV lief mal eine Doku zu einem "Manager" kurz vorm sterben, der wohl einen Hirntumor hatte. Die Sendung hiess so ähnlich wie "Friedhof meiner Freunde". Wie passend. Der tschechische Führer wollte danach nie wieder auf den Berg, weil er soviele Menschen schon hat sterben sehen, und man läuft immer wieder an denen vorbei, weil die da keiner wegschaffen kann und die auch nicht "zerfallen", weil es dort immer kalt genug ist... Naja, generell sollte man sowas nicht gut heissen.
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