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Big-Wave-Surfer Sebastian Steudtner: "Ich reise dahin, wo die Wellen sind"

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Sebastian Steudtner ist ein Berufsreisender der speziellen Art: Dem professionellen Big-Wave-Surfer diktiert die Natur die Reiseziele. Jetzt will er in Europa Riesenwellen finden. Ein Interview über Vor- und Nachteile der Rastlosigkeit.

Big-Wave-Surfer Sebastian Steudtner: Nach der Welle ist vor der Welle Fotos
Sebastian Steudtner

Zur Person
  • Sebastian Steudtner
    Sebastian Steudtner, 29, wuchs in Nürnberg auf. Als 16-Jähriger zog er nach Hawaii, um Profi-Surfer zu werden, später spezialisierte er sich auf besonders hohe Wellen. 2009 surfte er einen 22-Meter-Brecher und erhielt als erster Europäer den "Big Wave Award".
SPIEGEL ONLINE: Herr Steudtner, wie viel Zeit im Jahr reisen Sie?

Steudtner: Zehn Monate etwa. Im Moment ist mein Zuhause die Welt.

SPIEGEL ONLINE: Wo sind Sie am häufigsten?

Steudtner: Die meiste Zeit des Jahres pendele ich vor allem zwischen Nazaré in Portugal und Sligo in Irland hin und her.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Steudtner: Weil es da die qualitativ besten Wellen Europas gibt - und weil ich von dort aus ganz Europa abdecken kann. Finanziell kann ich im Moment nicht an mehr als zwei Orten Jetskis haben, und die braucht man beim Big-Wave-Surfen, um in die Welle zu kommen.

SPIEGEL ONLINE: Wohin reisen Sie sonst?

Steudtner: Immer dahin, wo die Wellen sind. Im letzten Winter war ich sehr viel unterwegs. Mein Team und ich haben die topografischen Werte an Plätzen vor allem in Irland und Spanien untersucht, wo große Wellen sein könnten. Das sind meine Ziele: Ich will die größte Welle der Welt surfen, und ich will die fünf, sechs Wellen in Europa finden, die das Potenzial dazu haben.

SPIEGEL ONLINE: In den USA kennt man die Orte fürs Big-Wave-Surfen mittlerweile, in Europa ist das anders.

Steudtner: Weil der Sport hier noch neu ist. An unsere Küsten rollen die größten Wellen der Erde, aber wir wissen noch nicht, wo. Nazaré, Belharra und Mullaghmore in Irland sind die einzigen bekannten Orte, aber auch da gibt es keine von Sponsoren oder anderweitig aufgebaute Logistik. Ich muss bei jeder Destination selbst rausfinden, ob es da Wellen gibt und wann. Das kann Jahre dauern.

SPIEGEL ONLINE: Worauf kommt es an?

Steudtner: Ich muss wissen, welchen Jetski ich brauche, welches Board, welche surferischen Fähigkeiten und welche Sicherheitsmaßnahmen. Wie kann ich jemanden abtransportieren? Was ist mit Krankenhäusern, der Küstenwache? Ein Riesenaufwand.

SPIEGEL ONLINE: Wie finanzieren Sie das?

Steudtner: Neben dem Surfen arbeite ich viel an der Vermarktung und Organisation des Sports, oft 15 Stunden am Tag. Seit 2008 halte ich Vorträge für Unternehmen, über Motivation, Teamarbeit und das Verhalten in Extremsituationen. Ich habe eine Produktionsfirma, von der alle meine Videos kommen, damit verdiene ich auch etwas.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet Reisen für Sie?

Steudtner: Vorfreude auf etwas Neues. Freiheit. Notwendigkeit, meinen Sport machen zu können. Arbeit. Kommt immer auf das Ergebnis an.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Steudtner: Wenn ich nach Irland fliege, dort sind drei Grad, Regen, keine Wellen, und dann geht's nach Portugal, wo es auch schlecht ist - das wird schnell anstrengend. Aber wenn ich nach Irland fliege, dort sind minus ein Grad, Sonnenstrahlen und riesengroße Wellen, ist das überhaupt keine Belastung. Reisen ist immer mit Risiko verbunden: Wenn wir nicht surfen können, ist das ein Minusgeschäft.

SPIEGEL ONLINE: Wie reist man am besten?

Steudtner: Mit dem Flow: Was passiert, passiert. Wenn ich einen Flug verpasse und deswegen irgendwo übernachten muss, gebe ich lieber 50 Euro mehr aus für ein gutes Hotel mit Gym und trainiere da, statt durchzudrehen. Wobei ich natürlich auch schon den Standstreifen benutzt habe, um einen Flug zu kriegen. Ich versuche aber, vor einem Termin einen Tag früher da zu sein, um runterzukommen.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie immer dabei?

Steudtner: Laptop, Handy, gute Ohrhörer. Auf langen Reisen lese ich gern, zuletzt "Metro 2033" von Dmitry Glukhovsky. Und ich trage immer Jogginghose, Turnschuhe und eine Kapuzenjacke, in die ein aufblasbares Nackenkissen und eine Schlafbrille eingebaut sind.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht Ihr Gepäck sonst aus?

Steudtner: Wenn ich von Irland nach Frankreich mit dem Auto reise, sind zwei Jetskis, 15 Bretter, sechs, sieben Neoprenanzüge an Bord. Im Flugzeug sind es zwei, drei Surfbrett-Taschen, mit Brettern zwischen 1,50 und 4,20 Metern Länge und einem Berg von Equipment.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es beim Check-in oft Schwierigkeiten?

Steudtner: Ja. Wenn man spät dran ist. Mittlerweile muss man das Gepäck vorher anmelden, daran denken wir oft nicht, weil wir meist online buchen und einfach zum Flughafen rasen. Und das Schleppen nervt.

SPIEGEL ONLINE: Was fehlt Ihnen auf Reisen?

Steudtner: Ich habe fast neun Jahre lang im Winter auf Hawaii gelebt, das vermisse ich sehr. Ein festes Zuhause. Jaws, die Welle, auf der ich das Big-Wave-Surfen gelernt habe, lag vor der Haustür. Es gab eine Routine: zwei, drei Wochen am Stück jeden Tag surfen, Training. Ich hatte ein familiäres Leben. Darauf muss ich gerade verzichten.

SPIEGEL ONLINE: Wo wohnen Sie unterwegs?

Steudtner: Bei Vorträgen, Terminen und bestimmten Surfreisen in Hotels, sonst bei Freunden. Ich bin ein sehr familiärer Typ. Ein steriles Hotelleben wäre nichts für mich.

SPIEGEL ONLINE: Worauf achten Sie bei der Hotelauswahl?

Steudtner: Ich mag kein Standardfrühstück wie Toast mit Käse. Und ich brauche ein Gym, um zu trainieren. Am liebsten ist mir ein Pool, in den ich zwischendurch mal springen kann.

SPIEGEL ONLINE: Dokumentieren Sie Ihre Reisen?

Steudtner: Ja. Ich hasse diese Facebook-Instagram-Attitüde, alles online zu stellen, aber ich mache für mich Fotos. Bei Facebook habe ich nur eine Fanseite. Kontakt halte ich über Handy, E-Mail und WhatsApp.

SPIEGEL ONLINE: Welcher Ort ist der schönste?

Steudtner: Tahiti. Das Klima ist perfekt, die Wellen sind wahnsinnig gut und die Menschen von der Kultur und Persönlichkeit her faszinierend. Ich habe viele gute Freunde da.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Ort in Europa empfehlen Sie zum Surfen?

Steudtner: Für Anfänger ist Bundoran in Irland am besten, sonst Mullaghmore. Die Welle dort ist aber sehr gefährlich und anspruchsvoll, so wie Teahupoo auf Tahiti. Nur das Wasser ist kälter, 4 bis 6 Grad. Und die Leute sind entspannt. Für mich sind die Iren mit das gastfreundlichste Volk.

SPIEGEL ONLINE: Was war Ihre bislang wichtigste Reise?

Steudtner: Ich wollte schon mit 13 nach Hawaii und Surfer werden. Alle haben darüber gelacht. Aber mit 16 bin ich tatsächlich hin, allein, meine Eltern haben mich zum Flughafen gebracht. Aus der Reise ist alles entstanden. Nach fünf Monaten bin ich kurz nach Deutschland zurück, dann hab ich die Schule abgebrochen.

SPIEGEL ONLINE: Wohin wollen Sie unbedingt noch?

Steudtner: Im Herbst nach Norwegen und später nach Kamtschatka in Russland. Beides ist total exotisch, was Surfen angeht. Mit dem bisherigen Equipment ging das an so kalten Orten gar nicht. Aber ich arbeite gerade an einem Anzug mit, der das Auskühlen verhindern soll.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie durch das Reisen gelernt?

Steudtner: Spontan zu sein. Nicht zu werten. Als ich das erste Mal auf Tahiti war, mit einem Kumpel, hatten wir keinen Plan, wo wir übernachten und wo die Wellen sind. Nach einer Woche hatten wir Wohnmöglichkeiten, ein Boot, Leute - weil wir offen waren. Man kann immer Gründe finden, warum etwas nicht klappt. Aber wenn man ohne Angst und Vorurteile auftritt, ohne durch Pläne zu festgelegt zu sein, kommen die guten Sachen von selbst auf einen zu.

Das Interview führte Eva-Maria Träger

Das Gespräch mit Sebastian Steudtner ist Auftakt der neuen Reihe "Menschen im Hotel", für die SPIEGEL ONLINE Reise Personen befragt, in deren Leben Reisen und Reisende eine besondere Rolle spielen.

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Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern
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1. Suechtig
Heimatlos 25.08.2014
Auch so einer von diesen Zeitgenossne, die die Natur lediglich als Kulisse sehen, und lediglich auf der Suche nach noch mehr Kulisse sind. Solche Typen interessieren sich ueberhaupt nicht fuer andere Werte oder fuer sonstige Naturbegebenheiten, die koennen nicht mal das Meer an sich geniessen, weil sie es stets im Suchblick der Welle haben. Wie Suechtige. Ich kenne solche Typen aus meinem Land, die hier, auch als Tourist, Scharenweise einfallen und fuer nichts anderes Interesse zeigen als Welle, Welle und nochmals Welle. Suechtigen wuerde ich kein Fórum bieten, ihre Suchtprobelme auch noch oeffentlich zu machen.
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