Blizzard-Chaos in New York Die verrückte Geschichte von Flug 176

Blizzard über New York. Nichts geht mehr. Doch die Airline sagt: Unser Flug schon. Was Marc Pitzke im Schneechaos an der US-Ostküste erlebt hat, ist der reine Reise-Horror. Eine Elf-Stunden-Geschichte von dreisten Versprechen, Verzweiflung an Bord - und einem waghalsigen Trip durch die eiskalte Hölle.

Dann kam der Blizzard: New York in der Eiseskälte
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Dann kam der Blizzard: New York in der Eiseskälte


Es beginnt mit einer Vorahnung. Besser gesagt: mit dem Wetterbericht.

Ein Blizzard, der schlimmste seit Jahrzehnten, wälzt sich die US-Ostküste entlang auf uns zu. Virginia, Washington, Baltimore, Philadelphia - unaufhaltsam rückt das Schneemonster näher.

New York City soll es am schlimmsten zwischen 16 Uhr und 4 Uhr früh treffen.

Mein Flug, British Airways 176 von JFK nach London-Heathrow, soll um 19.40 Uhr starten.

Mein Freund Marco, zur gleichen Zeit mit Air France nach Paris gebucht, bekommt mittags einen Anruf von der Airline: Sein Flug sei annuliert. Marco bucht auf Sonntag um und macht dann Pläne, das Winterchaos gemütlich vom heimischen Fenster aus zu verfolgen.

Ich bekomme keinen Anruf.

Vorsichtshalber rufe ich British Airways an. Eine Computerstimme mit britischem Akzent informiert mich, dass die "geschätzte Wartezeit" für eine persönliche Auskunft 98 Minuten betrage, und schaltet mich auf beschauliche Zithermusik. Ein erstes Omen.

Bis zur letzten Minute online

Irgendwann hebt jemand ab. Ja, versichert die Kundendienst-Dame, BA- Flug 176 werde trotz des Sturms starten. Ich will dennoch umbuchen, sicher ist sicher. Nein, das dürfe ich erst, wenn der Flug offiziell annulliert sei, sonst würde ich mein Ticket verwirken. Ich zögere, da mich dieses Ticket inklusive Anschlussflug nach Düsseldorf 936,78 Dollar gekostet hat (Economy). So was gibt man ungern auf. Die Dame ermutigt mich: Ich könnte den Flugstatus ja bis zur letzten Minute online verfolgen.

Als da in der letzten Minute immer noch "planmäßig" steht, steige ich widerwillig ins Taxi. Es hat heftig angefangen zu schneien.

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Weihnachtschaos in den USA: Städte versinken im Schnee

Am Airport herrscht längst Chaos. Tausende Passagiere sind dabei, das Weite zu suchen, weil ihre Flüge ausgefallen sind. Die Taxis, die sie wegbringen, werden wegen des Schneegestöbers nicht mehr zum Flughafen zurückkehren. Ich bitte meinen Fahrer, 15 Minuten zu warten, falls auch mein Flug noch gestrichen wird. Der Fahrer murrt. Er will nach Hause, denn im Fernsehen läuft Football. Er ruft seine Frau an und weist sie an, die Cannelloni warm zu stellen.

Das Fräulein am Eincheck-Schalter beteuert: "Ja, wir fliegen wirklich." Dann knöpft sie mir 60 Dollar Gebühr für meinen zweiten Koffer ab. Ich schicke den Taxifahrer heim zu Frau und Football. Draußen ist es stockfinster geworden. Der Schnee weht jetzt in Striemen quer. Die Terminals versinken im Nebel.

Stau an der Enteisungsstation

Um 19 Uhr gehen wir tatsächlich an Bord der Boeing 777. Meine Stimmung steigt. Der Jet ist neu, das Kabinenpersonal aufgekratzt. Der Kapitän macht uns Vorfreude aufs bessere Wetter in London. Wir docken vom Gate ab.

Und bleiben nach fünf Metern stehen.

Eine Stunde später teilt der Kapitän mit, es gebe einen Stau an der Enteisungsstation. Vor uns im Stau ist Lufthansa-Flug 411 nach München, planmäßige Abflugzeit 17.45 Uhr. Dort ist ein Bekannter an Bord. "Erster Enteisungsversuch gescheitert", schreibt er auf seiner Facebook-Seite, die ich auf meinem iPhone mitlese. So weit wären wir gern.

Nach einer weiteren Stunde meldet sich der Kapitän wieder: Es warteten "nur noch" drei Maschinen vor uns auf Enteisung, dann wären wir dran. Allerdings müsse der Enteisungstruck erst nachgetankt werden, danach würde es noch mal etwa eine Dreiviertelstunde dauern.

Draußen verschwindet das Rollfeld im Schnee. Auf unseren Tragflächen hat sich eine dicke weiße Eiskruste gebildet, die minütlich dicker und weißer wird. Die ersten Babys schreien laut.

Gestrandet in der Kabine

Nach drei Stunden rollen wir zum Gate zurück - aber aussteigen dürfen wir erstmal nicht. "Wir wissen Ihre Geduld zu schätzen", flötet der Kapitän, mehr Neues hat er nicht mitzuteilen. Die Tragflächen sind durchs Fenster nicht mehr erkennbar.

In der Maschine ist es inzwischen fußkalt. Im Klo ballt sich das Papier. Die Luft wird dicker, die Babys lassen sich kaum mehr beruhigen.

Eine halbe Stunde später meldet sich der Kapitän, diesmal mit "a little bit of bad news", "ein bisschen schlechten Nachrichten": Der Flug sei mit sofortiger Wirkung gestrichen worden. Leider sei das Bodenpersonal aber schon nach Hause gegangen. Wir dürften erst von Bord, wenn Ersatzleute eingetroffen sind.

Die Passagiere beginnen zu meutern. In der Kabine gibt es böse Wortwechsel. Der Kapitän spricht erneut. In scharfem Ton stellt er klar, wer an Bord das Sagen hat: seine Kabinencrew, nicht die Gäste.

Die Purserin beruhigt uns, verspricht umgehende Betreuung im Terminal. Man werde uns umbuchen und in Flughafenhotels unterbringen, weil die Autofahrt unmöglich geworden sei.

Der Blizzard hat seinen Höhepunkt erreicht. Mein iPhone vermeldet Windgeschwindigkeiten von bis zu 70 km/h, bei minus 30 Grad Celsius.

Nach insgesamt vier Stunden Ausharren in der Kabine beginnt die Crew, das Abendessen zu servieren. "Beef oder Nudeln?", zwitschert die Flugbegleiterin, gefolgt vom Kollegen mit der Kanne: "Wollen Sie dazu ein bisschen Tee?" Zum Beef gibt's Linsensalat und grüne Bohnen.

Keine Änderung mehr möglich

Ich versuche, online umzubuchen. Die Website von British Airways bedauert allerdings: Meine Buchung sei für Änderungen "unavailable", weil ich schon eingecheckt sei und die Maschine planmäßig um 19.40 Uhr starten werde.

Da ist es 22.30 Uhr.

Nach fünf Stunden werden wir endlich aus der Maschine entlassen. Womit nun der zweite Akt des Dramas beginnt.

Überall im Terminal liegen Hunderte gestrandete, erschöpfte Passagiere - am Boden, auf Bänken, in den schmutzigen Ecken des Food Courts, selbst in den Toilettenvorräumen. "Unser Bodenpersonal erwartet Sie an der Gepäckausgabe", sagt die Flugbegleiterin.

An der Gepäckausgabe stapeln sich unsere Koffer. Vom Bodenpersonal keine Spur. Mit einer Gruppe Mitreisender mache ich mich auf die Suche nach jemandem in Uniform. Wir stöbern einen einzigen British-Airways-Mitarbeiter auf. Im oberen Stockwerk, beim Check-in. Der Arme versucht, sich hinter seinem Computer zu verstecken.



insgesamt 117 Beiträge
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Fackus 21.12.2009
1. wieder ein erschütternder Bericht über
den Zeitgeist. Über jede Kleinigkeit wird lamentiert. Jede Minute wird gezählt und analysiert. Alles wird beklagt und zur halben Katastrophe aufgeblasen. Die Leute sollen froh sein, daß sie diesen Luxus überhaupt haben und das dümmliche Gewinsel über ein paar Stunden Verspätung lassen - für eine Reise um die halbe Welt.
Oskar ist der Beste 21.12.2009
2. na ob das so stimmt...
Zitat von sysopBlizzard über New York. Nichts geht mehr. Doch die Airline sagt: Wir heben ab. Was Marc Pitzke im Schneechaos an der US-Ostküste erlebt hat, ist der reine Reise-Horror. Eine Elf-Stunden-Geschichte von dreisten Versprechen, Verzweiflung im Flieger - und einem waghalsigen Trip durch die Eishölle. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,668287,00.html
also, eigentlich kommt mir die Story schon merkwuerdig vor. Denn British Airways fliegt allein aus JFK jeden Tag 8 mal nach London Heathrow, dazu 2x nach London City und einmal nach Amsterdam mit Opensky. Und bei einer solchen Anzahl von Fluegen kann ich mir diese miese Betreuung insb. ausserhalb der Maschine nicht vorstellen, zumal bei der Lufthansa Maschine ja alles glatt lief. (relativ gesehen).
Ein netter Netter 21.12.2009
3. Hmm
Auch wenn es sich klugsch..isch anhört - aber es ist immer nicht so geschickt, das zu tun, was zehntausende Anderer auch zur gleichen Zeit tun wollen, wie z.B. zu Weihnachten zu reisen. "Weihnachten zu Hause" ist sowieso stark überbewertet - denn die Strapazen werden durch kein noch so starkes sentimentales Gefühl wettgemacht. Hätte der Autor doch einfach Weihnachten in New York verbracht, und einfach mit Skype zu Hause angeklingelt. Denn technisch versiert scheint er ja zu sein, wie er uns nicht ganz unangeberisch im Artikel mitteilt.
kulturphänomen 21.12.2009
4. -
Zitat von sysopBlizzard über New York. Nichts geht mehr. Doch die Airline sagt: Wir heben ab. Was Marc Pitzke im Schneechaos an der US-Ostküste erlebt hat, ist der reine Reise-Horror. Eine Elf-Stunden-Geschichte von dreisten Versprechen, Verzweiflung im Flieger - und einem waghalsigen Trip durch die Eishölle. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,668287,00.html
hey, cool, fällt garnicht auf und bringt Kohle
fluxkompensator, 21.12.2009
5. That's BA
Ist mir ganz ähnlich in London gegangen, wegen "bad weather in Europe", wie unsere britischen Scherzkeks-Freunde über Lautsprecher verkündeten. Ich habe allerdings noch ein Hotelzimmer bekommen, zu dem ich dann zu Londoner Preisen aber selbst hin musste. Ich frage mich bei solchen Nachrichten immer, was man wohl der armen Bahn angetan hätte, würde sie so etwas ihren Kunden zumuten. Lynchjustiz, mindestens.. Aber die Fluglinien können, aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen, auf m.E. nicht berechtigte Vorschuss-Sympathie bauen.
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